erstellt am
12. 07. 04

Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel bei der Trauersitzung der Bundesversammlung

Hohe Bundesversammlung! Exzellenzen, Eminenzen!
Verehrte Trauerfamilie! Liebe Österreicherinnen und Österreicher!

Dies sollte die Stunde der feierlichen Amtsübergabe des scheidenden an den neuen Bundespräsidenten sein. So sieht es die Verfassung vor - und so entspricht es auch unseren Gefühlen des Respekts, der Anerkennung und der Dankbarkeit.

Aber das, was wir „Schicksal“ nennen, hat es anders gewollt: Aus dem Abschied in den Ruhestand ist auf tragische Weise ein Abschied für immer geworden.

Erschüttert hat das ganze Land den Todeskampf unseres Staatsoberhauptes Dr. Thomas Klestil mitverfolgt. Und in großer Trauer sind wir nun hier versammelt - um ihm in der Stunde, in der seine Amtszeit auch offiziell zu Ende geht, ein doppeltes Lebewohl zu sagen - als Bundespräsident und als Mensch. Und um ihm – auch wenn er nicht mehr unter uns ist – eben diesen unseren Respekt, unsere Anerkennung und unsere Dankbarkeit abzustatten – in der Hoffnung, dass sie ihn auf Wegen erreichen, die wir nicht kennen.

Auf den Tag genau zwölf Jahre sind vergangen, seit er hier vor der österreichischen Bundesversammlung den Eid auf unsere Verfassung abgelegt hat: Strahlend und voller Energie; welterfahren und doch mit einer Liebe zu seiner Heimat, in der er sich von niemandem übertreffen lassen wollte.

Hier hat er sich damals leidenschaftlich zu einem österreichischen Patriotismus bekannt, der – und ich zitiere ihn - „nicht auf Abgrenzung gegenüber anderen Völkern beruht, sondern auf der Verbundenheit mit Land, Stadt und Gemeinde, mit der eigenen Kulturlandschaft und Sprache, mit religiöser und menschlicher Zusammengehörigkeit“.

Dieser Patriotismus – dieser „Stolz auf Österreich“ – hat sein ganzes Leben geprägt. Mit unbeirrbarer Heimatliebe hat er unser Land und seine Menschen draußen in der Welt vertreten – auch an schwierigen Orten und zu schwierigen Zeiten.

Für viele Menschen hat er so ein neues, geläutertes Österreich vertreten, das sich nicht nur zu den lichten, sondern auch zu den dunklen Stunden seiner Vergangenheit bekennt und aus ihnen gelernt hat.

Unvergesslich bleibt seine Fürsorge für Zehntausende jüdische Altösterreicher vor allem in Amerika, die durch ihn - und dank ihm - eine neue Nähe zum Land ihrer Eltern gefunden haben.

Und unvergesslich bleibt auch sein Besuch in Israel – der erste eines österreichischen Staatsoberhauptes nach dem Schrecken des Holocausts – und die enorme Herzlichkeit, die er in Jerusalem mit seinen Worten, seinen Gesten und auch seinen Tränen bewirkt hat.



Meine Damen und Herren,

an jenem 8. Juli 1992, als Thomas Klestil hier angelobt wurde, standen Europa und Österreich noch ganz im Zeichen eines fundamentalen Wandels, wie ihn wohl niemand erwartet und erträumt hatte.

Aus einer – vielleicht sogar komfortablen – Randlage war unsere Republik plötzlich zum Kernland eines offenen, noch ungeformten Kontinents geworden.
Hier in diesem Saal stand damals der soeben angelobte Bundespräsident - und er verpflichtete sich und uns, alles nur Menschenmögliche zur Um- und Neugestaltung Europas beizutragen. „Wir können uns keine Selbstbezogenheit mehr leisten,“ sagte er. „Die Vorstellung, in glücklicher Abgeschiedenheit allein zu überleben, ist heute fern jeder Realität“.

Niemand in diesem Land - und ich sage das auch in dieser Stunde ohne falsche Idealisierung –, niemand hat die Überwindung einer Mentalität glücklicher Abgeschiedenheit und das Wiederentdecken alter Nachbarschaften mehr vorangetrieben als Thomas Klestil. Seine Besuche an den und über die Grenzen, seine Einladungen, der sorgfältige Aufbau menschlicher Netzwerke, all das hat Mitteleuropa entscheidend mitgeprägt.



Und noch etwas:

An jenem 8. Juli 1992 hat Bundespräsident Thomas Klestil hier sein persönliches Bekenntnis zu einer Mitgliedschaft Österreichs in der Europäischen Union abgelegt.
„Je früher wir ihr angehören, umso eher können wir ihre Politik mitbestimmen" (Antrittsrede).

Alle, die damals von der Richtigkeit dieses Weges nach Europa überzeugt waren, haben im Staatsoberhaupt einen leidenschaftlichen Mitkämpfer, alle noch Unsicheren einen aufmerksamen Zuhörer für ihre Sorgen und Ängste gefunden. Thomas Klestil war hier Motor und Mitgestalter.



Hohes Haus meine Damen und Herren!

Jeder Tod, jedes Sterben eines Menschen, ist auch eine Botschaft. Eine Botschaft, die wir nicht immer entschlüsseln können – und die uns gerade deshalb so sprachlos und hilflos macht. Der Tod eines Staatsoberhauptes ist es wert, darüber in besonderer Weise nachzudenken.

Selten haben wir Gefühle des Ausgeliefertsein, der Wehrlosigkeit, aber auch der Sehnsucht nach Geborgenheit so hautnah gespürt wie in diesen letzten Tagen. Das Sterben des Bundespräsidenten, des Menschen Thomas Klestil, hat uns schonungslos konfrontiert mit dem, wofür im Alltag meist kein Platz ist und was wir gerne verdrängen: dem Wissen um die Endlichkeit alles Lebenden, dem Wissen auch um unsere eigene Sterblichkeit. Mit seinem plötzlichen Tod hat uns Thomas Klestil in Erinnerung gerufen, wie eng die Grenzen sind für unser Wollen und Wirken.

So verweist uns auch diese Stunde des Abschieds von einem großen Österreicher zunächst auf die Endlichkeit, der wir alle unterworfen sind.

Zugleich aber haben wir gespürt, wie unsere Nation in Stunden des Todes und Verlustes und der Trauer ein gutes Stück näher zusammenrückt. Das sollte über diesen Abschied hinweg auch nicht verloren gehen. Aus gemeinsamer Betroffenheit ist auch in diesen vergangenen Tagen dieses Gefühl der Verbundenheit und des Zusammenrückens gewachsen.

Wir alle hatten diesen Tag anders geplant:

Danken wollten wir dem Bundespräsidenten nach 12 Jahren verantwortungsvoller Arbeit für unser Land, Glück und Freude wollten wir ihm wünschen für den Beginn seiner neuen Lebensphase. Natürlich wussten wir um sein Krankheit. Aber da war auch unsere Hoffnung, dass die Befreiung von der Bürde des Amtes seiner Gesundheit gut tun würde, dass dem Pflichtenkorsett nun für ihn eine freieres Leben folgen würde.

Jetzt sind wir gekommen, um Abschied zu nehmen von unserem Bundespräsidenten, vom Menschen Thomas Klestil.

Thomas Klestil hatte ein großes Herz. Dieses Herz gebot ihm wohl auch, sich in diesem Land besonders derer anzunehmen, die von Sorgen und Ängsten beladen waren. In Zeiten rascher Veränderungen entsteht Verunsicherung.

Viele fragen sich, ob morgen noch gelten würde, was gestern gegolten hat. Thomas Klestil, dem Weltbürger, war klar, dass es in der modernen Welt keine Garantien mehr gibt, ja dass Garantien vielleicht zu jeder Zeit Wunschdenken waren. Aber er hatte ein offenes Ohr und eine offenes Herz für diejenigen, die sich überfordert fühlten, die sich an den Rand gedrängt vorkamen, die sich fürchteten, mit ihren berechtigten Anliegen zu kurz zu kommen. Er tat, was immer in seiner Macht stand, um zu helfen, zu besänftigen, zu beruhigen, zu vermitteln.

Ein letztes Mal möchte ich Thomas Klestil zitieren – aus jener ersten Rede als Bundespräsident am 8. Juli 1992 – heute vor zwölf Jahren. Damals sagte er: „Die Politik braucht auch Menschen, die selbstlos für die res publica arbeiten, aus Liebe zu Österreich – und weil sie es als Ehre betrachten, dem Land zu dienen“.

Sicher war er selbst einer von denen. Für diesen Dienst an Österreich - draußen in der Welt und zuhause in Österreich - danken wir ihm.

In der Geschichte unserer Republik aber bleibt er lebendig!
     
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