Kardinal Schönborn: Dialog mit Islam ist "absolut notwendig"  

erstellt am
03. 01. 04

Wiener Erzbischof hielt Vortrag an islamischer Universität in Jakarta - "Jenseits aller Unterschiede sind Christen und Muslime zuallererst 'Menschen und Nachbarn'"
Wien (stephanscom.at) - Die Dringlichkeit eines Dialogs zwischen dem Christentum und dem Islam hat der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, am Donnerstag (30. 12.) in der indonesischen Hauptstadt Jakarta in Erinnerung gerufen. Dieser Dialog sei möglich, ohne dass beide Seiten ihren Wahrheitsanspruch aufgeben, sagte der Kardinal bei einem Vortrag an der islamischen "Syarif Hidayatullah"-Universität in Jakarta zum Thema "Interreligiöser Dialog und Frieden".

Der "schwierigste Punkt" im christlich-islamischen Dialog sei, dass sich beide Religionen als universale und missionarische Religionen verstehen, die nicht nur für ein bestimmtes Volk oder Land, sondern für die Menschen aller Völker da sind. Beide Religionen hätten den Anspruch, dass ihre Botschaft von der göttlichen Offenbarung alle Menschen zum Heil führen soll, sagte Schönborn. Wahrheit und Dialog seien dennoch kein Widerspruch, denn wer seinen eigenen Standpunkt aufgebe oder den des anderen nicht ernst nehme, könne keinen echten und ehrlichen Dialog führen.

Schönborn nannte drei Gründe, warum der Dialog nötig und möglich sei. Zum ersten bedeute der Glaube an einen Gott die Gewissheit, dass alle Menschen eine "Menschheitsfamilie" sind, die einen gemeinsamen Ursprung und ein gemeinsames Ziel hat. Jenseits aller Unterschiede seien Christen und Muslime zuallererst "Menschen und Nachbarn". Sie lebten "Tür an Tür" und bräuchten daher den "Dialog des täglichen Lebens" in gegenseitigem Respekt. "Eine leidende Mutter ist zuallererst eine leidende Mutter, und ein weinendes Kind zuallererst ein weinendes Kind, sind sie nun christlich oder muslimisch", hob Schönborn hervor.

Ein weiterer Zweck des Dialogs sei der Austausch religiöser Erfahrungen. Jeder Mensch habe einen Sinn für das Religiöse, Heilige. "Ein Muslim, der betet, ist zwar kein christlicher Beter, aber er ist ein Beter", so der Kardinal. Dieser Respekt vor der religiösen Haltung und Erfahrung des anderen - jenseits aller politischen, philosophischen, gesellschaftlichen oder juristischen Fragen - löse zwar nicht "die großen Probleme zwischen Islam und Christentum", sei aber wesentlich für das gegenseitige Verhältnis.

Ein dritter wesentlicher Aspekt des Dialogs sei die gemeinsame Verantwortung von Christen und Muslimen für Frieden, Gerechtigkeit, Entwicklung und den Schutz des Lebens.

Es gebe noch viele Hindernisse, Probleme und offene Fragen im Verhältnis zwischen Christen und Muslimen, zwischen Christentum und Islam, so Kardinal Schönborn. Diese Probleme müsse man auch offen sehen und benennen, etwa die wesentliche Frage der Religionsfreiheit. "Es gibt aber keinen anderen Weg als einen wahrhaftigen Dialog", hob der Wiener Erzbischof hervor.

Der Vortrag des Wiener Erzbischofs stieß an der islamischen Universität auf größtes Interesse von Professoren und Studenten. Die "Syarif Hidayatullah"-Universität bemüht sich, einen moderaten Islam zu fördern, der den indonesischen - und insbesondere auch javanischen - Traditionen entspricht. Die Leitung der Universität ist um große Offenheit gegenüber den Christen bemüht.
     
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