Enteignungen und Rückstellungen in Vorarlberg  

erstellt am
27. 01. 04

Buchpräsentation im Vorarlberger Landesarchiv
Bregenz (vlk) - Das Vorarlberger Landesarchiv startete am Mittwoch (26. 01.) ins österreichische Jubiläumsjahr. Viele Geschichtsinteressierte, darunter LTP Gebhard Halder, folgten der Einladung zur Buchpräsentation von Peter Melichar. Der Autor ist Historiker und Lektor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien und forschte im Auftrag der Österreichischen Historikerkommission. Ein Ergebnis dieser Forschungen ist die Studie über Vermögensentziehungen und Rückstellungen in Vorarlberg.

Wie Melichar berichtete, kam es während der NS-Diktatur auch in Vorarlberg zu Verfolgungen und Vermögensentziehungen. Vorarlberger Unternehmen waren aktiv und passiv an Enteignungen und Arisierungen beteiligt. Melichar erörterte auch regionale Besonderheiten, etwa die Schweizer Firma Wild in Heerbrugg, die Firma Ferdinand Scheffknecht in Lustenau oder das Schmelzkäsewerk der Firma Rupp, das im Juni 1938 an die Bauerngenossenschaft Alma verkauft wurde.

Die Firma Wild beschloss 1938 ihren Zweigbetrieb in Lustenau aus wirtschaftlichen Gründen zu verkaufen. Sie stieß auf das Problem, dass sie weder verkaufen konnte, an wen sie wollte, noch einen entsprechenden Preis für den Betrieb erzielen konnte. Die Firma war gezwungen, weit unter dem Wert an eine bestimmte deutsche Firma zu verkaufen. Ein zweiter Fall betraf die Firma Ferdinand Scheffknecht in Lustenau, die ihrem Eigentümer auf Grund wirtschaftskrimineller Machenschaften (Devisenvergehen, Steuerhinterziehung, Betrug in relativ großer Höhe) entzogen wurde. Interessant war die Tatsache, so Melichar, "dass Scheffknecht die Firma entzogen wurde, obwohl er bereit gewesen wäre, seine Schulden zu tilgen." Der dritte Fall zeigte deutlich, so Melichar, wie schwierig es war, entzogenes Eigentum zurückzubekommen. Dem Antragsteller Josef Rupp wurde nach drei Jahren von der obersten Rückstellungskommission bestätigt, dass es sich um keinen "redlichen Erwerb", sondern um eine Vermögensentziehung gehandelt habe.

Laut Melichar wurden von den etwas über 4.000 auf dem Gebiet des heutigen Österreich arisierten Betrieben, mit wenigen Ausnahmen, alle im Rahmen eines Restitutionsverfahrens behandelt. Tatsächlich mussten alle Personen, die ihr entzogenes Eigentum wieder zurückbekommen wollten, das Risiko und die Kosten eines Verfahrens, das sich oft über Jahre hinzog und die unternehmerische Handlungsfähigkeit beeinträchtigten oder gar lähmte, auf sich nehmen, so Melichar.

Es sage viel über eine Gesellschaft aus, wie sie mit ihrer Geschichte umgeht, betonte Melichar abschließend. Er erinnerte daran, "dass es, vor Einsetzung der Historikerkommission, häufig wissenschaftliche Außenseiter waren, die sich mit der NS-Geschichte auseinander gesetzt haben. Das war auch in Vorarlberg nicht anders." Aus der Sicht Melichars machten sie den von unerträglicher Verstockung gekennzeichneten Umgang mit der Vergangenheit irgendwie erträglicher.
     
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