Khol präsentiert "Zeitgenössische Kunst im Parlament"  

erstellt am
04. 08. 05

Peter Pakesch konzipierte als Kurator die Ausstellung
Wien (pk) - „Die Entscheidung, zeitgenössische Kunst im Parlament auszustellen und dafür einen eigenen Kunstkurator zu bestellen, zeigt von einer großen Wertschätzung für diese Künstlerinnen und Künstler. Ganz bewusst wollten wir nicht seit Jahrzehnten etablierten und vielfach ausgestellten Künstlern die Möglichkeit bieten, sich hier im Parlament zu präsentieren, sondern jenen, die mit großer Wahrscheinlichkeit die Kunstszene der nächsten Jahre noch stärker, als sie es jetzt tun, mitbestimmen werden“, sagte Nationalratspräsident Dr. Andreas Khol heute anlässlich der Präsentation der zweiten Reihe des Ausstellungszyklus ‚Zeitgenössische Kunst im Parlament’. Für Khol stellt die Präsentation der Kunstwerke sowohl eine Bereicherung für die Innenräume des Hauses als auch eine Förderung der Künstler dar. „Das ist ein Zeichen dafür, dass wir das Parlament in jeder Hinsicht öffnen. Es ist eine Daueraufgabe, sich mit dieser zeitgenössischen Form der Kunst auseinanderzusetzen.“

Die Werke der beiden Künstlerinnen Eva Schegel und Johanna Kandl, die schon bei der ersten Reihe dabei waren, bleiben noch hängen, wobei ein Bild von Johanna Kandl ausgetauscht wurde. Neu sind hingegen die Ausstellungsstücke von Manfred Willmann, Erwin Bohatsch, Michael Kienzer und Herbert Brandl. „Ich freue mich auch über die positiven Rückmeldungen, die ich über das Ausstellungskonzept und die hier präsentierten Bilder bekommen habe“, so Khol bei der heutigen Pressekonferenz im Empfangssalon des Parlaments.

Zur besseren Präsentation werden die Werke im Vergleich zum letzten Mal in der Säulenhalle gezeigt, bevor sie, rechtzeitig zu Sitzungsbeginn, in den jeweiligen Ausschusslokalen aufgehängt werden. Eva Schlegel in Lokal II und vor dem Nationalrats-Plenarsaal, Johanna Kandl in Lokal III, Manfred Willmann in Lokal IV, Erwin Bohatsch in Lokal V und Michael Kienzer in Lokal VIII. Ebenfalls neu sind die Werke des Künstlers Herbert Brandl, eine Leihgabe der Sammlung Essl. Es handelt sich um eine 16-teilige Serie, die in der Parlaments-Zentralgarderobe aufgehängt wurde. Im Rahmen von Parlamentsführungen sollen die Bilder Interessierten zugänglich gemacht werden.

Peter Pakesch als Kurator von „Zeitgenössische Kunst im Parlament“
Der Kurator des Landesmuseums Joanneum Graz und Kunstkurator des Hauses, Peter Pakesch, konzipierte Anfang dieses Jahres das Ausstellungskonzept „Zeitgenössische Kunst im Parlament“ und ist als Kurator für die laufenden Ausstellungen zuständig. Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler hängt primär von ihrer Positionierung im augenblicklichen österreichischen Kunstgeschehen ab. Pakesch: „Die Hängung von Werkgruppen aktueller Kunst in den Ausschusslokalen des Parlaments stellt eine mehrfache Herausforderung dar: Heute Bilder in der historistischen Architektur von Theophil Hansen zu hängen ist nicht minder spannend, wie diese Werke der bedeutenden Repräsentanten der heutigen österreichischen Kultur mit der politischen Sphäre, die die tägliche Wirklichkeit darstellt, zu konfrontieren.“

Zu den Künstlern Schlegel, Kandl, Willmann, Bohatsch, Kienzer, Brandl
Die 1960 in Hall/Tirol geborene Eva Schlegel zeigt eine durchaus homogene Gruppe von Portrait-Fotografien, die dem Sitzungszimmer, in dem sie ausgestellt sind, einen Saloncharakter geben. Alle diese Porträts haben einen mehr privaten Charakter, sie erscheinen vertraut. Damit wird bewusst ein Widerspruch hergestellt zum offiziellen Charakter eines solchen Raumes, in dem üblicherweise sehr formelle und repräsentative Porträts hängen. Dies ist ein bewusster Ansatz ‚triviale’ Alltagswelt und private Emotionen in eine politische Sphäre hineinzutragen und damit auf eine ständige Transformation und Vermischung der verschiedenen Sphären des Öffentlichen und Privaten hinzuweisen. Hiezu eignet sich die Ambivalenz dieser Fotografien äußerst gut, darin mobilisieren sie eine Brisanz, die uns bewusst macht, wie sehr das Private heute auch die politische Öffentlichkeit determiniert. In diesem Sinne bedeuten diese Bilder und ihre Hängung sehr wohl auch eine Auseinandersetzung mit der Architektur des Hauses und der Prozesse, die darin passieren.

Johanna Kandl wurde 1954 in Wien geboren. Sie versucht, die heutige Gesellschaft in ihrer Vielfalt darzustellen. Sie beschäftigt sich sowohl mit der Wirklichkeit des täglichen Lebens ganz unterschiedlicher Schichten und Bevölkerungsgruppen als auch mit den Mythen. Der Handel von Waren und der Austausch von symbolischem Kapital, wie es Mythen darstellen, sind dabei ein zentraler Punkt. Sie kontrastiert sehr pointiert mit Textbotschaften, die sie ganz unterschiedlichen Quellen entnimmt. Ihre Themen sind mannigfaltig: Die Anliegen der Frauen zählen genauso dazu, wie die Fragen der Globalisierung und deren Auswirkungen.

Der 1952 in Graz geborene Manfred Willmann hat sich um die Etablierung der Fotografie in unserem Land und im Kontext der bildenden Kunst besondere Verdienste erworben. Seit den frühen 1980er Jahren fotografiert Willmann die steirische Landschaft. Es handelt sich dabei um realistische Abbilder der Alltäglichkeit mit starker poetischer Kraft. Das Leben und die Umwelt der Menschen werden mit schonungsloser Offenheit und intimer Zärtlichkeit nachgezeichnet. Es ist eine Welt, die heute jegliche herkömmlich Idylle vermissen lässt und zeigt, wie sehr die Zeit über unsere Wirklichkeit hinweggegangen ist. Die Bilder dieser Erosionen machen uns drastisch bewusst, wie sich ländliche und suburbane Räume ändern, wie wenig wir heute vom Autochthonen sprechen können und wie komplex die Visualität auch eines nicht-urbanen Raumes geworden ist. Der Künstler breitet in hervorragender Weise den Alltag, die Natur, die Zivilisation, schlicht die Welt aus, die er immer wieder erlebt und mitlebt.

1951 in Mürzzuschlag, Steiermark, geboren, zeigt Erwin Bohatsch Gemälde mit Motiven des Fließens. Man erkennt Gebilde in monumentaler Gestalt, die aufgrund ihrer Größe auch als Formen einer Tropfsteinhöhle auszumachen wären. Wenn diese Umschreibung hier gelten darf, dann transportiert sie als Metapher auch etwas von den Grenzwelten, die dieser Malerei zugrunde liegen. Dieses Paradoxon von Fließen und Verfestigung, von malerischem Auftrag und bildhauerischen Abtragen, bringt als Ausdruck Prozesse und deren Kristallisation hervor, als Bild den Eindruck von Moment und Ewigkeit zugleich. Die in einem jeweiligen Werk reduzierte Tonigkeit der Farbe, eines Schwarzbraun, eines Weiß, eines Graublau oder eines Gelbgrün formt sich zu Stalaktiten und versetzt den Betrachter in die Atmosphäre eines solchen Höhleninneren. Die Tiefenwirkung in den Werken von Erwin Bohatsch entsteht nicht durch Beleuchtung der Formen von außen, vielmehr kommt Licht aus der Farbe selbst heraus.

Michael Kienzer, 1962 in Steyr geboren, ist in erster Linie Bildhauer. Die vorliegenden Objekte, Teppichzeichnungen, haben Qualitäten, die mit einem erneuerten Skulpturbegriff viel treffender zu beschreiben sind, als sie schlicht als Erweiterung von Malerei zu sehen. Materialität wird bei Kienzer eine ganz besondere Dimension des Räumlichen, was sich anhand der bezeichneten Teppiche, die mit minimalen Eingriffen aus materiellen Eigenschaften räumliche Sensationen entstehen lassen. Es handelt sich dabei um Reliefs eines neuen Typs, bei denen kleine Veränderungen im Material Raum erzeugen und dabei zum Bild in drei Dimensionen werden.

Der 1959 in Graz geborene Herbert Brandl ist Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Der scheinbare Widerspruch gegenständlichen und ungegenständlichen Bildschaffens und die Aufhebung dessen ist ein wichtiger Aspekt in seinem Werk. Die Bilder entstehen in unserem Bewusstsein, und wir sind ihre eigentlichen Schöpfer. Ein Maler wie Herbert Brandl gibt uns, in diesem Sinn, nur Anleitungen, wie wir sie schaffen können. Diese über die Massen fundamentale Haltung zur Kunst erlaubt es dem Künstler, ganz unterschiedliche Aspekte anzusprechen und Bedeutungen zu evozieren, im Ungewissen zu halten oder schlicht zu negieren. Der vorliegende Fries aus der Sammlung Essl kann durchaus als eine Etüde oder Studie solcher Praxis gesehen werden. Der Maler, der in der Regel als großer Kolorist glänzt, greift bewusst auf die Technik der Graumalerei zurück, um Möglichkeiten des Ausdrucks regelrecht aus- und anzuspielen. Unverkennbar ist in diesen Bildern auch seine Auseinandersetzung mit der Tuschmalerei und ihren Bezügen in der Fernöstlichen Kunst.
     
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