Wiener Theologische Fakultäten stellen sich ihren "Altlasten"  

erstellt am
17. 03. 06

20 Wissenschaftler präsentieren in der Dokumentation "Zukunft mit Altlasten" die Entwicklung an der Universität Wien und an der Akademie der Wissenschaften in den Jahren 1945 bis 1955
Wien (epd Ö) - Auch die Theologischen Fakultäten der Wiener Universität wollen ihre „Altlasten“ aus der NS-Zeit (1938 bis 1945) aufarbeiten. Der Rektor der Wiener Universität, Prof. Georg Winckler, sagte bei der Präsentation der Dokumentation „Zukunft mit Altlasten. Die Universität Wien 1945 bis 1955“, es sei wichtig, sich der „Altlasten“ im Rahmen der akademischen Lehr- und Forschungstätigkeit bewusst zu sein. In der Vergangenheit sei man, so der Rektor, „zu großzügig“ mit der Wahrheit umgegangen. Den 20 Wissenschaftlern, die die Dokumentation erstellt haben, attestierte der Rektor, dass die Texte, die auch die personelle Entwicklung der Akademie der Wissenschaften in diesem Zeitraum einschließt, „objektiv“ abgefasst seien.

Die Entwicklung an den beiden Theologischen Fakultäten der Wiener Universität stellen Prof. Rupert Klieber vom Katholischen Institut für Kirchengeschichte und Ministerialrat Karl Schwarz vom Bildungsministerium dar, der auch an der Evangelisch-Theologischen Fakultät lehrt. Ihr Kapitel lautet: „Gerüstet für eine Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse? Die beiden Theologischen Fakultäten der Universität Wien von 1945 bis 1955 zwischen Rückbruch und Aufbruch“.

Rupert Klieber kommt in seiner Studie zu folgenden Schlüssen: „Der einzige ansatzweise heikle Fall war jener des Kirchenhistorikers Franz Loidl, der sich in seinem relevanten Schrifttum als sehr ‚wendig’ erwies." Ausdrücklich verweist der Autor auf die Tatsache, dass in den Nachkriegsjahren die Besetzung der vakanten Lehrstühle an der Katholisch-Theologischen Fakultät ausschließlich aus dem bestehenden Reservoir der Lehrbefugten im Haus erfolgte. Die Stärke der Fakultät lag, so Klieber, nach 1945 nicht so sehr im Bereich der „großen“ theologischen Fächer als vielmehr im Bereich der so genannten praktischen Theologie. In diesem Zusammenhang erwähnt Klieber ausführlich den katholischen Pastoraltheologen Michael Pfliegler und erklärt zusammenfassend: „Das von ihm wesentlich mitbestimmte Pastoralkonzept einer selbstbewussten, parteilich ungebundenen Kirche in einer freien Gesellschaft bildet die Grundlage für das so genannte Mariazeller Manifest im Vorfeld des Katholikentages 1952 – später zur Charta kirchlichen Handelns in Österreich überhöht.“

In den Mittelpunkt der turbulenten Entwicklungen der Evangelisch-Theologischen Fakultät stellt Karl Schwarz die Person des praktischen Theologen Gustav Entz, den er als „eine zweifellos widersprüchliche Persönlichkeit der Universitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Schwarz betont wörtlich: „Von Haus aus deutschnational, wurde Gustav Entz ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus und ein entschiedener Gegner des katholischen Ständestaates, den er in Wort und Schrift bekämpfte. Nach dem ‚Anschluss’ mit dem Dekanat betraut, spürte er die Chancen seiner Fakultät und versuchte, diese für größere Aufgaben ins Gespräch zu bringen. Aus dem Briefwechsel mit den Reichsstellen in Berlin ist zu erkennen, dass er seine Gesprächspartner in Wien und Berlin geschickt ausspielte, um so das ihm anvertraute Haus durch die Wirrnisse der NS-Zeit hindurchzulavieren.“ Entz war, beginnend 1922, durch 35 Jahre akademischer Lehrer an der Evangelisch-Theologischen Fakultät.

Karl Schwarz unterstreicht, dass wichtige Exponenten der beiden theologischen Fakultäten im Nachhinein als charakterschwache „Wendehälse“ erscheinen, was „den komplexen Prozessen ihrer Entwicklung sowie ihrer subjektiv empfundenen Überzeugung wohl nicht gerecht wird“. Die Pastoraltheologen Pfliegler und Entz stehen, so Schwarz, für Entwicklungen, die in beiden Kirchentraditionen nach 1945 in besonderer Weise wirksam wurden. Beide Wissenschaftler verkörpern in ihrem Lehren und Wirken – stellvertretend für die Fakultäten, die sie wesentlich prägten – die betonte „Kirchlichkeit“ und „Seelsorge-Orientierung“ der österreichischen Kirchenverantwortlichen der Nachkriegsjahrzehnte.

Schwarz betont zusammenfassend: „Geheilt von den als abträglich erlebten politischen Verstrickungen des jeweiligen konfessionellen Milieus, versuchen sie und ihre Kollegen eine neue ‚Seelsorgergeneration’ zu formen, die ohne allzu kompromittierende politische Bindungen an einer genuin religiös verstandenen ‚Verchristlichung’ der österreichischen Gesellschaft arbeiten sollte.“

Zusammenfassend heißt es in der Dokumentation: „Formell kehrten die beiden Wiener Theologischen Fakultäten mit 1945 im Wesentlichen wieder auf die rechtlich-organisatorischen Grundlagen zurück, die ihr Wirken bis 1938 geregelt hatten. Dennoch reagierten sie auf die großen Herausforderungen der Nachkriegszeit nicht so sehr mit einer dezidierten Rückkehr zu alten Denk- und Verhaltensmustern, sondern haben auf ihre spezifische Weise versucht, einen konstruktiven Beitrag zu einer gedeihlicheren und versöhnten Zukunft ihrer Mitbürger und des wiedererstandenen Staatswesens zu leisten, mit dem sich nun beide Kirchentraditionen in analoger Aufrichtigkeit und Intensität identifizieren konnten.“
     
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