Weltklasseunis oder Bildungsmisere?  

erstellt am
15. 03. 06

 Broukal: "Das System krankt"
Wien (sk) - "Dieses System krankt", sagte SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal am Montag (13. 03.) bei einer Diskussion zum Thema "Weltklasseunis oder Bildungsmisere?". In Österreich dauert Studieren länger als in allen anderen vergleichbaren Ländern: "Hier muss es rasch zu Verbesserungen kommen", forderte Broukal. Die SPÖ schlägt vor, den Universitäten vier Jahre lang eine einzige Priorität zuzuordnen: Die Studien so zu organisieren und die Mittel dafür so bereitzustellen, dass es den Studierenden möglich ist, in der gesetzlichen Mindeststudiendauer – plus ein, zwei Semester – fertig zu werden. Broukal diskutierte auf Einladung der Jungen Generation Josefstadt mit ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek und vielen betroffenen StudentInnen, deren Statements einmal mehr die Unimisere veranschaulichten: Überfüllte Hörsäle, Verzögerungen beim Studienabschluss durch zu wenig Lehrveranstaltungsangebote und Studiengebühren.

"Es ist ja nicht so, dass wir uns, aus dem Überfluss schöpfend, eine Elite-Uni leisten, wir leisten sie uns trotz der Uni-Misere an den bestehenden Universitäten, und das ist der wunde Punkt", so Broukal. In Frage zu stellen sei das Zustandekommen des Elite-Uni-Projekts, sagte Broukal. "Das heißt nicht, dass es nicht doch zu einem guten Ende kommen kann", unterstrich der Wissenschaftssprecher. Wenn in Maria Gugging gute Arbeitsmöglichkeiten geboten werden, gebe es sicher genug junge Wissenschaftler, die darauf warten, eine Forschungsstelle zu bekommen und dafür auch den täglichen Weg ins "einsam im Wald gelegene" Maria Gugging auf sich nehmen. Selbst Brinek sprach in Bezug auf Gugging von einem "Abgeschiedenheitsprinzip mit Enklavencharakter".

"Was mich irritiert, ist, dass Gugging passiert ist, als ob wir keine anderen Sorgen hätten und es den bestehenden Universitäten gut ginge – dem ist mitnichten so", sagte Broukal und verwies auf FWF-Präsident Christoph Kratky und Rektorenchef Christoph Badelt, die beide enormen Nachholbedarf für den Forschungsförderungsfonds sehen: Kratky spricht von fehlenden 30 Millionen Euro, Badelt sogar von 50 Millionen Euro. Während unter der SPÖ noch 53 Prozent der Anträge des FWF bewilligt wurden, sind es jetzt nur mehr 38 Prozent, zeigte Broukal auf: "Hier brennt der Hut". Der "Schönheitsfehler" sei, dass die ÖVP mit dem Geld, das sie den bestehenden Unis vorenthält, eine Elite-Uni finanziert, unterstrich Broukal.

Ausbau statt Studienbeschränkungen
Das aktuellste Beispiel für die Uni-Misere sei die Pädagogik Graz: "Dort ist der Notstand ausgebrochen und konnte nur knapp abgewendet werden", so Broukal. 400 StudentInnen, hätten wegen Lehrveranstaltungsmangel und Personalknappheit beinahe ein Semester verloren. Der Hälfte wird nun geholfen, gleichzeitig spreche der Dekan der Pädagogik Graz jedoch von einer drohenden Aufnahmesperre für die nächsten zwei Jahre, weil das Geld fehlt, so Broukal. "Es ist das Recht der Politik, adäquate Ausbildungsleistung zu verlangen, und es ist das Recht der Universitäten, dafür bezahlt zu werden", unterstrich Broukal.

"Die SPÖ spricht sich vehement dagegen aus, in den nicht-medizinischen Fächern Zugangsbeschränkungen einzuführen oder Studenten nach kurzer Zeit rauszuprüfen", unterstrich Broukal. Ausbau sei angesagt, nicht Zurückweisung, so der SPÖ-Wissenschaftssprecher. "Über ganz Österreich gesehen beenden nur 60 Prozent der Studierenden ihr Studium", zeigte Broukal auf. Er, Broukal, wundere sich jeden Tag, wie die Universitäten mit so einem eklatanten Misserfolg zufrieden sein wollen, und kritisierte, dass den jungen Menschen in den gefragten Studienrichtungen Steine in den Weg gelegt würden.

"Mittlerweile fordern Studierende ihre gesamte Verwandtschaft und Bekanntschaft auf, sich vor die Computer zu setzen und gleichzeitig die Enter-Taste zu drücken, um irgendwie einen Lehrveranstaltungsplatz zu ergattern", so Broukal, der außerdem kritisierte, dass oft nicht einmal mehr Wartelisten geführt würden: "Wer einmal nicht durchkommt, kann sich im nächsten Jahr wieder hinten anstellen". "40 Prozent Drop-Out-Rate sind in Wahrheit ein Skandal und ein Beweis dafür, wie viel Verbesserung hier nötig ist", betonte Broukal. Die SPÖ sei bereit, die Sache anzugehen, so Broukal. Man höre immer wieder dieselbe traurige Geschichte: Studierende zahlen für ihr Studium, bekommen aber keine Lehrveranstaltungsplätze. "Ziel ist es, dass die große Mehrzahl der Studierenden in der Mindeststudienzeit ihr Studium abschießen kann", schloss Broukal.

 

 Grünewald: Gesetzesvorlagen zu Gugging bleiben fragwürdig
Wien (grüne) - "Auch Spitzenforscher mit Erfahrung ändern nichts an den fragwürdigen Gesetzesvorlagen zum Eliteinstitut in Gugging und an den 15a Vereinbarungen zwischen Bund und Niederösterreich. Massive Korrekturen der Gesetzesvorlagen sind die Voraussetzung dafür, die üble Optik politischer Einflussnahmen auf Standortfragen und Forschungsstrategie zu korrigieren", so Kurt Grünewald, Wissenschaftssprecher der Grünen. Die Tätigkeit von WissenschafterInnen müsse frei von Einflussnahmen politischer Natur und auch Geldgebern sein.

"Angesichts der wahrlich nicht rosigen Zustände an Österreichs Hohen Schulen scheint die Elite-Uni eher ein großmannssüchtiges Ablenkungsmanöver von den wahren Problemen an den Unis" sagt Grünewald und fordert mehr Geld für alle 21 Universitäten und die Aufstockung des FWF.

Grünewald hält es zudem für bezeichnend, dass nicht mehr die zuständige Ministerin, sondern die Industriellenvereinigung nunmehr die Initiative ergreifen müsse, um internationale Spitzenforscher damit zu beauftragen, zerbrochenes Porzellan zu kitten. "Allerdings sollte der Präsident der Industriellenvereinigung sich doch überlegen, ob Vergleiche zwischen Gugging, Weizmann Institut und ETH Zürich nicht allzusehr an den Haaren herbeigezogen sind. Die ETH Zürich investiert pro Studierenden beinahe vier mal soviel Geld wie eine österreichische Technische Universität. Weder das Weizmann Institut noch die ETH Zürich wurden zudem durch Befehl von oben und über Nacht zu Eliteinstitutionen", so Grünewald.

 

Brinek: Österreichische Hochschullandschaft in Bestform
Wien (övp-pk) - Als "völlig unverständlich" bezeichnete die Wissenschaftssprecherin der ÖVP, Abg.z.NR Gertrude Brinek, am Dienstag (14. 03.) die wahrheitsverdrehenden Aussagen von Josef Broukal und Kurt Grünewald. In den nächsten drei Jahren würde es nicht nur eine Milliarde mehr für Österreichs Unis geben, auch die Mittel für den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) seien seit 1999 um 50 Prozent aufgestockt worden. Gleichzeitig gebe es heuer auch mehr Bewilligungen des Wissenschaftsfonds, sagte Brinek und verwies auf die letztwöchige Aussendung des FWF. "Ich bin stolz, dass es Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer gelungen ist, gemeinsam mit der Industriellenvereinigung neben diesen großen Erfolgen auch noch so hochkarätige Forscher an das prestigeträchtige Exzellenzinstitut in Klosterneuburg zu holen", so Brinek weiter.

Ein "Milliardenpaket, das in der österreichischen Geschichte seinesgleichen sucht", nannte Gertrude Brinek das neue Uni-Budget für die nächsten drei Jahre. Elisabeth Gehrer habe es geschafft, zusätzlich zu den regulär vorgesehenen Mitteln für die Universitäten mehr als eine Milliarde Euro zur Verfügung zu stellen. Diese Großinvestition erhöhe das Budget der Universitäten allein von 2006 auf 2007 um 11 Prozent.

Auch zu Broukals kühner Polemik in Bezug auf die heutige Begehung des Exzellenzinstitutes in Klosterneuburg findet Brinek klare Worte. "Elisabeth Gehrer und die IV konnten die langjährigen Präsidenten des Weizmann Institutes, der ETH Zürich und der Max Planck Gesellschaft, Prof. Haim Harari, Prof. Olaf Kuebler und Prof. Hubert Markl, gewinnen. Elisabeth Gehrers Bemühungen, ein Spitzenforschungsinstitut in Klosterneuburg einzurichten, sind mit überwältigendem Erfolg verlaufen." Auch in der Standortfrage sieht Brinek Wankelmut bei der Opposition: "Hat die SPÖ noch im Februar vehement gegen Klosterneuburg als Standort votiert, so hat auch sie letztlich die klaren Standortvorteile einsehen müssen."

An Broukal richtete Brinek die Frage, wie er die paradoxe Aussage treffen könne, die Studiengebühren abschaffen zu wollen und gleichzeitig mehr Mittel für die Universitäten zu versprechen. In den letzten Jahren sei der Anteil der Studierenden, die keine Prüfung an der Universität ablegen, von 39 auf 20 Prozent gesunken. Die Zahlen sprächen auch für eine steigende Abschlussorientierung bei ungebremst steigenden Studierendenzahlen. Außerdem bekämen all jene, die sich Studiengebühren nicht leisten könnten, diese durch Stipendien zurück. "Durch Initiativen der Wissenschaftsministerin bekommt in Österreich jeder fünfte Studierende an einer Uni und bereits jeder dritte an einer FH ein Stipendium", so Brinek weiter.

Zur Kritik der Opposition an angeblich fehlenden Mitteln des FWF erklärte Brinek, dass die Mittel des FWF seit 1999 um mehr als 50 Prozent auf 120 Millionen Euro gestiegen seien und weiter steigen werden. Außerdem verwies Brinek auf eine Aussendung des FWF, aus der hervorgehe, dass auch die Zahl der Bewilligungen gestiegen sei. "Das österreichische Hochschulsystem präsentiert sich heute nicht zuletzt wegen der ehrgeizigen Pläne Elisabeth Gehrers um die Einrichtung eines Exzellenzinstitutes in Bestform", schloss Brinek.

Bewilligungsvolumen des FWF pro Jahr seit 1999: 1999: 79,7 Millionen Euro, 2000: 89,9 Millionen Euro, 2001: 85,9 Millionen Euro, 2002: 91,5 Millionen Euro, 2003: 99,5 Millionen Euro, 2004: 101 Millionen Euro, 2005: 115 Millionen Euro, 2006: 119,2 Euro.
 

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