Privataktionäre wichtig für Unternehmen  

erstellt am
23. 06. 06

Wien (prime) - Viele kleinere, illiquide Small- und Mid-Caps scheinen den aktuellen Baisse-Schub an den Aktienmärkten relativ unbeschadet zu überstehen, während gerade die großen, schwer kapitalisierten Blue Chips an der Börse zur Zeit kräftige Kurseinbussen hinnehmen müssen. Eine genaue Analyse der Aktionärsstruktur gibt allerdings Aufschluss darüber: Während die Kursbewegungen der Blue Chips hauptsächlich von großen, institutionellen Marktteilnehmern getragen werden, spielen Privatanleger bei der Kursfindung von Nebenwerten eine wesentlich größere Rolle. Zwar sind auch in diesem Marktsegment Institutionelle tätig, allerdings sehen sie diese Positionen zumeist bloß als Dividendentitel zur Depotbemischung. Ein kurzfristiger Ausstieg ist bei solchen Titeln für Fondsmanager ohnedies kaum möglich, da der Markt nicht die nötige Aufnahmefähigkeit besitzt, um größere Positionen von Institutionellen ohne ein selbst ausgelöstes Kursgemetzel absorbieren zu können.

Private treuere Aktionäre
Dieser Vergleich soll aufzeigen, dass sich Privataktionäre deutlich von Fondsmanagern oder professionellen Vermögensverwaltern unterscheiden – sowohl in ihrem Verhalten als auch bei ihren Anforderungen an die Investor Relations-Arbeit der Unternehmen. Privatanleger besitzen die Tendenz, sich auch in schwierigen Börsezeiten nicht gleich von ihren Papieren zu trennen – schließlich stehen sie auch nicht unter dem Druck, Jahr für Jahr eine Benchmark outperformen zu müssen. Und Leerverkäufe sind für Private im Gegensatz zu Institutionellen ohnedies Tabu. Diese stabilisierenden Eigenschaften von Privataktionären sprechen dafür, dieser Gruppe und ihren speziellen Bedürfnissen genug Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Da der Kenntnisstand privater Anleger meist nicht mit dem professioneller Teilnehmer mithalten kann, eignen sich für die Informationsübermittlung andere Instrumente als bei der Kommunikation mit Institutionellen. Als Ergebnis dürfen sich notierte Unternehmen eine stärkere Bindung der Privataktionäre an das Unternehmen – im besten Fall verkaufen Privataktionäre ihre Stücke nicht, sondern vererben sie – und eine allgemeine Imageverbesserung im Heimatland erwarten. Hunderte zufriedene, heimische Privataktionäre werden eher einen positiven Einfluss auf den Geschäftsgang eines österreichischen Unternehmens ausüben als eine Handvoll großer, internationaler Fondsmanager.

Pro oder kontra Privatanleger
Somit bedarf es zunächst einer Grundsatzentscheidung, ob sich notierte Unternehmen der Zielgruppe Privataktionäre im Rahmen ihrer IR-Strategie überhaupt annehmen. Manche Branchen wie etwa Bio- oder Nanotechnologie eignen sich nämlich weniger für Privataktionäre. Einerseits ist das Risiko bei diesen Branchen für Einzelinvestments in privaten Aktiendepots zu hoch, anderseits fehlt den meisten Privataktionären auch das nötige Know-how, um den Fortgang der Produkt-Entwicklung und der komplexen Zulassungsverfahren verschiedener nationaler Behörden korrekt einstufen zu können. Für jene Unternehmen, die mit Privataktionären gleichzeitig auch eine Zielgruppe für die eigenen Produkte ansprechen, wird es sich hingegen eher lohnen, spezielle IR-Maßnahmen für Privatanleger umzusetzen. Da im Internet-Zeitalter mittlerweile keine umfangreichen, teuren und komplexen Finanzinformationssysteme mehr nötig sind, um an die aktuellen Kursbewegungen oder die jüngste Ad-hoc-Mitteilung eines Unternehmens zu kommen, spielen großteils symbolische Maßnahmen eine wichtige Rolle bei den Bemühungen um das Wohlwollen der Privataktionäre.

Anliegen ernst nehmen
Es geht im Grunde hauptsächlich darum, auch Privatanlegern zu zeigen, dass sie dem Unternehmen wichtig sind und ihre Anliegen ernst genommen werden. IR-Verantwortliche sollten daher auch stets für Anfragen von Privataktionären erreichbar sein und einen Verteiler für diese Zielgruppe pflegen, um ihnen die Quartals- und Jahresberichte postalisch oder per e-Mail zusenden zu können. Darüber hinaus sind regelmäßige Veranstaltungen für Privatanleger wichtig, um ihnen etwa im Rahmen einer Werksbesichtigung persönlichen Kontakt zu einem Vorstandsmitglied inklusive kurzer Gesprächsmöglichkeit anzubieten. Von entscheidender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang aber der Umgang mit privaten Aktionären in Hauptversammlungen: Selbst bei der großzügigsten Naturaldividende bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn die Unternehmensführung gegenüber Privatanlegern einen herablassenden Stil pflegt. Denn gerade auch Privataktionäre sollten so behandelt werden, wie es ihnen zusteht – nämlich als Eigentümer.
     
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