Ein Pieks schreibt Medizingeschichte  

erstellt am
30. 06. 06

Vor 40 Jahren: Weltweit erste Plasmaspende in Österreich - Basis für Weltstandort einer "lebenserhaltenden" Industrie
Wien (bgf) - "Ohne Medikamente aus Blutplasma hätten viele meiner Patienten nicht überlebt". Das sagte der Unfallchirurg Prim. Dr. Georg Kukla am 29.06. bei einer Veranstaltung anlässlich der Einführung der Plasmaspende vor 40 Jahren.

Als Mitte der 60er Jahre in Österreich - zeitgleich mit den USA - die weltweit ersten Spenden von Plasma (der zellfreien Blutflüssigkeit) durchgeführt wurden, war es endlich möglich, ein wirksames und verträgliches Präparat zur Behandlung des Wundstarrkrampfes (Tetanus) herzustellen. Zuvor waren daran jährlich zwischen 100 und 200 Patienten erkrankt, und sehr viele davon gestorben. Mit der Einführung und Weiterentwicklung der Plasmaspende hat Österreich Medizingeschichte geschrieben - denn in den folgenden Jahrzehnten gelang es, die Eigenschaften der im Plasma enthaltenen Proteine für eine Vielzahl lebensrettender Medikamente zu nutzen.

Leistungsstarke Industrie entstanden
In der Folge ist in Österreich eine Plasma verarbeitende Industrie entstanden, deren Verarbeitungskapazität von über drei Millionen Litern Plasma weltweit nur von den USA (ca. 10 Mio. Liter) übertroffen wird. Heute beschäftigen die zwei plasmafraktionierenden Unternehmen Baxter und Octapharma in Österreich über 3.500 Mitarbeiter in diesem Bereich. Zahlreiche innovative Präparate wurden und werden in Österreich entwickelt. Diese Vorreiterrolle der heimischen Plasma fraktionierenden Unternehmen gelte es auch in Zukunft zu unterstützen, erklärte Frau Bundesminis-ter Maria Rauch-Kallat.

Rauch-Kallat: Österreich hat Vorreiterrolle

Österreich hat im Bereich der Plasmaverarbeitung immer eine gewisse Vorreiterrolle inne gehabt. "Umso mehr freut es mich dieses Symposium anlässlich der 40-Jahrfeier hier in Österreich auch noch unter Österreichischer Präsidentschaft eröffnen zu dürfen," so Ministerin Rauch-Kallat.

"Das Ansehen Österreichs in der Welt ist auf diesem Sektor sehr groß, was uns auch verpflichtet, unsere Industrie in der Rolle des Trendsetters zu unterstützen", betonte die Ministerin weiter. Die überaus gute und effiziente Zusammenarbeit aller an diesem Prozess beteiligten Parteien stelle eine wesentliche Voraussetzung für eine weitest gehend sichere Abnahme, Herstellung und praxis- nahe Versorgung der Patienten dar.

Bereitschaft zur Plasmaspende einmalig in Europa
Ähnlich dynamisch wie die verarbeitende Industrie hat sich auch die Plasma-Aufbringung selbst entwickelt. Heute wird die Plasmaspende in zehn Plasmapheresestellen in Graz, Innsbruck, Retz, Salzburg, Wels, Wien und Wiener Neustadt durchgeführt (je 2 Zentren in Graz, Innsbruck und Wien). Fanden 2000 in Österreich rund 242.000 Plasmaspenden statt (entspricht 180.000 Litern), waren es 2005 über 300.000 Spenden (rd. 233.000 Liter). "Im Vorjahr haben somit täglich rund 1.000 Österreicherinnen und Österreicher Plasma gespendet - das ist einmalig im europäischen Vergleich", sagte Mag. Rudolf Meixner, Vorsitzender der IG Plasma, in der alle zehn Plasmazentren vertreten sind.

Zum Beispiel Immunglobuline für Kinder mit angeborenem Immundefekt

Manche Patienten sind ihr Leben lang auf Arzneimittel aus Plasma angewiesen. So leiden beispielsweise rund 1.500 Menschen in Österreich an einem angeborenen Immundefekt. Wie Dr. Hermann Wolf von der Immunologischen Tagesklinik in Wien berichtete, bildet das Immunsystem bei einem Großteil dieser Patienten keine Antikörper (Immunglobuline) zur Abwehr von Krankheitserregern. Die Folge dieses Mangels: Ungewöhnlich häufige und teilweise lebensbedrohliche Infektionen. "Mit Immunglobulinen aus dem Plasma von gesunden Menschen können meine Patienten ein Leben ohne ständig wiederkehrende Infektionen führen", erklärte Dr. Wolf.

Auf die Bereitschaft zum Plasmaspenden werden Unfallopfer, chronisch Kranke und viele andere Patienten auch in Zukunft angewiesen sein. "So weit wir das heute abschätzen können, wird Plasma auf absehbare Zeit nicht durch künstliche Rohstoffe ersetzt werden können", erklärte Meixner. Die Industrie entwickle ständig neue Medikamente aus Plasma und neue Anwendungen. Meixner: "Langfristig ist daher mit einer steigenden Nachfrage nach Plasma aus sicherer Aufbringung zu rechnen".

Über die Plasmaspende (Plasmapherese)

Bei der Plasmaspende wird dem Spender wie bei der Blutspende eine bestimmte Menge Blut aus einer Armvene entnommen. Im Unterschied zur üblichen Vollblutspende wird hierbei das Plasma schon während der Abnahme von den Blutzellen getrennt. Das erfolgt in einem geschlossenen Kreislauf in einem computergesteuerten Gerät. Während das Plasma in einem Beutel gesammelt wird, werden die zellulären Blutbestandteile dem Spender wieder zugeführt. Der medizinische Fachbegriff für diesen Vorgang, der etwa eine Stunde dauert, lautet Plasmapherese ("Apherese" = Abtrennung).

Bei der Plasmapherese werden bis zu 700 ml Plasma (ohne Antikoagulanz) abgenommen. Da der menschliche Organismus alle Bestandteile des gespendeten Plasmas innerhalb von zwei Tagen wieder gebildet hat, kann insgesamt 50 Mal im Jahr Plasma gespendet werden. Spenden dürfen Gesunde im Alter zwischen 18 und 60 Jahren.
     
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