Migration und Integration  

erstellt am
10. 05. 07

Beyrer: Industrie will gemeinsame Lebensräume schaffen
IV legt Positionspapier für zukunftsweisende Migrations- und Integrationspolitik vor – Gesamtpaket soll Migration, Integration und Bewusstseinsbildung umfassen
Wien (iv) - Eine gelungene Migrations- und Integrationspolitik gehört zu den größten gesellschafts-, aber auch wirtschaftspolitischen Herausforderungen in Österreich. „Für die Industriellenvereinigung ist es wichtig, Zukunftsthemen auf die Agenda zu setzen. Eines der großen Zukunftsthemen in Europa ist die Debatte um Migration und Integration“, betont Mag. Markus Beyrer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV). Die IV hat ein umfassendes Positionspapier für eine zukunftsweisende Migrations- und Integrationspolitik erarbeitet. Dabei werden gesellschaftspolitische, wirtschaftspolitische und humanitäre Aspekte berücksichtigt. „Wir verfolgen damit mehrere Ziele: Qualifizierte Personen sollen motiviert werden, nach Österreich zu kommen. Die Rahmenbedingungen für Menschen mit Migrationshintergrund, die bereits im Land leben, sollen optimiert werden. Und es geht um Bewusstseinsbildung bei allen Beteiligten“, skizziert Beyrer den breiten Ansatz des Positionspapiers. „Denn Österreich war und ist ein Zuwanderungsland, und das hat viele Vorteile für Wirtschaft und Gesellschaft gebracht.“

„Migration und Integration werden häufig nur aus wirtschaftlicher, demographischer und rechtlicher Perspektive diskutiert. Oft wird vergessen, dass es sich um ein zutiefst menschliches Thema handelt“, betont Mag. Georg Kapsch, Vorsitzender des IV-Ausschusses für Gesellschaftspolitik, die Notwendigkeit für eine umfassende Migrations- und Integrationspolitik, die drei Module umfassen soll: Förderung des qualifizierten Zuzugs, Integration und Bewusstseinsbildung. „Im Mittelpunkt einer erfolgreichen, langfristig orientierten Migrationspolitik Österreichs steht qualifizierter Zuzug. Ein künftiges Modell soll es ermöglichen, dass Personen, die nach Österreich einwandern wollen, auf Basis klarer und transparenter Kriterien und unabhängig von Quoten rasch und einfach Aufenthalt und Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten“, so Kapsch zum Kern des Gesamtpakets.

Konkret bedeutet dies: Für die Rückkehr von Österreicherinnen und Österreichern sowie dem Zuzug aus der EU werden aktiv Informationen über Arbeitsbedingungen, Karrierechancen sowie relevante Rahmenbedingungen bereit gestellt. Der Zuzug qualifizierter Personen aus Drittstaaten basiert auf einem klaren und transparenten Punktesystem, das die Zuerkennung von dauerndem Aufenthalt und uneingeschränktem Zugang zum Arbeitsmarkt zur Folge hat. Ein befristeter Zuzug qualifizierter Personen zur Überbrückung von Engpässen am Arbeitsmarkt wird ermöglicht. Für Spezialistinnen und Spezialisten und Führungskräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft sollen Sonderbestimmungen geschaffen werden.

„Integration ist ein wechselseitiger Prozess. Ziel soll gesellschaftlicher Zusammenhalt und Chancengleichheit sein“, unterstreicht Kapsch. Zuwandernde Menschen müssen die europäischen Grund- und Menschenrechte sowie die rechtsstaatlichen Prinzipien der österreichischen Gesellschaft annehmen, zugleich werden ihre Identität stiftenden Werte, Kulturen und Prinzipien respektiert.

Ein künftiges Integrationspaket zielt auf zwei relevante Bereiche mit unterschiedlichem Zeithorizont: Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, die bereits in Österreich leben, geschieht durch den Erwerb guter Sprachkenntnisse, (Höher-) Qualifizierung, frühzeitige Förderung der Kinder sowie lokale und regionale Maßnahmen. Integration im Rahmen des künftigen Migrationsmodells soll darüber hinaus auf einem Anreizsystem mit dem Ziel der Staatsbürgerschaft basieren, wobei Rechte und Pflichten in Balance zu halten sind. Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Integrationspolitik ist eine ausreichende staatliche Steuerung, die von der Konzeption über die Finanzierung bis zur Koordination aller relevanten Institutionen reichen muss.

Bewusstseinsbildung ist ein Schlüsselfaktor für die erfolgreiche Umsetzung einer zeitgemäßen Migrations- und Integrationspolitik. Gezielte und aufeinander abgestimmte Aktivitäten für die breite Öffentlichkeit, in Unternehmen und vor allem auch in Bildungseinrichtungen können zu einem positiven Klima in Österreich beitragen.

Ein Erfolg versprechendes Migrations- und Integrationspaket bedarf auch begleitender Maßnahmen. Dazu gehören unter anderem die Zusammenführung von Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die Förderung der Mehrsprachigkeit von Österreichern und Zuwandernden sowie ein Abbau der Bürokratie durch Bündelung der Kompetenzen.

„Migration und Integration sind wichtige Themen für die Wirtschaft“, betont Michael Maximilian, Geschäftsführer ISS Facility Services Österreich, den Handlungsbedarf für eine zeitgemäße Migrations- und Integrationspolitik. ISS ist selbst vom Thema massiv betroffen, da das Unternehmen 9.500 Personen beschäftigt, die aus 69 verschiedenen Ländern der Erde kommen. Der Anteil von nicht österreichischen Staatsbürgern beträgt 43,4 %, der Anteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund wird jedoch auf bis zu 75 % geschätzt.

Die ISS investiert viel, um die unterschiedlichen Kulturen im Unternehmen zu integrieren: Es gibt einen Integrationsbeauftragten, regelmäßige Befragungen über etwaige Benachteiligungen und ein intensives Angebot an Sprachkursen. Maximilian wünscht sich eine einfachere Gestaltung des komplexen Fremdenrechts und betont die Wichtigkeit des Mitarbeiterpotenzials für den Unternehmenserfolg. „Die ISS ist stolz auf die Vielfältigkeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und kann hoffentlich auch weiterhin aus diesem großen Potenzial schöpfen. ISS könnte sonst sein starkes Wachstum nicht bewältigen“, so Michael Maximilian.

Das Positionspapier „Gemeinsame Lebensräume schaffen – Die Zukunft von Migration und Integration in Österreich“ ist als Zukunftspapier konzipiert und soll weit über tagespolitische Belange hinausgehen und Diskussionen anregen. Für die Weiterbearbeitung und Umsetzung schlägt die IV die Einrichtung eines Migrations- und Integrationsrates vor. Der Rat soll innovative, inhaltliche Ansätze erarbeiten, auf einen breiten Konsens abzielen und aktivierend wirken. „Die Umsetzung des Gesamtpakets kann und soll 2008 beginnen“, drängt Kapsch auf konkrete erste Schritte. „Die IV ist gerne bereit, an der weiteren Ausgestaltung des Programms mitzuwirken“, meint Beyrer abschließend.

Die kurzfristigen politischen Ziele bzw. Anliegen der Industrie fasste IV-Generalsekretär Beyrer am Schluss der Pressekonferenz wie folgt zusammen:

  • Aufhebung der Übergangsbestimmungen für Arbeitskräfte aus den neuen EU-Mitgliedstaaten bis spätestens 2009; davor sektorale Öffnung wo notwendig
  • Aufhebung bzw. Erhöhung der Kontingente für Schlüsselkräfte
  • Zugangserleichterungen für Spitzenkräfte aus Wissenschaft und Technik

 

 Kalina: Industrie soll konkreten Arbeitskräfte-Bedarf nennen
Qualifizierung heimischer Arbeitskräfte soll Vorrang haben - Lob für Integrations-Konzept
Wien (sk) - "Die heimischen Arbeitnehmer müssen vom guten Wachstum und vom Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft profitieren. Die Arbeitslosigkeit in Österreich muss sinken" - SPÖ-Bundesgeschäftsführer Josef Kalina kann der pauschalen Forderung der Industrie nach Öffnung des Arbeitsmarktes wenig abgewinnen. "Wenn wirklich so viele Facharbeiter fehlen, dann soll die Industrie ganz konkret auf den Tisch legen: In welchen Branchen fehlen wie viele Facharbeiter ab wann", so Kalina. Dann könnte man in Österreich durch die rechtzeitige Qualifizierung heimischer Arbeitskräfte reagieren.

Für die Industrie sei die einzige Konsequenz aus angeblich fehlenden qualifizierten Arbeitskräften der Ruf nach Arbeitnehmern aus dem Ausland - "hier spielt einzig der Kostenfaktor eine Rolle". Das gute Wirtschaftswachstum müsse aber auch dem heimischen Arbeitsmarkt zu gute kommen. Ziel sei, die heimische Arbeitslosigkeit zu senken. "Die Industrie ist jedenfalls gefordert, die angeblich fehlenden Facharbeiterzahlen zu konkretisieren. Man wird sehen, ob man das im großen Ausmaß nicht auch durch heimische Arbeitskräfte abdecken kann." So sei es im Frühwarnsystem, das die Regierung entwickelt hat, ja auch vorgesehen.

Lob kommt von Kalina für das Integrations-Konzept der Industrie. Mit der Forderung nach Bildungsmaßnahmen und sprachlicher Integration verfolge die Industriellenvereinigung einen modernen Ansatz. Indirekt kritisiert sie damit aber auch die bisherige Asyl- und Integrationspolitik der ÖVP. "Die Forderungen der IV richten sich an Innenminister Platter. Anstatt endlich aktiv zu werden, gefallen sich Platter und Missethon vor allem darin, mit rechten Parolen von der eigenen Untätigkeit abzulenken", so Kalina abschließend.

 

Stoisits: Integration: Industriellenvereinigung ist weiter als die ÖVP
Die letzten Äußerungen von Missethon und Molterer lassen da aber wenig Hoffnung aufkeimen
Wien (grüne) - „Die Industriellenvereinigung hat offenbar die Zeichen der Zeit erkannt und eingesehen, dass es eine neue Qualität in der Diskussion um Einwanderung und Integration in Österreich braucht“, erklärte die Menschenrechtssprecherin der Grünen, Terezija Stoisits, zum veröffentlichten Positionspapier der IV zu Integration. Stoisits begrüßte die „ernsthafte und zukunftsorientierte Auseinandersetzung“. Sie hoffe, dass die Regierung und hier vor allem die ÖVP ihre „Betonmentalität“ in Sachen Integration aufgeben. „Die letzten Äußerungen von Missethon und Molterer lassen da aber wenig Hoffnung aufkeimen. Sie stehen weiter dazu, dass hier integrierte Menschen abgeschoben werden.“

„Fest steht, Österreich braucht eine positive Auseinandersetzung mit Einwanderung und Integration. Es geht um reale Herausforderungen: Chancengleichheit für Menschen, die hier leben, Nicht-Diskriminierung, ein Recht auf Familienzusammenführung, und ein Zugang zum Arbeitsmarkt und Sozialsystem“, erklärte Stoisits. „Dazu gehört auch ein Bleiberecht, denn nur Menschen, die auch eine Sicherheit über ihre Lebensgrundlagen haben, können sich integrieren.“

 

 Schock: Migrationspolitik des offenen Scheunentors falscher Weg
Integration geht vor Profitdenken auf Kosten der Allgemeinheit
Wien (fpd) - Als einen missglückten Versuch, alte Hüte in neuem Design zu präsentieren, bezeichnete der Klubobmann der Wiener Freiheitlichen DDr. Eduard Schock das Positionspapier der Industriellenvereinigung zum Thema Migration und Integration.

Man könne dieses mit "Am Schwarzenbergplatz nichts Neues" zusammenfassen, kommentierte Schock die Ausführungen der IV-Vertreter. Das formulierte Ziel der "Versachlichung der Diskussion" werde man nicht mit weltfremden Plattitüden erreichen. Die Bevölkerung werde auf Aussagen wie "Bei der Zuwanderung ist noch ziemlich viel Potenzial nach oben" und "Die erste Migrationswelle aus den neuen EU-Ländern ging an uns vorbei, bei der zweiten darf das nicht passieren" sehr negativ reagieren, prognostizierte Schock.

"Es ist schade, dass von den Herren der Industriellenvereinigung kein einziges Wort über die steigende Jugendarbeitslosigkeit verloren wurde. Hier gäbe es genug Qualifizierungspotenzial", zeigte sich Schock enttäuscht.

Um davon abzulenken, dass es nur um die eigene Profitmaximierung ginge, habe man auch das Thema Asyl angeschnitten. Auf Nachfrage von Journalisten hätte man aber zugeben müssen, dass man sich nicht im Detail damit beschäftigt habe, sondern aus rein "humanitären" Antrieb Organisationen wie die Caritas befragt habe. Kein Wunder sei daher auch die positive Stellungnahme des Caritas-Präsidenten. "Es sieht aus, als würde sich hier zwischen der Industriellenvereinigung und der Asylbranche eine Achse der Geschäftemacherei bilden", schloss Schock.
 

Wir übernehmen hier Stellungnahmen aller im Parlament
vertretenen Parteien – sofern vorhanden! Die Redaktion

 
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