Zu kalt für Strom   

erstellt am
09. 03. 09

"Elektronen haben kein Mascherl" - TU-Chemiker ergründen das erstaunliche Verhalten von Elektronen in Festkörpern
Wien (tu) - Wie verhält sich ein Elektron in einem Silberlöffel? - Oft können Festkörper- theoretikerInnen wichtige Materialeigenschaften beschreiben, indem sie das Verhalten einzelner Elektronen mathematisch untersuchen. In einem Metall sind viele Elektronen nicht fest an einzelne Atome gebunden, sondern sie können sich ganz alleine frei zwischen den Atomen bewegen - deshalb leitet ein Silberlöffel elektrischen Strom. Wird ein Material stark erhitzt, beginnen die Atome ungeordnet zu wackeln, und der Stromfluss wird behindert. Die meisten Materialien leiten Strom daher besonders gut, wenn sie abgekühlt werden.

Erstaunliche Ausnahmen
Manche Materialien, zum Beispiel Magnetit, besitzen bei höheren Temperaturen zwar eine gewisse elektrische Leitfähigkeit, doch wenn man sie abkühlt, kommt es plötzlich zum sogenannten "Verwey-Übergang": Unterhalb einer bestimmten Temperatur fließt überhaupt kein Strom mehr. Seit Jahrzehnten wundern sich WissenschafterInnen über dieses Phänomen. Dipl.Ing. Christian Spiel, Ao.Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Peter Blaha und Univ.Prof. i.R. Dr.phil. Karlheinz Schwarz vom Institut für Materialchemie haben an einem ähnlichen Eisenoxid diese Verwey-Übergänge in aufwändigen Computersimulationen untersucht und ein Erklärungsmodell für diesen Effekt vorgestellt. Die neuen Erkenntnisse werden in den nächsten Tagen in der Fachzeitschrift "Physical Review B" veröffentlicht.

Elektronen sind keine Gummibälle

Wenn kleine Gummibälle durch ein Gitter hüpfen, hat jeder einzelne Gummiball seine eigene Bahn. Die Bälle kann man getrennt voneinander betrachten. Doch bei Elektronen, die sich durch das Atom-Gitter eines festen Materials bewegen, reicht dieses simple Bild auf Grund der Quantenmechanik nicht aus. Elektronen sind alle gleich, sie können nicht voneinander unterschieden werden. Es gibt keine Elektronen-Individuen, die jeweils ihren eigenen Platz an bestimmten Atomen haben. Jedes Elektron ist gewissermaßen überall gleichzeitig, und so müssen die Elektronen auch gleichzeitig gemeinsam berechnet werden. Diese komplizierte Aufgabe lösten die TU-Chemiker mit Hilfe der Dichtefunktionaltheorie (für die der Wiener Walter Kohn 1998 den Chemienobelpreis erhielt) und einer Menge Computer-Rechenleistung.

Wie diese Rechnungen zeigten, ordnen sich die Elektronen bei Temperaturen unterhalb des Verwey-Überganges gemeinsam so an, dass sie sich jeweils an einem Atom "festhalten". Bei einem Eisenatom sind dann fünf, bei einem anderen sechs Elektronen. Sie bilden ein regelmäßiges Muster im Festkörper, das schwer aufzulösen ist - und damit ist es vorbei mit dem Fließen des elektrischen Stroms. Oberhalb dieser kritischen Temperatur teilen sich die Eisenatome diese elf Elektronen gleichmäßig, dann können die Elektronen von Atom zu Atom hüpfen und leiten damit den Strom.

Ob es für diese komplizierten Materialien mit Verwey-Übergang demnächst eine technologische Anwendung geben könnte, wissen die Wissenschaftler der Theoretischen Chemie selbst noch nicht so genau - aber jedenfalls ist es ihnen gelungen, endlich Licht auf ein jahrzehntelang diskutiertes Phänomen der Festkörperphysik zu werfen.
     
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