HAYDN EXPLOSIV   

erstellt am
09. 04. 09

Eine europäische Karriere am Fürstenhof der Esterházy
Eisenstadt (esterhazy.at) - In der multimedialen Ausstellung "HAYDN EXPLOSIV" geht es um die erlebnisnahe Charakterisierung Haydns als höfischer Künstler. Als solcher muss Haydn einerseits dem Auftragswunsch "seiner Herrschaft" gerecht werden, andererseits sucht er als musikgeschichtlich relevantes Genie permanent auch die "Freiheit seines Schaffens". Als Vize-Kapellmeister tritt er noch unter Fürst Paul Anton II. (1761) in die Dienste des Hauses Esterházy und begleitet Nikolaus I., zu Recht "der Prachtliebende" genannt, bis zu dessen Tod 1790 als "Hof-Musikus" von zunehmend europäischem Rang.

Zur "künstlerisch-ideellen Deutungsmacht" der Dynastie avanciert Haydn unter Nikolaus II., einem weltläufigen Connaisseur mit anglophiler Attitüde und einem Hang zum französischen Revolutionsklassizismus - immerhin beauftragte dieser den klassizistischen Architekten Charles Moreau mit dem Umbau des Schlosses in Eisenstadt. Haydn kehrt nach zweifachem Lebenstriumph in London (1790 und 1792, jeweils Hinreise) wieder in die "fürstlichen Dienste" zurück, obgleich er sich (von Nikolaus II. toleriert) damals zumeist in Wien aufhält. Nikolaus II. weiß, den "Weltruhm" Haydns als Krönung des jahrzehntelangen Dienstverhältnisses des genialen Compositeurs mit seiner Familie zu deuten. So gelang es ihm, Haydns Aufstieg in den "Olymp der Musik" zur "Verklärung" der eigenen Dynastie zu nutzen. Schließlich gehört Haydn zu den wenigen Komponisten, die schon zu Lebzeiten vor das eigene Denkmal treten konnten - so 1796 in seinem Geburtsort Rohrau.

Im "Début de Siècle - um 1800" zeigt sich die Aktualität der Haydn-Zeit für uns heute
Zwischen Haydns Karriere in einem supra-nationalen Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts und den absolutistischen Ansprüchen der Fürsten Esterházy an "ihren" Kapellmeister und Hof-Compositeur spannt sich der facettenreiche Bogen dieser kulturgeschichtlichen Ausstellung. Die Aktualität dieser "Haydn-Zeit" für uns heute besteht in der "Erfindung" des modernen Individualismus in einer revolutionären Phase der europäischen Gesellschaft zwischen Absolutismus und einer "rebellischen Aufklärung". Letztere steht dem siegreichen Verstandes-Denken der "Vernunft-Ordnung" einer beginnenden bürgerlichen Welt gegenüber. Dieser Kulturbruch zur "Moderne" hin kann als "Début de Siècle" begriffen werden - 100 Jahre vor dem "Fin de Siècle - Wien um 1900". Beide Turns of the Century sind jeweils Ausdruck einer "produktiven Dekadenz" ihrer Gesellschaft und gleichermaßen wichtig für die heutige Weltgeltung Österreichs als europäisches Kulturerbe.

Haydns "kreative Karriere" reicht vom barocken Lebensgefühl der Reform-Kaiserin Maria Theresia über den "radikalen Geist" der josephinischen Aufklärung, bis hin zum vielschichtigen Konservativismus unter Franz II./I. Unter dessen restaurativer Regentschaft waren "Kirche & Staat" nicht mehr vom "Experiment Aufklärung" bedroht - schließlich waren die Ängste der französischen Revolution weitgehend verflogen und machtem dem Lebensgefühl einer "freudigen Religiosität" Platz.

Die Klassik als "Erste Wiener Moderne"
Der "Geist der Aufklärung" setzte sich in Zirkeln und Salons dennoch fort und entwickelt sich weiter - beispielsweise im "Kreis" um Johann Philipp Graf Stadion, einem einflussreichen österreichischen Staatsmann, der gleichermaßen um Reformen der Schulbildung wie der Verwaltung bemüht war.

Die Zeit der Wiener Klassik ("Mozarts Geist aus Haydns Händen empfangen", Graf Waldstein über Beethoven) bildet die künstlerische Brücke zum 19. Jahrhundert - zur Differenzierung dieser, oft schon "abgegriffenen" Epochen-Benennung schlägt der Haydnforscher James Webster den Begriff "Erste Wiener Moderne" vor. Damit wird der kulturellen Ambiguität des historischen Prozesses Rechnung getragen. Erst vor solch größerem Horizont des Zeitenbruchs "um 1800" kann beispielsweise die (nicht nur) kammermusikalische Romantik eines Schubert verständlich und in ihrer Abgründigkeit nachvollziehbar werden.

Die nuancenreiche Konversationspraxis der damaligen Gesellschaft wäre ohne die Erfindung des Streich-Quartetts durch Haydn nicht denkbar. In einem anderen "Musik-Format" repräsentiert sein Oratorium "Die Schöpfung" in exemplarischer Weise jenes "freudige Lebensgefühl" eines, in der Aufklärung neu erstandenen Katholizismus - feiert doch dieses einen Schöpfer-Gott, der durch die "Natur" spricht. Der "Sündenfall" als Dogma ist dabei erfolgreich wie lustvoll verdrängt.

Genius & Musikmarkt - eine europäische Karriere dank Notendruck
Haydns Genius als Erneuerer musikalischer Formen wie planvoller Vermarkter seines Werks verfolgt eine Karrierestrategie, welche an die Verbesserung und rasante Verbreitung des Notendrucks in der 2.Hälfte des 18. Jahrhunderts gebunden ist. An dieser technischen Innovation entlang vollzieht sich auch die Profilierung des europäischen Musikmarkts, den Haydn vorfindet und nachhaltig mitprägt. [Anmerkung: Joseph II., von der Berufsausbildung "Drucker" (Trattnerhof), war in der Österreichischen Monarchie maßgeblich an der Förderung des Druckwesens (so auch des Notendrucks) beteiligt.]

Haydns "Erfolgsrezept" auf den Punkt gebracht:
Im Dienste der Esterházy stehend, lebt er in Eisenstadt (immer mit dem Musikleben der Kaiserlichen Residenzstadt eng verbunden) und lässt in Wien, Paris, Amsterdam, Berlin und London seine Kompositionen drucken - damit sind seine Werke in der europäischen Aufführungspraxis permanent gegenwärtig. So konnte er in Paris [etwa mit dem Auftrag der "Loge olympique" für seine "Pariser Symphonie"] zum Publikums-Liebling avancieren, ohne je dort gewesen zu sein.

Zwei Schwerpunkte der Ausstellung - Quartett und Oper
Haydns entscheidende Neuerung für die Musikgattungen ist die Erfindung des Streich-Quartetts - diese schafft er als Kompositions-Form gleichsam intuitiv aus der musikantischen Alltagspraxis. In der "Wiener Zeit" (noch vor seinen Esterházy-Diensten) folgt Haydn dem Bedürfnis der "kulturtragenden aristokratischen Salons" nach Kammermusik - dorthin hat sich das Kulturleben verlagert, nachdem die sparsame Hofhaltung der Kaiserin Maria Theresia dem Luxus überschwänglicher Festkultur und damit der großformatigen Oper den Rücken kehren musste.

Haydn ist ein "Virtuose des Ensembles" (im Gegensatz zu Mozart als "solistischem Virtuosen" und "Werbeträger" seiner Musik) und ein "Struktur-Avantgardist" neuer Musik-Formate - strukturbildend revolutionär nicht nur in der Kammermusik, sondern auch für die "Form" der Symphonie und des Oratoriums. All dies geht in die Kompositionstechnik der Musik des 19. Jahrhunderts ein, ohne dass man deswegen immer gleich plakativ an Haydn denkt. Der kammermusikalische Schwerpunkt wird in der Ausstellung durch eine "virtuelle Installation" einem breiten Publikum nahe gebracht - musikalische Akteure sind das international reputierte "Hagen Quartett".

Zum musikalischen "Dienst am Fürsten" gehörte auch für Haydn die künstlerische Oberaufsicht über das fürstliche Operntheater. Die enorme Bedeutung der Oper als umfassende wie "höchste" Kunstform an fürstlichen Höfen ist ein weiterer Schwerpunkt von "HAYDN EXPLOSIV". Beispielsweise wird durch die Gegenüberstellung von Glucks Reform-Oper "Armide" und Haydns "Armida" sein Opernschaffen im europäischen Kontext lebendig. Das Spannungsfeld von Opera Seria und Opera Buffa als die "Leitdifferenz" dieses Genres im Kultur- und Gesellschafts-Kosmos des 18. Jahrhundert wird durch Bühnenbilder und Video-Einspielungen wichtiger Interpretationen anschaulich wie informativ vermittelt.

Immerhin war in der Oper die "Loge" zugleich ein "Balkon" zum Repräsentationsraum fürstlicher Herrschaft hin - war somit zu einem "Außenraum" gewendet (und eben kein Ort "individualisierter Innerlichkeit" allein), in welchem die absolutistische Welt symbolisch wie real gegenwärtig war und präsent gemacht wurde. Mit dem Opernleben in Schloss Esterháza in Fertöd greift unsere Ausstellung eine zentrale Kulturaktivität der Fürsten Esterházy im 18. Jahrhundert auf.

Wiener Anglomanie - die sogenannte "Britensucht"
Unter Haydns, Mozarts und DaPontes Zeit entfaltet sich in der habsburgischen Residenzstadt eine spezifische Wiener Anglomanie - auch "Britensucht" genannt. Dies vollzog sich in der Mode (grobe Überröcke, dunkle Fracks mit hochstehendem Halskragen, runde Hüte et cetera), dem Schotten-Faible und "Ossian-Kult", der Sucht nach Wettrennen, Jockeys und dem Mode-Getränk "Punsch". Herren mit englischen Namen waren als Gentlemen bei den Damen höchst begehrt - verkörperten sie doch mit bisweilen bizarrer Attitüde (Coolness zur Haydn-Zeit) den eleganten Individualismus, der auch bei "kontinentalen Kavalieren" Schule machte. Nicht zuletzt bei Nikolaus II., der nicht nur vom Lebensstil, sondern auch vom angelsächsischen Fortschritt der Technik fasziniert war - eine englische Dampfmaschine "betrieb" den Wasserfall im Garten. Auch war das Interesse für den Empirismus, als einer "englischen Philosophie" groß - Adam Smith wurde gelesen und die aus England kommende Musikästhetik wurde in Wien rezipiert.

Dieser wies einer Wiener "Geschmacksintelligenz" einen ganz anderen Weg als der eben erst entstehende "deutsche Idealismus". Für Musiker und Compositeure aus ganz Europa war London mit seinem schon florierenden Musikmarkt (der unabhängig von einem Fürsten-Hof "funktionierte") eine Art Eldorado, ein "musikalisches Hollywood" des ausgehenden 18. Jahrhunderts sozusagen.

Die beginnenden 1790er-Jahre (die Zeit von Haydns Triumph in London) brachten, um es ganz salopp zu sagen, das Raffinement der revolutionsflüchtigen französischen Aristokratie ("french powder") mit einem lebenswilden, exzentrisch-sarkastischen Gentlementum ("bloody steak") zusammen. So galt das London der Haydn-Jahre wohl als einer der "heißesten" Orte Europas. Dieses, bisher wenig beachtete Phänomen der "Wiener Anglomanie" wird in der Ausstellung "HAYDN EXPLOSIV" ein lebendiges Thema sein. Immerhin wurde Haydns Genius in Great Britain leidenschaftlich geliebt. Er selbst erhielt die akademische Würde eines "Doktors der Kompositionswissenschaften" in Oxford und einer seiner letzten Auftritte in London wurde mit dem zugkräftigen Titel "Doctor Haydn's Night" beworben.

Szenografie & Multimedialität als "Bühne" performativer Kulturvermittlung
Contemporary Art von internationalem Rang, erlesene Kunstwerke des 18. Jahrhunderts und wichtige Autographe aus Haydns künstlerischer Produktion und Alltagsleben werden in der "Ausstellungs-Inszenierung" zur Einheit eines vielseitig informativen und erlebnisfrohen Wissensraums verbunden - gleichermaßen attraktiv für ein junges Publikum, Oma & Enkerl, die "ganze Familie" also, wie andererseits auch für ExpertInnen mit "trans-disziplinärer Inspiration". Gerade den Kindern ist eine eigene "Medienschiene" Haydn for Youngsters gewidmet - in kindgerechter Sichthöhe, versteht sich.

Ein farbenfroher Teppich nach dem Entwurf des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein erstreckt sich flächendeckend, eine aufregende Tapete von Margit Nobis, Rudolf Polanszky und Franz West überrascht schon beim Betreten des klassizistischen Säulengangs der Sala terrena - zwei "güldene" Säulen lassen das "absolutistische Flair" von Fürst Nikolaus I., "dem Prachtliebenden", ahnen.

Zeitgenössische Kunst von Günter Brus ("Stillstand der Dynamik"), Franz West ("Paukenschlag"), Pipilotti Rist ("Selbstlos im Lavabad") und Gelitin ("Welcome to Chaos") mischt sich mit erlesenen Stücken der hauseigenen Sammlungen der Esterházy Privatstiftung (etliche Exponate werden dem Publikum erstmalig vorgestellt) ergänzt um Leihgaben berühmter Museen und Sammlungen - Österreichische Nationalbibliothek, Kunsthistorisches Museum, Wien Museum, Albertina, Belvedere, MAK, Gemäldegalerie und Kupferstichkabinett der Akademie der Bildenden Künste, Thorvaldsen Museum, Országos Széchényi Könyvtár (Ungarische Nationalbibliothek), Szépmüvészeti Múzeum (Museum der Schönen Künste, Budapest) und andere mehr.

Die Fülle der repräsentativen Ausstellungs-Objekte wird durch wandintegrierte Medienpräsenz (randlose Großmonitore, welche bündig in die Tapetenwand eingelassen sind, sowie Videoprojektionen) zu einem kulturgeschichtlichen Bildungspanorama kontextualisiert - abgerundet durch themenorientierte Sound- und Musikinstallationen als sinnliche Wissenserfahrung.

Herbert Lachmayer Kurator der Ausstellung

Eröffnung: am 8. April 2009 um 19 Uhr
Ort: Sala terrena des Schlosses Esterházy in Eisenstadt
Dauer: vom 9. April bis 11. November 2009

     
Informationen: http://www.haydn-explosiv.at    
     
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