Kunsthalle Exnergasse skizziert mit "Bad Girls" aktuelle Feminismus-Fragen   

erstellt am
07  05. 10

Wien (rk) - Skeptisch gegenüber "weiß-kanonischen" Feminismus-Standpunkten, so Kuratorin Claudia Marion Stemberger, lädt die Kunsthalle Exnergasse ab 07.05. zu einer globalen, um Aspekte von Migration, Exotik und Islam angereicherten Schau "No more bad girls?" ein. Kuratiert von Kathrin Becker, die in Berlin eine Video-Sammlung leitet und einige Zeit im Iran gelebt hat, und Stemberger, die zuletzt in Südafrika geforscht hat, will die Schau mitsamt ihrem Katalog "nicht zu einem weiteren Coffee Table Book" (Stemberger) über dieses Thema werden, sondern neue, internationale, von Indonesien bis nach Südafrika, Polen bis Palästina reichende feministische Sichtweisen dem Publikum anbieten. In Summe sind 17 Werke ausgestellt.

Ein gewisser Schwerpunkt nimmt dabei die Stellung weiblicher Kunst in islamischen Ländern ein. Beeindruckend groß, präsentiert sich da etwa die "I love you"-Arbeit der Künstlerin Arahmaiani aus Maylasien: in arabischer Schrift, dreidimensional in bunten, an Möbelhauskataloge erinnernde Farben hängt die mehrere Meter lange und hohe Arbeit neben einer reportageartigen Arbeit von Newsha Tavakolian, die in neun Bildern den religiös-rituellen Wechsel vom Mädchen zur jungen Frau in Form der Einkleidung mit Schleier dokumentiert, ohne dabei die Individualität der neunjährigen Mädchen mitsamt Ballettkleidchen oder rosa Plastikflügeln zu überdecken ("The Day I Became a Woman"). Für Becker setzt "bad girls" einen Kontrapunkt zum "marginalisierenden Blick auf weibliche Kunst in islamischen Ländern". Großes Vorbild der "bad girls"-Schau ist die 2007 in New York gezeigte Schau "Global Feminism. New Directions in Contemporary Art".

Dass die Kindheit für Mädchen auch in Europa schwierig sein kann, zeigt die aus Polen stammende, heute in New York lebende Künstlerin Agnes Janich in "My Mom`s Diary". Untergebracht in elf simplen Billig-Holzrahmen setzt sich Janich anhand klassischer Kinder-Familien-Bilder mit eingeschriebenen Kommentaren ("A warm little body to make my loneliness go away") kritisch mit dem Verhältnis Tochter und Mutter, Familie und Frau auseinander. "In Polen ist die Familie heilig", kommentiert sie ihre Arbeit. Wie sehr weibliches Kunstschaffen schon per se ein risikoreicher Akt der Befreiung ist, zeigt die bestürzende Arbeit von Regina José Galindo, die sich in der Videoarbeit "Perra" abwertende Wörter in den Oberschenkel ritzt. Deutlich ironischer fallen dazu die Arbeiten von Elodie Pong ("Se suis une bombe") und vor allem von Larissa Sansour ("A Space Exodus") aus: karikiert erstere in einem Panda-Kostüm männliche Table Dance-Phantasien, nimmt zweitere Neil Amstrongs Mond-Eroberung zum Anlass, um dieses heroische Bild durch eine nachgestellte weibliche Luna-Betretung zu konterkarieren. Ähnlich zitierend passt dazu auch Elena Kovylinas Arbeit "Carriage", die die berühmte Kinderwagen-Szene aus Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" nimmt, um an das ungesicherte Leben als Frau und Künstlerin im heutigen Russland zu erinnern. Nahezu ethnologisch stellt sich die Arbeit von Andrea Sunder-Plassmann dar: "Verwandlung in einen Vogel" dokumentiert, untermalt von Musik und Lyrik, die Verwandlung Plassmanns in eine traditionell geschmückte und geschminkte Braut, eine Arbeit die 2003 während ihres mehrwöchigen Aufenthaltes in einem indonesischen Dorf entstand und für "bad girls" erweitert wurde.

Fazit: Mit der prägnant kuratierten "No more bad girls?"-Schau bietet die Kunsthalle Exnergasse bis 11. Juni jede Menge Stoff zur Diskussion. Besonders empfohlen sei hier auch der aufgelegte Katalog, der in Englisch und Deutsch nicht nur die Schau dokumentiert, sondern gut lesbar den aktuellen Stand von Feminismus und Kunst wiedergibt.

Kunsthalle Exnergasse (9., Währinger Strasse 59): "No more bad girls?" (7.5. - 11.6.), Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 14.00 Uhr, Rahmenprogramm: 8.5., 14.00 Uhr: Podiumsdiskussion mit Edith Futscher und Kuratorinnen; 10.6., 19.00 Uhr: Claudia Marion Stemberger im Gespräch mit Nora Sternfeld.
     
Informationen: http://www.kunsthalleexnergasse.wuk.at    
 
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