Das CMS-Experiment am Large Hadron Collider liefert erste überraschende Ergebnisse   

erstellt am
22. 09. 10

Mit wesentlicher österreichischer Beteiligung wurden am CERN aufsehenerregende Daten gemessen.
Genf (cern) / Wien (tu) - Schneller als erwartet liefert das Experiment CMS am Large Hadron Collider (LHC) am CERN in Genf aufsehenerregende Ergebnisse. Die CMS-Kollaboration hat am 21.09. einen Artikel mit dem Titel "Observation of Long-Range Near-Side Angular Correlations in Hadronic Interactions" zur Veröffentlichung frei gegeben, der Anzeichen für ein neues Phänomen in Proton-Proton-Kollisionen beschreibt. Bei Kollisionen mit den jetzt erreichbaren höchsten Energien und bei Ereignissen mit "hoher Multiplizität", in denen hundert oder mehr elektrisch geladene Teilchen gleichzeitig produziert werden, wurden Korrelationen (also Verknüpfungen) zwischen gewissen Teilchenbahnen gefunden, wie sie bei Protonen-Kollisionen noch nie gesehen wurden.

Prof. Tonelli, der Sprecher des CMS-Experimentes erklärte in einem speziell einberufenen Seminar den Kollegen im CERN und den weltweit per Videokonferenz zugeschalteten Physikern : "Wir haben zwar aktiv nach einem solchen Phänomen gesucht, aber sein Auftreten bei Proton-Proton-Kollisionen kam dennoch unerwartet und ist deshalb äußerst interessant. Mehr Daten werden den Ursprung dieses Effekts ergründen lassen. Diese Beobachtung stellt die Stärke und die Vielseitigkeit des CMS-Detektors unter Beweis, ebenso wie die Qualität der Physiker, die ihn verwenden. Wir befinden uns jetzt auf dem Weg, Schritt für Schritt das neue Territorium zu erforschen, das LHC eröffnet hat."

Österreichische Forschungsarbeit für das CERN
Das CMS-Experiment ist ein gigantischer Detektor, dessen Konstruktion 16 Jahre dauerte und eine der größten wissenschaftlichen Kollaborationen darstellt, die jemals zustande kam. Das Institut für Hochenergiephysik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist eines der Gründungsmitglieder von CMS. Prof. Fabjan vom Institut für Hochenergiephysik erklärt den speziellen österreichischen Beitrag zur aktuellen Entdeckung: "Der Silizium-Spurdetektor von CMS und die Auswahlelektronik, welche für die Selektion der Ereignisse verantwortlich ist, sind wesentliche Komponenten für diese Messung. Das Institut für Hochenergiephysik hat entscheidend zur Entwicklung und dem Bau dieser Systeme und der Analyse der Daten beigetragen. Die Arbeit der österreichischen Physiker hat so einen wichtigen Anteil bei dieser Messung und etwaigen weiteren Entdeckungen. Unsere Mitgliedschaft am CMS-Experiment ermöglicht es auch, dass in den nächsten Jahren österreichischen Studenten an dieser aufregenden Phase der Forschung teilnehmen."

Herausforderung für theoretische Physiker
Die am CMS-Experiment unerwartet gefundenen Strukturen erinnern an solche, die am amerikanischen Schwerionenbeschleuniger RHIC (Relativistic Heavy Ion Collider) beobachtet wurden. Gerade wegen der Unterschiede zu den entsprechenden Ergebnissen bei Protonen-Kollisionen wurden diese als charakteristisch für die dort mögliche Produktion von Quark-Gluon-Plasma, einer neuartigen extrem heißen und dichten Materieform, interpretiert.
Die neuen Ergebnisse stoßen daher auf weltweites Interesse von theoretischen Kern- und Teilchenphysikern und sind auch von unmittelbarem Interesse für die Forschungsaktivitäten der Gruppe um Prof. Anton Rebhan an der Technischen Universität Wien, die sich mit der Theorie des Quark-Gluon-Plasma beschäftigt.

Prof. Anton Rebhan schätzt die neuen Daten als sehr bedeutsam ein: "Die jetzt von CMS veröffentlichten Ergebnisse sind äußerst interessant und vielversprechend. Derartige Muster in den Teilchenverteilungen wurden vorher nur in hochenergetischen Schwerionenkollisionen gesehen, bei denen Quark-Gluon-Plasma produziert wurde", erklärt Rebhan. Solche Kollisionen, allerdings bei viel höheren Energien als bisher machbar, sind am Ende dieses Jahres auch am LHC geplant.

Spannende, neue Physik
"Eine mögliche Erklärung dieses Phänomens ist, dass diese Strukturen einen Zustand noch vor der Erzeugung des Quark-Gluon-Plasma widerspiegeln", meint Prof. Rebhan von der TU Wien. Ein zu solchen Strukturen passender hypothetischer Vorläufer des Quark-Gluon-Plasmas wird in der theoretischen Physik tatsächlich seit einiger Zeit diskutiert und manchmal als "Glasma" bezeichnet, aber niemand kam auf die Idee, dass es in Protonenkollisionen auf diese Weise beobachtbar werden könnte. "Die hohen Energien und Teilchendichten des LHC machen es offenbar möglich, einen relativ direkten Blick auf diesen komplexen und faszinierenden Materiezustand zu werfen, der praktisch rein aus stark wechselwirkenden Gluonen besteht", vermutet Prof. Rebhan.
     
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