"Österreich morgen" - Fragen zur Bevölkerungsentwicklung   

erstellt am
12. 04. 11

Diskussionsveranstaltung im Parlament
Wien (pk) - Die demografische Entwicklung Österreichs vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung und niedriger Geburtenraten stand am 11.04. im Mittelpunkt einer von der Journalistin Anneliese Rohrer moderierten Diskussionsveranstaltung, zu der Nationalratspräsidentin Barbara Prammer in den Budgetsaal des Parlaments eingeladen hatte. Ein Impulsreferat des Direktors des Wiener Instituts für Demografie Wolfgang Lutz gab dabei den Anknüpfungspunkt für eine Publikumsdiskussion, bei der Vertreterinnen und Vertreter der Parlamentsfraktionen ihre Standpunkte zur Frage "Österreich morgen. Welche Gesellschaft wollen wir ?" darlegten.

Wolfgang Lutz: Bildung als entscheidender Zukunftsfaktor
Wolfgang Lutz sah Österreichs Zukunft vor allem unter dem Blickwinkel der Bildung. Im globalen Wettbewerb werden Investitionen in die Bildung der breiten Bevölkerung und gleichzeitig auch in die Spitzenforschung der Schlüssel für die Sicherung unseres Wohlstandes sein, war er überzeugt. Die Statistik zeige, dass Menschen mit mehr Bildung gesünder leben, in einem höherem Ausmaß und auch länger erwerbstätig sind und damit mehr zum Wohlstand der Gesellschaft beitragen. Unverzichtbar sei die Bildung ferner für die Integration der Zuwanderer. Schließlich führe Bildung auch, wie der Professor unter Hinweis auf ausländische Beispiele betonte, zu mehr und besserer Demokratie. Ein Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre legte für Lutz den Schluss nahe, dass es nach einem anfänglichem Aufholprozess mittlerweile zu einer Stagnation im Bildungsbereich gekommen sei.

Elisabeth Hakel: Mehr Chancengleichheit in der Bildung
Abgeordnete Elisabeth Hakel (S) brachte ihre Wünsche für das Österreich der Zukunft vor: In 20 Jahren sollte Österreich ein Vorzeigeland innerhalb der EU und beim PISA-Test Nummer 1 sein. Chancengleichheit in der Ausbildung dürfe nicht mehr vom sozialen Umfeld abhängen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit sollte ebenso selbstverständlich sein wie die Väterkarenz, Kinderbetreuung dürfe kein Thema mehr sein. Weiters meinte sie, sie wünsche sich, dass sie im Jahr 2030 keine Projekte mehr zum Thema Anti-Rassismus veranstalten müsse.

Gabriele Tamandl: Unternehmen müssen familienfreundlicher werden
Abgeordnete Gabriele Tamandl (V) war sich des Stellenwerts der Bildung für die Zukunft Österreichs ebenfalls bewusst, gab aber weiters zu bedenken, der Fokus in Richtung universitäre Bildung dürfe die Lehrausbildung nicht in den Hintergrund drängen. Angesichts der immer flexibleren Arbeitszeiten brauche das Land darüber hinaus auch flächendeckende, flexible Kinderbetreuungsangebote. Die Unternehmen wiederum forderte Tamandl auf, kinder- und familienfreundlicher zu werden und auch Männern verstärkt die Chance zu geben, in Väterkarenz zu gehen. Bei der Integration sei auf das Verständnis der Sprache wert zu legen, bloßes Urlauberdeutsch reiche nicht aus, um im Erwerbsleben erfolgreich zu sein. Was die älteren Arbeitskräfte betrifft, mahnte Tamandl, man könne nicht immer nur ein höheres faktisches Pensionsantrittsalter fordern, ohne den älteren Menschen altersgerechte Arbeitsplätze anzubieten.

Anneliese Kitzmüller: familienfreundliche Steuern, qualifizierte Zuwanderung
Abgeordnete Anneliese Kitzmüller (F) plädierte dafür, durch ein gerechteres Familiensteuersystem Anreize zu schaffen, dass auch Österreicher mehr Kinder in die Welt setzen. Bei der Zuwanderung wiederum sei ihrer Meinung nach stärker auf die Qualifikation abzustellen. In diesem Sinne gelte es, höhere Anforderungen an die Migranten zu stellen. Wichtig war für Kitzmüller auch, dass das Bildungssystem durch die Zuwanderung keinen Einbruch erleide. Anliegen Kitzmüllers war überdies die Förderung des ländlichen Raums, um der Abwanderung in die Ballungszentren entgegenzuwirken.

Karl Öllinger: Vermögen darf nicht über Zukunftschancen entscheiden
Abgeordneter Karl Öllinger (G) sprach von Defiziten Österreichs in der Bildungspolitik und kritisierte, das Schulsystem sei nach wie vor stark selektiv. Seinen Vorstellungen zufolge sollte in Zukunft jedes Kind die Chance haben, sich nach seinen Fähigkeiten zu entwickeln, niemand dürfe zurückbleiben. Öllinger äußerte weiters auch den Wunsch, dass in 20 Jahren die Menschen wesentlich mehr Zeit haben, ihre Beziehungen zu leben und zu festigen. Von zentraler Bedeutung sei es darüber hinaus, die Bedürfnisse der älteren Menschen besser abzudecken. Insgesamt stellte Öllinger fest, er möchte nicht, dass im Jahr 2030 das Vermögen über die Zukunftschancen entscheidet.

Robert Lugar: Demografie zwingt Politik zum Handeln
Abgeordneter Robert Lugar (B) ortete angesichts der demografischen Entwicklung der Gesellschaft dringenden Handlungsbedarf. Wenn wir so weiter machen wie bisher, dann gefährden wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt, warnte er. Gefordert sah Lugar die Politik dabei vor allem bei der Verbesserung des Bildungssystems, insbesondere auch bei der Förderung der Grundfertigkeiten der breiten Masse. Daneben werde es darum gehen, Anreize zu schaffen, damit auch besser Gebildete mehr Kinder bekommen. Klar war für Lugar zudem die Notwendigkeit der besseren Integration von Zuwandererfamilien bei der Bildung und am Arbeitsmarkt. In Sachen Pension sprach sich Lugar für eine längere Zeit der Erwerbstätigkeit aus, wobei er anmerkte, es sei nicht einzusehen, dass Menschen mit Anfang 50 schon in Pension gehen.
     
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