Industriewachstum basiert in Österreich auf Internationalisierung und Offenheit   

erstellt am
18. 10. 11

Wien (wifo) - Die Industrie entwickelt sich in Österreich mittel- und langfristig dynamischer als in Westeuropa. War ihr Anteil an der gesamten Wertschöpfung 1950 bei nur 12,4% gelegen, so beträgt er heute (2010) 18,6%. In den meisten anderen Ländern verliert die Industrie gemessen an der Wirtschaftsleistung an Bedeutung. Österreich weist heute die vierthöchste Industriequote in der EU 15 auf (nach Irland, Finnland und Deutschland). Diese Besonderheit ist in Österreich vor allem auf die Öffnung der Märkte (EU-Beitritt, Ostöffnung) und auf die aktive Internationalisierung der Betriebe zurückzuführen.

Seit 2000 stieg die Industrieproduktion in Österreich (trotz der Finanzmarktkrise 2008) um 2,6% pro Jahr, in Deutschland um 1,1%. In sieben Ländern der EU 15 war die Industrieproduktion (gemessen am Produktionsindex) im letzten Jahrzehnt rückläufig (Dänemark, Griechenland, Spanien, Frankreich, Italien, Portugal und Großbritannien), im Durchschnitt der EU 15 sank die Produktion um 0,3% pro Jahr.

Am stärksten verringerte sich der Industrieanteil in diesem Jahrzehnt in Irland, am niedrigsten ist er heute in Griechenland (7,4%). Auch Portugal weist mit nur 13% einen sehr niedrigen Industrieanteil auf. Der Abbau des hohen Handelsbilanzdefizits von Griechenland und Portugal (13,7%, bzw. 11,6% der Wirtschaftsleistung) würde eine Verdoppelung der Industrieproduktion erfordern.

Die dynamische Entwicklung der Industrie ist in Österreich auf mehrere Faktoren zurückzuführen:

  • Österreich verfügt über qualifizierte Facharbeitskräfte. Die Innovationsanstrengungen wurden ausgeweitet, im Zusammenwirken mit der Wirtschaft entstanden Fachhochschulen. Die Löhne und Gehälter entwickeln sich im Einklang mit der Produktivität.
  • Vielleicht der wichtigste Faktor für das Industriewachstum war jedoch die Öffnung der Märkte in den 1990er-Jahren durch den EU-Beitritt und durch die Ostöffnung. Die Industrie nutzt zudem aktiv die Chancen zur Internationalisierung auf globalisierten Märkten, viele kleinere und mittlere Betriebe wurden dadurch zu multinationalen Unternehmen. Österreichische Unternehmen sind heute führende Investoren auf vielen Nachbarmärkten; in einzelnen Fällen erreichen sie durch Export und Direktinvestitionen einen hohen Weltmarktanteil.


Die Bedeutung der Offenheit zeigt sich besonders in einem Vergleich der österreichischen Wirtschaft mit Frankreich. Die französische Wirtschaft ist stärker gegenüber der Globalisierung abgeschottet, weist eine geringere Innovationsdynamik und einen stark schrumpfenden Industriesektor auf. Die Offenheit der französischen Wirtschaft gemessen am Anteil von Warenimporten und -exporten an der Wirtschaftsleistung stieg von 1990 bis 2010 nur von 36,1% auf 43,6%. In Österreich erhöhte sich dieser Indikator von 54,9% auf 82,6%. Auch in Deutschland nahmen die Außenhandelsströme wesentlich schwächer zu als in Österreich (von 43,3% auf 70,5%).

Frankreichs Wirtschaft ist durch formelle und informelle Regeln und Netzwerke stärker gegenüber der Konkurrenz abgegrenzt. Die Globalisierung wird von Bevölkerung und Regierung als unerfreulicher Trend gesehen. So sehen etwa in der Eurobarometer-Umfrage nur 44% der Befragten in der Globalisierung eine Chance für Wachstum (Österreich 59%, Schweden 82%, Dänemark 87%). Diese negative Haltung spiegelt sich in einem Rückgang der Industriequote im letzten Jahrzehnt um 0,8 Prozentpunkte auf 12,3% des BIP.

Rückwirkungen und Wechselwirkungen bestehen auch zwischen der Offenheit gegenüber der Globalisierung und der Innovationsbereitschaft. Die Forschungsausgaben der französischen Unternehmen stagnieren seit zehn Jahren bei 2% der Wirtschaftsleistung bei leicht sinkendem Trend. Ein erheblicher Teil der Innovationstätigkeit entfällt auf einige große Unternehmen, darunter Rüstungs- und Raumfahrtkonzerne, während die mittleren und kleineren Industriebetriebe wenig für Innovationen und Patentanmeldungen aufwenden (und auch weniger für Weiterbildung). In den letzen Jahren wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Innovationsbereitschaft zu steigern (Clusterbildung, regionale Zentren, hoher Steuerkredit), doch zeigen sich noch keine Erfolge. Im Bereich der technologieorientierten Güter wie auch insgesamt weist Frankreich eine negative Handelsbilanz auf.

In Österreich hingegen wurden die Forschungsausgaben im Zeitraum 1990/2010 von 1,4% auf 2,8% des BIP ausgeweitet - das ist die fünfthöchste Forschungsquote in der EU 27 (nach Finnland, Schweden, Dänemark und fast gleich hoch wie Deutschland).

Wie ein breiter Ländervergleiches zeigt, bringen innovationsfördernde Maßnahmen eher eine tatsächliche Erhöhung der Forschungsausgaben mit sich, wenn einerseits Wettbewerbsdruck herrscht, andererseits ein offenes Umfeld neue Märkte öffnet und die Exporte rasch steigen können. Österreichs Leistungsbilanz ist heute mit etwa 3% der Wirtschaftsleistung hoch aktiv, in den 1990er-Jahren war sie im Durchschnitt noch mit -4% passiv gewesen. Diese Entwicklung trug dazu bei, dass Österreich in jedem der letzten zehn Jahre bessere Wirtschaftsergebnisse verzeichnete als Westeuropa. Eine Fortsetzung dieses Trends, der auch für gute Arbeitsmarktergebnisse bestimmend ist und überdurchschnittliche Umweltanstrengungen ermöglicht, bedarf allerdings einer Priorität für die Zukunftsausgaben (Kinderbetreuung, Bildung, Innovation) in der wahrscheinlich längeren Periode der Budgetkonsolidierung.

     
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