Schenz: neue Chancen für Wirtschaft in Nordafrika nach den Umbrüchen   

erstellt am
09. 03. 12

Außenwirtschaft Österreich informiert österreichische Unternehmen laufend über aktuelle Entwicklungen in den Ländern des "arabischen Frühlings"
Wien (pwk) - "Ein Jahr nach den politischen Umbrüchen in Tunesien, Ägypten und Libyen, sind die Auswirkungen - politisch wie auch wirtschaftlich - noch nicht abzuschätzen", betonte Richard Schenz, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), in seiner Eröffnungsrede beim Forum der Außenwirtschaft Österreich (AWO) zum Thema "Nordafrika - ein Jahr nach dem arabischen Frühling" am 08.03. im Haus der Wirtschaft. Die politische Landschaft Nordafrikas zeige jedenfalls ein völlig verändertes Bild. Die WKÖ habe es sich aber zur Aufgabe gemacht, so Schenz, "die österreichischen Unternehmen regelmäßig und aktuell über die veränderten Bedingungen zu informieren. Das ist umso mehr von Bedeutung, da es sich bei den Ländern Nordafrikas um direkte Nachbarmärkte handelt, die nur durch das Mittelmeer von der Europäischen Union getrennt sind." Die neuen Bedingungen haben das Wirtschaftsleben nachhaltig beeinflusst. Neben kompletten Unterbrechungen der Handelsbeziehungen durch Lieferrestriktionen, wie dies bei Libyen der Fall war, "entstehen aber durch die Neuausrichtung auch neue Chancen und Geschäftsmöglichkeiten", so Schenz.

Zu den Entwicklungen in den einzelnen Staaten referierten die österreichischen Wirtschaftsdelegierten. "Tunesien, das Land, in dem der arabische Frühling seinen Anfang nahm, entwickelt sich wirtschaftlich nur sehr zögerlich", sagte der für Tunesien zuständige stv. Wirtschaftsdelegierte aus Algier, Stephan Gebeshuber. 2011 ging das BIP um 1,8% zurück, die offizielle Arbeitslosenstatistik liegt bei knapp 20% und der Tourismus, eine Haupteinnahmequelle des Landes, brach um 35% ein. Gebeshuber: "Tunesien bräuchte ein jährliches Wirtschaftswachstum von drei bis vier Prozent, damit die ohnehin hohe Arbeitslosenquote nur gehalten werden kann." Die österreichischen Exporte nach Tunesien waren von der Krise indes nicht betroffen, legten im Vorjahr sogar um rund 14% zu. Auch nach Ägypten stiegen die österreichischen Ausfuhren im Vorjahr um ca. 11%. Das sei umso erfreulicher, so Kurt Altmann, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Kairo, "weil andere europäische Länder schwere Einbußen hinnehmen mussten und die Exporte aus der EU nach Ägypten insgesamt um sechs Prozent zurückgingen." Die allgemeine Wirtschaftsklage ist in Ägypten aber weitaus dramatischer als etwa in Tunesien: Das Land befinde sich in einer Rezession, der Tourismus ist um bis zu 60% eingebrochen, die Devisenreserven sind von ursprünglich 36 Mrd. US-Dollar bereits auf 10 Mrd. Dollar geschrumpft, die Sicherheitslage ist angespannt und politisch werden im Augenblick kaum Entscheidungen getroffen. Dennoch bestehen für österreichische Unternehmen auch jetzt Möglichkeiten, vor allem in den Bereichen Wasserkraft, Energie oder Transport. Altmann: "Aber Ägypten ist derzeit ein schwieriger Markt und sicher nichts für Neueinsteiger ins Exportgeschäft."

Das Gleiche gelte auch für Libyen, wie der österreichische Wirtschaftsdelegierte aus Tripolis, David Bachmann, anschließend berichtete. Von den ursprünglich 25 in Libyen vertretenen österreichischen Unternehmen ist etwa die Hälfte zwar wieder vor Ort, was aber nicht heiße, dass sie auch schon operativ tätig sind. Jetzt gelte es, die Kontakte zu pflegen. Die Stimmung in der Bevölkerung sei generell positiv, der Privatsektor lege zu, während aber im öffentlichen Bereich mit Ausnahme der Ölproduktion nichts weitergehe. So hat die Ölförderung mit 1,4 Millionen Barrel pro Tag wieder fast das Niveau vor der Revolution erreicht. "Das ist auch ein großer Vorteil Libyens gegenüber den beiden anderen Staaten, da dadurch hochgerechnet rund 150 Millionen Dollar pro Tag in die Staatskasse gespült werden", so Bachmann. Für Österreich, das wieder rund 30% seines Ölbedarfs aus Libyen bezieht, gibt es künftig wieder etliche Möglichkeiten für wirtschaftliche Kooperationen, "da wir während der Revolution politisch keinen Schaden genommen haben", betonte Bachmann. Konkret sieht er die besten Chancen in den Sektoren Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Infrastruktur oder auch bei Konsumgütern. Der direkte Kontakt mit libyschen Geschäftspartnern wird in Zukunft auch erleichtert, da die AUA ab Ende März fünf Mal wöchentlich direkt von Wien nach Tripolis fliegen wird. Abschließend berichtete Christoph Plank, Wirtschaftsdelegierter in Casablanca über die Situation in Marokko, "wo der arabische Frühling sehr mild verlaufen ist - unter anderem auch deshalb, weil wirtschaftliche und politische Reformen bereits im Vorfeld durchgeführt worden waren". Chancen gibt es in den Bereichen Infrastrukturausbau oder erneuerbare Energien (Wind, Solar, Hydro).
     
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