Konjunktur statt Liquidität als Treiber

 

erstellt am
27. 06. 13
14.00 MEZ

BIP der Eurozone sollte im Q4 Wachstumsschwelle erreichen, für 2014 wird Wachstum von 1 bis 1,5 Prozent prognostiziert – Euroraum arbeitet sich aus Rezession
Wien (rbi) - „Aufgrund von geldpolitischen Impulsen und Strukturreformen, sowie dem Ausbleiben großer Belastungsfaktoren wie etwa der Griechenland-Restrukturierung im Vorjahr, rechnen wir für die Eurozone heuer zwar noch mit einem negativen zweiten Quartal, aber im vierten Quartal bereits mit dem Erreichen der Wachstumsschwelle. Für 2014 ist mit einem BIP-Wachstum von 1 bis 1,5 Prozent im Durchschnitt der Eurozone und damit mit einer Fortsetzung der Erholung zu rechnen“, blickt Valentin Hofstätter, Leiter der Abteilung Bond Market & Currency Research der Raiffeisen Bank International AG (RBI) in der soeben erschienenen Publikation „Strategie Globale Märkte“ zum dritten Quartal optimistisch in die Zukunft. Hofstätter betont aber gleichzeitig, dass die Wachstumsannahmen für die Eurozone, aber auch für die USA, auf einer signifikanten Verbesserung der Vorlaufindikatoren innerhalb der nächsten drei bis vier Monate basieren.

Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) werden die Emerging Markets (EM) heuer im Durchschnitt um 5,3 Prozent wachsen, was ihre enorme Bedeutung für die internationale Wirtschaftsentwicklung einmal mehr unterstreicht. Dennoch gibt Helge Rechberger, Chef der Aktienmarktanalyse bei Raiffeisen Research, zu bedenken, dass die EM-Aktienmärkte seit Oktober 2010 hinter den entwickelten Märkten zurückliegen und zuletzt unter massiven Verkaufsdruck geraten sind. „Die restriktiven Tendenzen in der Geldpolitik sowie die schwächeren Konjunktur-vorlaufindikatoren in China verstärkten im Mai auf den EM-Aktienmärkten die Kurseinbrüche“, analysiert Rechberger einen der Gründe für die derzeitige Untergewichtung in den internationalen Portfolios.

Euroraum arbeitet sich aus Rezession
„Nach einem Hänger zu Frühjahrsbeginn haben sich die Konjunkturfrühindikatoren für den Euroraum im zweiten Quartal 2013 wieder erholt. Unsere Prognosen bezüglich einer Konjunktur-erholung werden unter anderem von den aussagekräftigen Einkaufsmanagerindizes unterstützt“, erklärt Hofstätter. „Besonders positiv ist die Tatsache, dass die Indizes zuletzt nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien, Italien und dem zuletzt stark strauchelnden Frankreich bergauf zeigen. Der Euroraum arbeitet sich aus der Rezession!“

Die Experten von Raiffeisen Research erkennen darin das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Einerseits verringert sich der dämpfende Effekt der Fiskalpolitik, zum Teil aufgrund der erfolgreichen Konsolidierungsbemühungen, aber auch wegen der nachlassenden Strenge der EU-Kommission in Bezug auf die Erreichung der vereinbarten Defizitziele. Gleichzeitig sorgt die Geldpolitik in vielen Teilen des Euroraums für günstige Finanzierungsbedingungen, während sich realwirtschaftliche Ungleichgewichte verringert haben. Letzteres umfasst den Abbau von binnen-wirtschaftlichen Übertreibungen (etwa Immobilienpreise), was wiederum zur Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit führt und somit die Grundlage für eine nachhaltige Erholung der Region ist.

„In Summe gehen wir davon aus, dass steigende Exporte private Investitionen in Gang setzen, die dann im Laufe von 2014 zu mehr Beschäftigung und Konsum führen werden“, schließt Hofstätter den Ausblick für die Eurozone ab.

USA plant Ausstieg aus Wertpapier-Ankaufprogramm
In vielen etablierten Wirtschaftsregionen beobachten Experten aktuell eine „liquiditätsgetriebene“ Entwicklung der Aktienmärkte, die durch die außergewöhnlich niedrigen Zinsniveaus sowie die zahlreichen Wertpapier-Ankaufprogramme bedingt ist.

„In den USA wird seit dem Frühjahr vermehrt über einen Ausstieg aus dem Wertpapier-Ankaufprogramm diskutiert, das monatlich rund USD 85 Milliarden an frischem Geld in die amerikanische Wirtschaft pumpt. Wir gehen bei einer anhaltenden Verbesserung des Arbeits-marktes von einer Reduktion des Liquiditätsschubs ab dem vierten Quartal aus“, bewertet Hofstätter die Aussagen der Federal Reserve-Gouverneure.

„Dennoch halte ich eine Zinsanhebung in diesem Zusammenhang angesichts der damit verbundenen konjunkturellen Risiken in den USA noch für Zukunftsmusik und rechne frühestens 2015 damit“, so Hofstätter weiter. In Europa hält er bis zum Frühjahr 2014 eine Trendwende in der Geldversorgungspolitik der EZB für eher unwahrscheinlich.

Auswirkungen auf die Devisenmärkte
Durch die höheren Geld- und Kapitalmarktzinsen sieht Hofstätter den US-Dollar im zweiten Halbjahr 2013 gegenüber dem Euro begünstigt: „Ein US-Dollar von zwischenzeitig unter 1,30 ist daher bis zum Jahresende plausibel. Für den Kurs Euro zu Schweizer Franken zeichnet sich bis Jahresende eine Bandbreite von 1,22 bis 1,27 ab.“

Stärkere Diversifikation bei Anlagestrategie
„Für die Wiederaufnahme des Aufwärtstrends an den etablierten Aktienmärkten muss die Konjunktur jetzt nachlegen. Wir rechnen damit, dass die USA hier eine Vorreiterrolle einnehmen wird, bevor die Eurozone und in weiterer Folge auch die CEE1 -Region sich bis Jahresende dem Trend anschließen werden“, so Rechberger. „In Japan müssen den politischen Ankündigungen nun Taten folgen. Aktuell schätzen wir das Gewinnwachstum auf mehr als 50 Prozent für das aktuelle Geschäftsjahr. Das ist in den Kursen aber schon zu einem Gutteil vorweggenommen, weshalb der Einstiegszeitpunkt mittlerweile nicht mehr besonders günstig ist.“

Rechberger geht grundsätzlich davon aus, dass die Übergangsphase von liquiditäts- zu konjunkturunterstützter Entwicklung auf den Aktien- und Bondmärkten bis Herbst stärkere Schwankungen verursachen wird. „Während Aktien ihren Aufwärtstrend fortsetzen sollten, erwarten wir, dass sich Staatsanleihen dauerhaft von ihren Höchstständen entfernen werden.“

In Bezug auf Branchen setzen die Analysten von Raiffeisen Research klar auf eine zyklische Positionierung und empfehlen eine Übergewichtung der Sektoren Energie, Industrie, zyklischer Konsum, IT und Versorger.

Asset Allocation: Aktien gegenüber Anleihen neutral
Raiffeisen Research gewichtet Aktien gegenüber Anleihen neutral mit 5 Prozent alternativen Investments. Rechberger erläutert dazu: „Staatsanleihen haben den Boden niedriger Renditen erreicht, was auch durch das zuletzt gesehene Anziehen der Renditenniveaus bei Safe-Haven Bonds, wie beispielsweise US-Anleihen und deutschen Bundesanleihen, gezeigt wurde. Auf den Aktienmärkten ist die Situation differenzierter, denn hier sehen wir seit Jahresbeginn zwar einerseits auf den etablierten Märkten gerechtfertigte Performance, gleichzeitig aber sind die Aktien aus Schwellenländern so stark untergewichtet wie zuletzt 2008.“

Die Analysten von Raiffeisen Research bewerten die schlechte Stimmung in den Emerging Markets aber durchaus als ein positives Zeichen, da unter solchen Vorzeichen üblicherweise bald eine Bodenbildung eintritt. Weitere Rückgänge bis Mitte des Quartals könnten daher hier sehr gute langfristige Einstiegsgelegenheiten darstellen.


1 Zentral- und Osteuropa (CEE) setzt sich aus den Regionen Zentraleuropa (CE) mit der Tschechischen Republik, Polen, der Slowakei, Slowenien und Ungarn, Südosteuropa (SEE) mit Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Rumänien und Serbien und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) mit Russland, der Ukraine und Belarus zusammen.

 

 

 

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