Wie gemeinsame Schule gelingen kann

 

erstellt am
03. 10. 13
15.00 MEZ

Niessl: Eine moderne Schule braucht ein modernes Dienstrecht, das muss jedem bewusst sein
Eisenstadt (blms) - Der Frage, ob unser Bildungssystem ins Museum gehört, ging eine hochkarätige Expertenrunde im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Abend des 02.10. im Burgenländischen Landesmuseum auf den Grund. Neben Landeshauptmann Hans Niessl diskutierten Sabina Kasslatter Mur, Landesrätin für Bildung und deutsche Kultur in Südtirol, Kirsti Pohjankukka, Erste Botschaftssekretärin in der Botschaft von Finnland in Wien und der Buchautor, Journalist und Pädagoge Nikolaus Glattauer. Grundtenor der Veranstaltung: Ideologie habe in der modernen Schule nichts verloren, im Mittelpunkt müsse das individuelle Bedürfnis jeden einzelnes Kindes stehen und man müsse alles daran setzen, soziale Barrieren in den Bildungssystemen abzubauen, um jedem Kind und Jugendlichen die gleichen Bildungschancen, unabhängig von der Herkunft und sozialem und wirtschaftlichem Status, zu bieten. Während die Ergebnisse der PISA-Studien in Österreich einiges Kopfzerbrechen bereiten, gelten Finnland und Südtirol als PISA-Vorzeige-Länder. In beiden Ländern ist die gemeinsame Schule längst Realität. In Österreich wurde mit der Neuen Mittelschule ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung gemeinsamer Schule gesetzt. Durch den Abend führte ORF Burgenland-Chefredakteur Walter Schneeberger.

„Erst vor wenigen Wochen hat die EU einen Wettbewerbsvergleich der Regionen veröffentlicht. Bedauerlich ist, dass dabei die österreichischen Bundesländer insgesamt zurückgefallen sind – mit einer erfreulichen Ausnahme: das Burgenland. Als ein Grund für das insgesamt weniger gute Abschneiden wurden Österreichs PISA-Ergebnisse genannt“, so Landeshauptmann Hans Niessl. Tatsache sei aber auch, dass gerade in den letzten Jahren manche Reformen und Verbesserungen im heimischen Bildungssystem – spät, aber doch – in Angriff genommen wurden. „Zum Beispiel mit der Neuen Mittelschule, die es im Burgenland als einzigem Bundesland mit dem neuen Schuljahr flächendeckend gibt. Die Neue Mittelschule ist eine Schule mit einer neuen, leistungsorientierten Lehr- und Lernkultur. Individuelle Zuwendung und Förderung sind die Säulen dieser gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen. Auch mit der Senkung der Klassenschülerhöchstzahl auf 25 – im Burgenland nicht als Richt-, sondern als Pflichtwert – wurde ein wichtiger Schritt gesetzt.“

Finnland: Die gleiche Diskussion wie in Österreich – aber 40 Jahre zuvor
In Finnland gab es ähnliche Diskussion wie heute in Österreich, aber vor 40 Jahren. Heute ist die Gesamtschule kein Thema mehr, sondern selbstverständlich. Alle Kinder haben die gleichen Chancen, auf die individuellen Bedürfnisse wird eingegangen“, sagt Kirsti Pohjankukka, Erste Botschaftssekretärin in der Botschaft von Finnland in Wien. Die Kosten für das Bildungssystem seien nicht entscheidend für den Bildungsstandards, meint Pohjankukka: „Österreich gibt mehr Geld für das Bildungssystem aus, bis hin zur Universität. Lehrer verdienen bei uns zwar ein bisschen weniger als in Österreich, aber sie genießen aber ein hohes Ansehen und eine hervorragende Ausbildung.“

Dieses hohen Image der Lehrer trage auch zum Erfolg des finnischen Schulsystems bei, ist Sabina Kasslatter Mur überzeugt: „Wertschätzung und hohes Image sind wichtig für den Lernerfolg, in Finnland werden von 100 Bewerbern 10 genommen. An der Ausbildung müssen auch wir noch arbeiten. Finnland liefert sehr gute Bildungsergebnisse mit viel weniger Steuergeld.“ Kasslatter Mur spricht aus Erfahrung: sie ist Landesrätin für Bildung und deutsche Kultur in Südtirol. Was das Bildungssystem in Südtirol vom österreichischen unterscheide? „Im Unterschied zu Österreich sind auch unsere Kindergartenpädagogen Akademiker. Ein Unterschied, der wichtig ist!“ Außerdem werde in der Grundschule im Team unterrichtet, das habe sich als positiv erwiesen. Wichtig sei auch die Schulautonomie, erklärt die Landesrätin: „Eltern und Lehrer entscheiden mit. Der Schulrat ist je zur Hälfte mit Pädagogen bzw. Elternvertretern besetzt. Diese beschließen Stundenplan, es gibt keine Lehrpläne sondern Kompetenzbeschreibungen. Pädagogen haben den Auftrag, individuelle Lehrpläne zu erstellen.“ PISA zeige, dass es im Bildungssystem Südtirols so gut wie keine soziale Selektion gäbe. „Das ist das schönste Kompliment. Es ist egal, aus welchem Elternhaus Kinder kommen, ob Akademiker oder Fabrikarbeiter.“

Gemeinsame Schule
In Finnland und in Südtirol ist die gemeinsame Schule umgesetzt. In Südtirol gibt es diese seit mehr als 40 Jahren für alle 11- bis 14-Jährigen (Mittelschule). Fünf Jahre lang besuchen die Kinder eine Grundschule (Primarbereich) und wechseln dann für weitere drei Jahre an eine Mittelschule (Sekundarstufe). „In diesen acht Jahren sind alle Kinder und Jugendlichen zusammen. Es ist unvorstellbar für südtiroler Eltern, wenn sie sich bereits für ihre 10 oder 11 Jahre alten Kinder für einen Schultyp entscheiden müssten. Mit 14 Jahren ist es noch teilweise zu früh“, so Kasslatter Mur. Nach dem Besuch der Mittelschule endet in Südtirol die Schulpflicht und den Schülerinnen und Schülern, die jedoch bis zur Volljährigkeit ausbildungspflichtig sind, steht es offen, welche Schulform der Oberschule sie besuchen wollen.

In Finnland wurden zwischen 1972 und 1977 Einheits- bzw. Gemeinschaftsschulen (siehe mit den Klassenstufen 1 bis 9 eingeführt. Besonders hervorzuheben ist die niedrige Analphabetenrate in Finnland. Diese war bereits im 20. Jahrhundert mit weit unter 1 % die niedrigste weltweit und liegt heute bei 0%. Auf die Betreuung der SchülerInnen wird in Finnland sehr viel Wert gelegt. Neben den normalen Lehrpersonen gibt es noch PsychologInnen und UnterrichtsassistentInnen, die die SchülerInnen betreuen. Nachhilfestunden im unserem Sinn gibt es in Finnland nicht. Die Förderung findet in der Schule statt.

Modernes Dienstrecht
An einem modernen Dienstrecht führe auch in Österreich kein Weg vorbei, betont Niessl: „Moderne Schule braucht ein modernes Dienstrecht, dass muss jedem bewusst sein. Kommt dieses nicht, braucht man gar nicht mehr weiter über eine Reform sprechen.“ Auch bei der Ausbildung der Kindergartenpädagoginnen müsse man sich etwas überlegen. Gut ausgebildete Absolventen leisten gute Arbeit, was wiederum dem Wohlstand des Landes zu Gute kommt. Die Lehrenden in Finnland werden sehr gut ausgebildet. Alles findet an der Universität statt, auch die Ausbildung der KindergärtnerInnen. Dazu, dass nur jene den Beruf des Lehrenden ergreifen, die es auch wirklich wollen, tragen harten Auswahlkriterien bei.

Mehr Vielfalt an den Schulen gefordert
„Wir wissen, dass in 70 Prozent der Streitereien in den Familien die Schule Grund dafür ist, in den skandinavischen Länder nur 10 bis 15 Prozent. Das zeigt, dass die wenigsten Kinder die Schule in der Schule schaffen“, gibt Nikolaus Glattauer zu bedenken. Der Buchautor, Journalist und Pädagoge spricht sich für mehr Vielfalt beim schulischen Angebot: „Zum Beispiel kann Mathematik kann als Schwerpunkt gesetzt werden aber auch nur den Status eines Freifaches haben. Warum nicht.“ Das sei aber nur mit einem Ausbau der Schulautonomie möglich. Leistung könne man erreichen, wenn man Druck wegnehme und darauf schauen, wo die Talente jedes Kindes liegen. „Deshalb muss die gemeinsame Schule her. Das Konzept der NMS ist ein sehr gutes. Auch die AHS könnten davon viel lernen. Ich sehe ja, wie sehr viele Eltern dort anschieben müssen, damit ihr Kind im Unterreicht mitkommt. Die Eltern bekommen auch heute noch von Lehrern zu hören, dass das Kind ja die Schule wechseln kann. Das kann in Südtirol oder in Finnland nicht passieren.“ Die Politik bewege sich zu wenig, meint der Pädagoge: „Wir müssen erkennen, dass wir nicht im allerbesten Schulsystem leben, sondern dass es ein in mehreren Bereichen reformbedürftiges System ist. Die Lehrer machen einen relativ guten Job mit relativ schlechter Hardware.“

Gute Ratschläge wollen Pohjankukka und Kasslatter Mur den österreichischen Politikern nicht geben. Nur so viel: „Die PISA-Zahlen aus ganz Europa liegen auf dem Tisch. Man sollte die Scheuklappen ablegen und die Schlüsse daraus ziehen. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“, so Kasslatter Mur.

 

 

 

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