Ein heißes Pflaster

 

erstellt am
02. 06. 14
11.30 MEZ

Dissertant der Karl-Franzens-Universität untersucht die Stimmungen in Graz zu Kriegsbeginn 1914
Graz (universiität) - In Graz dreht sich das Glockenspiel zur „Volkshymne“. In Gasthäusern und Cafés erklingt die „Wacht am Rhein“. Wer das Mitsingen und Aufstehen verweigert, riskiert Schläge: Für „VaterlandsverräterInnen“ war kein Platz. Kriegsbereitschaft, Pflichterfüllung, Ehre: Mit diesen Haltungen zogen die GrazerInnen in den Krieg. Trotz der überwiegenden Zustimmung sind aber auch andere Haltungen und Erwartungen zu Beginn des Sommers 2014 spürbar. „Der Großteil der Bevölkerung glaubte, dass man einen berechtigten Verteidigungskrieg führe. Dennoch wechselten oft in ein und derselben Person verschiedene, ambivalente Gefühlslagen einander ab“, erklärt Mag. Bernhard Thonhofer. Er untersucht das dichte Geflecht unterschiedlicher und wechselnder Stimmungen in den ersten vier Kriegsmonaten in seiner Dissertation am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität.

Mit dem Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 erlebte der Alltag in Graz gleich in den ersten vier Monaten radikale Veränderungen, schildert Thonhofer: „Die Zeitungen kamen außerhalb von Graz verspätet an, der Telefon- und Telegrammverkehr unterlag wechselnden Störungen, der öffentliche Verkehr war massiv eingeschränkt, unzählige Soldaten prägten das Straßenbild, die Arbeitslosigkeit stieg rasant an und es kam häufig zu kleineren Ausschreitungen.“ Zunächst war aufgrund der desolaten Lage des Nachrichtenwesens ein regelrechter „Run“ auf Informationen spürbar, bestätigt Thonhofer: „Das Leben spielte sich deshalb großteils auf der Straße, am Marktplatz, in den Gasthäusern und Cafés, vor den Zeitungsredaktionen, vor der Burg, vor den Kasernen oder am Bahnhof ab. Dort, wo man Soldaten oder Verwundete direkt über die Geschehnisse an der Front befragen konnte.“

Auch das Verlangen nach Solidarität und gegenseitiger Unterstützung manifestierte sich schnell – ein Zeichen der unterschwelligen Unsicherheit. „Kaum jemand wagte, sich offen gegen den Krieg auszusprechen“, unterstreicht Thonhofer. „Doch Zweifel und Ängste – etwa vor Trennungen, Verwundungen, Tod, Kündigung, oder Versorgungsengpässen – waren vielerorts natürlich vorhanden, vor allem bei dem ‚kleinen Mann‘ und der ‚kleinen Frau‘“. Der Andrang auf die Banken und Sparkassen, die Hamsterkäufe sowie der „Kleingeldrummel“ belegen diese Sorgen: „Man glaubte zum Beispiel, dass nur Münzen baren Wert hätten, und tauschte diese inoffiziell und unter ihrem Wert“, so Thonhofer.

Die gemeinsame Kriegsanstrengung verdeutlicht den oft ausgesprochenen „Ernst der Lage“ und vermittelte der Bevölkerung immerhin ein beruhigendes Gemeinschaftsgefühl. Wer dieses störte, war schnell als „SerbenfreundIn“, „SpionIn“, „SaboteurIn“ oder „ScheinpatriotIn“ abgestempelt und mit großer Aggression konfrontiert. Gleichzeitig stieg das Verbreiten von Gerüchten und Spekulationen sowie der Drang zur Sensation, so der Nachwuchswissenschafter: „Die GrazerInnen fuhren regelmäßig zum Thalerhof, um sich das Zivilinterniertenlager anzusehen. Auch dort kam es immer wieder zu kleineren Ausschreitungen.“ Generell wurde Graz – allen voran nachts – ein gefährliches Pflaster: Dutzende Bajonett- und Messerattacken belegen diese steigende Gewaltbereitschaft. Gleichzeitig verzeichneten aber auch die Kirchen und die Synagoge enorme Andränge, sodass eigene Kriegsbetstunden eingerichtet wurden. Und Eheschließungen erlebten in den ersten Monaten nach dem Juli 1914 einen regelrechten „Boom“.

 

 

 

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