CEE reitet auf globaler Liquiditätswelle

 

erstellt am
14. 07. 14
10.00 MEZ

Österreich: schwächerer Konjunkturaufschwung – Reformstau bremst – Erfreuliche BIP-Dynamik und niedrige Inflation prägen CE und SEE – Branchen im Fokus: Öl, Immobilien, Banken und Industrie
Wien (rzb) - „In Österreich konnte sich die Konjunkturerholung des zweiten Halbjahrs 2013 im ersten Quartal 2014 vorerst nicht fortsetzen. Das BIP-Wachstum pro Quartal schwächte sich von 0,4 Prozent im vierten Quartal 2013 auf 0,2 Prozent im ersten Quartal 2014 ab. Der Außenhandel spielt dabei für Österreich weiterhin eine zentrale Rolle, während die Belebung der Binnennachfrage ins Stocken geraten ist“, beginnt Peter Brezinschek, Chefanalyst von Raiffeisen Research der Raiffeisen Bank International AG (RBI), seine Präsentation der „Strategie Österreich & CEE“ für das dritte Quartal 2014.

„Die Vorlaufindikatoren signalisieren für Österreich zwar weiterhin einen Konjunkturaufschwung, allerdings dürfte dieser insgesamt geringer ausfallen als in den vorangegangenen Phasen. Daher mussten wir unsere BIP-Schätzungen für 2014 und 2015 nun um jeweils 0,2 Prozentpunkte auf real 1,3 Prozent bzw. 2,1 Prozent zurücknehmen. Damit entwickelt sich Österreich nur mehr im Schnitt der Eurozone und fällt gegenüber Deutschland und der Schweiz weiter zurück. Um wieder auf einen langfristigen Wachstumspfad zu kommen, wäre es notwendig, die Reformfelder Steuer- und Abgabenlast, Pensionen, Staats-, Verwaltungs- und Gesundheitsreform in Angriff zu nehmen. Auch wir sehen eine berechtigte Forderung der steuerlichen Entlastung des Faktors Arbeit, doch hat die Finanzierung im Wesentlichen über Ausgabenkürzungen zu erfolgen. Österreich hat mit 45,3 Prozent bereits die fünfthöchste Steuer- und Abgabenquote Europas und damit selbst Schweden schon hinter sich gelassen. Diese hohe Steuer- und Abgabenquote stellt sich sowohl als Wettbewerbsnachteil als auch als Wachstumsbremse gegenüber Deutschland und der Schweiz dar“, so Brezinschek weiter.

Erfreuliche BIP-Dynamik und niedrige Inflation prägen CE und SEE
Die CEE-Region* überraschte zu Jahresbeginn mit einem soliden BIP-Wachstum, was die Analysten von Raiffeisen Research veranlasste, die Prognosen für 2014 für die gesamte
CE-Region anzuheben. Im Detail wurden dabei die Erwartungen für Polen (plus 0,2 Prozentpunkte auf 3,3 Prozent), Tschechien (plus 0,3 Prozentpunkte auf 2,6 Prozent), die Slowakei (plus 0,5 Prozentpunkte auf 2,7 Prozent) und Ungarn (plus 0,7 Prozentpunkte auf 2,7 Prozent) nach oben korrigiert. Die Wachstumsprognose für Slowenien wurde sogar um ganze 1,5 Prozent-punkte auf 1,0 Prozent angehoben, womit das Land den lange erwarteten Sprung aus der Rezession schaffen würde. In SEE wies Rumänien eine anhaltend positive Entwicklung auf, die im ersten Quartal so stark ausgefallen war, dass die Analysten die Prognose für das Wachstum für 2014 um1,2 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent anheben konnten.

„Erfreulich ist, dass in der überwiegenden Mehrheit der CEE-Länder die zunehmend konjunkturelle Stärke auf steigender Binnennachfrage – sowohl beim privaten Konsum als auch bei privaten Investitionen – basiert. Aktuell befindet sich die Inflation in den meisten Ländern auf historischen Tiefständen, was sich aber im Verlauf der zweiten Jahreshälfte wieder ändern sollte“, analysiert Brezinschek die aktuelle Konjunkturentwicklung in CEE.

Die niedrigen Inflationsraten haben aber auch der Geldpolitik in mehreren CEE-Ländern die Rechtfertigung für historisch tiefe Leitzinsen geliefert. In Verbindung mit der extrem expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die auf absehbare Zeit ihre großzügige Liquiditätsversorgung beibehalten wird, sind Änderungen in den Leitzinsen in der CEE-Region bis Anfang 2015 nicht zu erwarten. In Ungarn könnte allerdings im heurigen Sommer der mehrjährige Pfad fallender Leitzinsen bei 2,2 Prozent sein Ende finden. Andererseits sieht Raiffeisen Research in Russland keine Fortsetzung der Zinsanhebungen, da die Rubelschwäche gestoppt werden konnte.

Märkte reagieren weniger stark auf anhaltenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine
„Obwohl der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine noch weit entfernt von einer Entspannung ist, so zeigt sich doch, dass mit seiner Fortdauer der Einfluss auf Wirtschaft und Finanzmärkte abnimmt. Auch wenn die Märkte nicht mehr so stark auf den Konflikt reagieren, so führt die anhaltende Ungewissheit dennoch dazu, dass Investitionen in der Region zurückgehalten werden. Daher mussten wir unsere Prognosen für die GUS-Region für den Jahresverlauf weiter nach unten schrauben und sehen derzeit das BIP-Wachstum in Russland bei minus 0,3 Prozent und in der Ukraine bei minus 7,0 Prozent“, sagt Brezinschek.

Positiv zu vermerken ist, dass das russische Budget erhebliche Zusatzeinnahmen verbuchen wird, die einen ausgeglichenen Haushalt oder sogar einen kleinen Überschuss 2014 zur Folge haben werden. Der Grund dieser positiven Dynamik liegt in der RUB-Abwertung, die angesichts der Zusammensetzung des russischen Budgets (der Hauptteil der Staatseinnahmen erfolgt in USD als Abgaben für exportiertes Öl und Gas) höhere Zuflüsse mit sich bringt. Wenn eine Zunahme der politischen Spannungen vermieden wird, kann Russland ab 2014 seinen Rücklagenfond wieder auffüllen.

ATX: Erholung bis Jahresende erwartet
Im bisherigen Jahresverlauf hinkte die Performance des österreichischen ATX und der osteuropäischen Aktienindizes etwas den etablierten Westmärkten und dem US-Markt hinterher. Im ersten Halbjahr verlor der Wiener Leitindex knapp 2 Prozent, die Hauptmärkte Osteuropas notierten nahezu unverändert. Als positiver Ausreißer zeigte sich der rumänische BET mit einem Zugewinn von 8 Prozent. Die Westmärkte konnten im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich zulegen. Als Hauptgrund für die etwas schwächere Entwicklung sieht der stellvertretende Chefanalyst der Raiffeisen Centrobank (RCB), Bernd Maurer, den negativen Effekt der Spannungen in der Ukraine auf die gesamte Region. Für die Sommermonate gehen die Analysten für Österreich und Osteuropa von einer leicht positiven Performance aus. Haupttreiber stellt das sich weiter verbessernde volkswirtschaftliche Umfeld sowie das anhaltend niedrige Zinsniveau dar. Nach volatilen Sommermonaten erwartet die RCB einen Anstieg des ATX auf 2.750 Punkte. Auch wenn die aktuelle Bewertung der Indizes im langfristigen historischen Vergleich nicht günstig erscheint, zeigt der relative Vergleich weiterhin die Attraktivität der
Asset-Klasse Aktien im aktuellen Niedrigzinsumfeld. Österreichische und osteuropäische Aktienmärkte erscheinen im Vergleich mit anderen etablierten Märkten und Emerging Markets darüber hinaus als attraktiv bewertet. Zusätzliche Impulse für den Aktienmarkt kommen von verstärkter M&A-Tätigkeit in den letzten Monaten.

Branchen im Fokus: Öl, Immobilien, Banken und Industrie
Branchenseitig erachtet Maurer förderintensive Ölunternehmen, den Immobiliensektor sowie ausgewählte Bankaktien und Industrietitel als interessant. „Die wachsende Ölnachfrage und steigende Förderkosten sowie geopolitische Unsicherheiten sprechen aus unserer Sicht für einen zumindest stabilen oder leicht steigenden Ölpreis. Immobilienwerte sehen wir als Profiteure der neuerlichen monetären Stimuli der EZB“, so der RCB-Analyst. Zu einem selektiven Vorgehen rät die RCB im osteuropäischen Bankensektor. Einzelne Titel seien aufgrund sinkender Risikokosten und einer ansprechenden Gewinndynamik empfehlenswert. Im Industriesektor setzen die Analysten auf attraktiv bewertete Titel, die von der zunehmenden konjunkturellen Dynamik in Österreich und Osteuropa profitieren.


* Zentral- und Osteuropa (CEE) setzt sich aus den Regionen Zentraleuropa (CE) mit der Tschechischen Republik, Polen, der Slowakei, Slowenien und Ungarn, Südosteuropa (SEE) mit Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Rumänien und Serbien, der Region CEE Sonstige mit der Ukraine und Belarus sowie Russland zusammen.

 

 

 

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