Gescheit gegessen

 

erstellt am
03. 11. 14
10.00 MEZ

ForscherInnen der Uni Graz erklären die Bedeutung mittelalterlicher Ernährungslehre für die Gegenwart
Graz (universität) - Fischbraten in Zimtsauce? Was für gegenwärtige Gaumen befremdlich anmuten mag, war in der Welt des Mittelalters die perfekte Kombination. „Das zentrale Prinzip dieser Ernährungslehre war es nämlich, das persönliche Gleichgewicht durch aufeinander abgestimmte Lebensmittel zu finden“, erklärt Dr. Karin Kranich vom Institut für Germanistik der Karl-Franzens-Universität Graz. Gesundheitsbewusste Menschen können deshalb von den KöchInnen des Mittelalters auch heute einiges lernen, ist die Forscherin überzeugt.

Gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Andrea Hofmeister und Mag. Helmut W. Klug hat Kranich die reichen Ergebnisse einer interdisziplinären Fachtagung im Buch „Der Koch ist der bessere Arzt. Zum Verhältnis von historischer Diätetik und Kulinarik im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit“ zusammengefasst. Dieser Sammelband wird am Dienstag, 11. November 2014, um 19 Uhr im Hauptgebäude der Uni Graz präsentiert.

Unverträglichkeiten, Allergien und die Konsequenzen „falscher“ Ernährung sind nicht ausschließlich Modeerscheinungen des schnelllebigen 21. Jahrhunderts: „Diese Leiden waren wohl auch im Mittelalter bekannt, nur löste man das Problem damals, indem die Essgewohnheiten an bestimmte Grundregeln angepasst wurden“, weiß Kranich. Das Ziel der Diätetik vor rund 500 Jahren: ein harmonisches Körpersystem zu schaffen, das durch die Balance von individuell abgestimmter Ernährung sowie ausgeglichenen Arbeits- und Ruhezeiten gesund bleiben sollte. Voraussetzung war eine genaue Kenntnis der eigenen Konstitution, des sogenannten Temperaments, im Zusammenhang mit der Vier-Säfte-Lehre, erklärt Kranich: „Demnach wurden die Menschen in Phlegmatiker, Sanguiniker, Choleriker und Melancholiker unterteilt – je nachdem, welcher der vier Säfte in ihrem Organismus der vorherrschende war. KöchInnen empfahlen daraufhin für jeden Typ jene Speisen als besonders bekömmlich, die als komplementär eingestuft waren. So sollte durch eine innere Harmonie einerseits körperlichen Gebrechen vorbeugt und andererseits auch eine Ausgewogenheit in der charakterlichen Ausprägung erreicht werden.“ Dieses Prinzip der Kategorisierung nach den Prinzipien der Vier-Säfte-Lehre und deren Komplexionen kalt-warm-trocken-feucht galt auch für Lebensmittel: „Der Fisch ist beispielsweise kalt und feucht, deshalb braucht er einen warmen und trockenen Gegenspieler, wie etwa den Zimt“, so Andrea Hofmeister.

Die mittelalterliche Idee des persönlich richtigen Maßes, das es in allen Lebensbereichen zu halten gilt, ist heute oft Teil jener Praktiken, die Entschleunigung und Selbstfindung versprechen, unterstreichen die Forscherinnen: „Fastenkuren oder Pilgerfahrten – im Mittelalter übrigens völlig normale Bestandteile des Jahreszyklus – sind in ihrer Sinnhaftigkeit ebenso im Jetzt angekommen wie die Vorstellung von einem harmonischen Verhältnis von Arbeits- und Lebenszeit: Stichwort ‚Work-Life-Balance‘“. Die WissenschafterInnen am Institut für Germanistik haben sich das Ziel gesetzt, auch die Prinzipien der mittelalterlichen Ernährungslehre so aufzubereiten, dass sie in der Gegenwart wieder mehr Beachtung finden. Diese Forschungen sind im universitätsweiten Schwerpunkt „Kultur- und Deutungsgeschichte Europas“ eingebunden.

 

 

 

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