Energieeinsparungen und Restrukturierungen
 stärken europäischer Industrie den Rücken

 

erstellt am
18. 12. 14
10.00 MEZ

2014 zahlten Industrieunternehmen in der EU für Strom und Gas mehr als doppelt so viel wie die US-Konkurrenz
Wien (bank austria) - Europa hat die Entscheidung getroffen, importierte fossile Brennstoffe sukzessive mit erneuerbaren Energiequellen zu ersetzen und in weiterer Folge die CO2-Emissionen kostenwirksam zu senken. Langfristig sichern diese Energiesparziele ein nachhaltiges Energieangebot in Europa. Kurzfristig gerät jedoch in dieser Umstellungsphase der europäische Energiemarkt immer wieder aus dem Gleichgewicht, was die Gefahr erhöht, insbesondere für energieintensive Branchen wettbewerbsschädigend zu sein. Zusätzlich dazu hat die Energiepreisdiskussion in Europa in den letzten Jahren an Brisanz gewonnen – auf der einen Seite stehen die EU-Klimaziele und die kostenintensive europäische Energiewende, auf der anderen Seite der Schiefergasboom in den USA. Ob, und wenn in welchem Ausmaß die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Industrie unter den Turbulenzen am Energiemarkt leidet, untersuchen die Bank Austria Volkswirte in einer aktuellen Analyse.

Tatsache ist, dass im ersten Halbjahr 2014 ein EU-Industrieunternehmen für Strom und Gas umgerechnet weit mehr als doppelt so viel zahlen musste als die US-Konkurrenz. Gleichzeitig vergrößerte sich der internationale Preisabstand sukzessive..

Energiepreisunterschiede werden nur langsam geringer
Bei der Energiepreisdiskussion hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie stehen Elektrizität und Erdgas im Fokus, da deren Preise auf regionaler, meist nationaler Ebene gebildet werden. Erdöl spielt eine geringere Rolle in dieser Diskussion, da der Rohstoff im Wesentlichen dem weltweiten Preisniveau folgt. Insbesondere bei Elektrizität ist Europa mit großen innergemeinschaftlichen Preisunterschieden konfrontiert, die in erster Linie die Folge unterschiedlich hoher Steuer- und Abgabenbelastungen insbesondere für die Förderung erneuerbarer Energien sind. So bezahlte im ersten Halbjahr 2014 ein Industrieunternehmen mit mittlerem Energieverbrauch für eine Kilowattstunde Elektrizität in Italien und Deutschland durchschnittlich 16,5 Cent, im EU-28-Durchschnitt 12,3 Cent und in Schweden und Bulgarien 7,2 Cent; im Vergleich dazu in Österreich 11 Cent je Kilowattstunde. Dazu Bank Austria Ökonom Günter Wolf: „Aus europäischer Sicht sind die im internationalen Vergleich hohen Energiepreise sicher problematischer als die innergemeinschaftlichen Preisunterschiede, die den Standortwettbewerb in der EU verschärft haben. Auch wenn sich die Energiepreise der EU und der USA mittelfristig wieder annähern werden – vor allem aufgrund steigender Produktionskosten in der Schiefergasförderung – passiert das bestenfalls langsam und gefährdet die preisliche Wettbewerbsfähigkeit noch über Jahre hinaus.“

Der relativ hohe Strompreisanstieg in der EU wird voraussichtlich erst nach 2020 gestoppt werden können. Voraussetzung dafür ist, dass in der Stromerzeugung genügend hohe Produktivitätsgewinne möglich sind, um die Finanzierungskosten für den Umbau der europäischen Energieversorgung in Richtung erneuerbare Energien zu kompensieren. Gleichzeitig werden die Strompreise in den USA den Gaspreisen in den nächsten Jahren nach oben folgen, wenn auch nur in moderatem Tempo. Das heißt, in den nächsten Jahren wird die Preiskluft zwischen EU und USA noch größer werden.

Deindustrialisierung in Europa beschleunigte sich
Die Energiepreise sind zwar nur einer von vielen Standortfaktoren, können aber bei energieintensiven Unternehmen ein schwerwiegendes Kostenproblem bedeuten. Mit den Energiekosten ist der Restrukturierungsdruck der europäischen Industrie gestiegen und hat den Deindustrialisierungsprozess noch beschleunigt. Der Beitrag der Industrie zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung der EU-28 ist in den letzten zehn Jahren von durchschnittlich 17 Prozent auf 15 Prozent gesunken. Fast die Hälfte des Anteilsverlustes entfiel auf energieintensive Branchen, die in Summe weniger als ein Fünftel zur Industriewertschöpfung beitragen. Stärkere Wertschöpfungseinbußen verbuchten die Stein-, Keramik-, Holz- und Papierindustrie, während die Stahlindustrie kaum an Bedeutung verlor und die Chemie sogar Anteilsgewinne erzielen konnte. In Summe hat sich der Produktionsschwerpunkt der europäischen Industrie deutlich in Richtung weniger energieintensiver Segmente verschoben.

Energieeinsparungen und Restrukturierungen stärken Europas Industrie-Effizienz
Das relativ hohe Energiepreisniveau und der wachsende Restrukturierungsdruck haben letztendlich einen nachhaltigen, die Konkurrenzfähigkeit stärkenden Innovationsprozess ausgelöst: Aufgrund des Kostendrucks waren die Unternehmen gezwungen, energieeffizientere Technologien zu entwickeln und einzusetzen. Im Endeffekt ist die Energieeffizienz nicht nur energieintensiver EU-Industriebranchen gestiegen.

Europas Unternehmen und Haushalte sind in den letzten zwei Jahrzehnten in Summe energiesparsamer geworden. Seit Mitte der 90er Jahre sind in der EU-28 der Gesamtenergieverbrauch um 2 Prozent und die Wirtschaftsleistung um 34 Prozent gestiegen, das heißt, die Energieintensität ist um 24 Prozent gesunken. Maßgeblich waren Verbrauchsrückgänge und Effizienzgewinne der Industrie. Der Sektor erzielte im selben Zeitraum einen realen Wertschöpfungszuwachs von 17 Prozent mit einem 14 Prozent geringeren Energieeinsatz – die Energieintensität hat um 27 Prozent abgenommen. Die Energieeffizienz ist in fast allen EU-Industriebranchen gestiegen, wobei die relativ höchsten Einsparungen bei den energieintensiven Branchen, der Stahlindustrie, der Chemie und der Glas- und Keramikerzeugung erzielt wurden – inklusive der Papierindustrie verbraucht der Bereich in Summe weiterhin rund 70 Prozent der Energie der EU-28-Industrie.

Erfolge trotz Konkurrenznachteilen
Der Deindustriealisierungsprozess ist grundsätzlich das Ergebnis einer unterdurchschnittlich wachsenden Produktnachfrage und einer überdurchschnittlich wachsenden Produktivität im Produktionsprozess und nur bedingt ein Hinweis auf mögliche Wettbewerbsnachteile des Sektors. Auch der Verlust an Weltexportanteilen über einen längeren Zeitraum signalisiert zwar Konkurrenznachteile, reflektiert aber viel mehr strukturelle Verschiebungen im Welthandel zugunsten neuer, überdurchschnittlich rasch wachsender Märkte. Von 2002 bis 2013 ist der Weltexportanteil der EU-28 im Segment energieintensiver Produkte, in Dollar gerechnet, von rund 21 Prozent auf 17 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum hat der Anteil Asiens (ohne Japan) von 23 Prozent auf 35 Prozent zugelegt.

Die EU-Außenhandelsergebnisse unterstreichen die positiven Effekte des Restrukturierungsdrucks, der die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie in Summe eher gestärkt als geschwächt hat. Die Außenhandelsbilanz mit energieintensiven Produkten aus der EU liegt seit mehr als zehn Jahren im Plus und hat sich in den letzten Jahren sogar weiter verbessert. 2013 erreichte der Exportüberschuss in diesem Segment 119 Milliarden Euro, bei einem Gesamtüberschuss von 55 Milliarden Euro. Bemerkenswert ist, dass trotz wachsender Kluft zwischen EU- und US-Energiepreisen der EU-Exportüberschuss mit energieintensiven Produkten von 2008 bis 2012 sogar gestiegen ist und erst 2013 aufgrund des relativ hohen Exportminus bei Stahl und Chemieprodukten wieder auf den Zehnjahresdurchschnitt von rund 24 Milliarden Euro zurückfiel (rund ein Viertel des gesamten EU-Handelsbilanzüberschusses mit den USA von 92 Milliarden Euro).

Günter Wolf von der Bank Austria abschließend: „Auch wenn die turbulente Energiepreisentwicklung der letzten Jahre bisher keine größeren Verwerfungen in der Industriestruktur der EU ausgelöst hat, brauchen Europas Energiemärkte mehr denn je politische Aufmerksamkeit. Einerseits können mögliche internationale Konkurrenznachteile erst im Lauf der Zeit auftauchen, andererseits sind die Energiepreise ebenso eng mit den klimapolitischen Zielen wie mit der Sicherheit in der Energieversorgung verbunden.“

 

 

 

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