Wer war das? Erläuterungstafeln
 zu Straßennamen in Salzburg

 

erstellt am
22. 10. 15
09:00 MEZ

Anbringung ab Mitte November – Fachbeirat prüft Bios im historischen Kontext
Salzburg (stadt) - Zur besseren Orientierung haben Straßen und Plätze in Salzburg (und anderswo) ab dem Mittelalter praxistaugliche Namen erhalten. Mit der Stadterweiterung seit den 1860er Jahren begann der Gemeinderat mit der bewussten Benennung von Verkehrsflächen – und verband damit häufig eine öffentliche Ehrung einzelner Persönlichkeiten. Die Auswahl der namengebenden Personen spiegelt jeweils die gesellschaftliche und politische Lage der Zeit – und ist aus heutiger Sicht in mehreren Fällen umstritten. Zukünftig werden in Salzburgs Straßen Erläuterungstafeln angebracht, die über den Hintergrund der Namensgebung informieren; in der ersten Phase konzentriert man sich auf personenbezogene Straßennamen.

„Erinnerungskultur hat immer mit der Gegenwart zu tun.“, betont Bürgermeister Heinz Schaden. „Es geht aber nicht darum, die Geschichte zu beschönigen, sondern um die kritische und offene Auseinandersetzung mit dem, was bisher passiert ist. Wir haben uns deshalb für die gründliche und sichtbare Aufarbeitung entschieden.“

Fachbeirat zur Abstimmung und Diskussion
Den Auftrag zu dieser offenen und expliziten Auseinandersetzung hat der Gemeinderat 2013 im Rahmen eines Amtsberichtes zu neuen Richtlinien für die Benennung von Straßen und Verkehrsflächen an das Stadtarchiv erteilt. Zugleich wurde beschlossen, dass im ersten Schritt des Projekts Erläuterungen zu jenen Straßennamen erstellt werden sollten, die nach Personen benannt sind. Topographisch sollte der Startpunkt in der linken Altstadt liegen.

„Unsere Fachleute im Stadtarchiv haben zu den Biographien recherchiert und Vorschläge für die Erläuterungstexte ausgearbeitet. Darüber hinaus haben wir einen HistorikerInnen-Fachbeirat zur Begutachtung und Abstimmung der Texte eingerichtet.“, erläutert Ingrid Tröger-Gordon, Leiterin der Abteilung 2 – Kultur, Bildung und Wissen. „Diese Kommission befasst sich insbesondere mit Personen, die während der NS-Zeit tätig waren. Ausführlichere Biographien zu allen Personen gibt es auf der Webseite der Stadt Salzburg.“

Dem Beirat unter Vorsitz von Ingrid Tröger-Gordon gehören Universitätsprofessor Ernst Hanisch und Universitätsdozent Alexander Pinwinkler, der Direktor des Landesarchivs Oskar Dohle, der NS-Experte Gert Kerschbaumer sowie die HistorikerInnen des Stadtarchivs Peter Kramml (Leiter), Sabine Veits-Falk und Thomas Weidenholzer an.

Ein fächerübergreifendes Team (Stadtarchiv, Vermessung, Stadtbildpflege, Tourismus Salzburg GmbH und Grafikdesigner Fritz Pürstinger) entwickelte unter Leitung der Kulturabteilung ein geeignetes Format und inhaltliche Leitlinien für die Zusatztafeln. Anschließend wurde ein detailliertes Konzept zur Umsetzung des Erläuterungsprojekts für insgesamt 1.144 Straßennamen in Salzburg entwickelt, das vom Gemeinderat im Frühjahr 2015 beschlossen wurde.

Kurz-Infos auf Tafeln, mehr im Web
Die Erläuterungstafeln sind quadratisch und haben je nach Länge des Straßennamens eine Kantenlänge von 50, 60 oder 70 Zentimeter. Angebracht werden sie an einem markanten Gebäude im jeweiligen Straßenzug – vorzugsweise an Objekten, die im Besitz der Stadt, des Landes, des Bundes oder eines öffentlichen Wohnbauträgers sind.

Die Texte berichten in Kurzform über die namengebende Person und über ihren Bezug zu Salzburg bzw. über besondere Verdienste bzw. über NS-Verstrickungen. Alle Tafeln verweisen zudem auf die Internetadresse http://www.stadt-salzburg.at/strassennamen, wo ausführliche Biographien nachzulesen sind und bei NS-belasteten Personen deren Rolle im Nazi-Regime ausführlich behandelt wird. Die Online-Informationen sind unter dieser URL ab Mitte November abrufbar, wenn auch die ersten Erläuterungstafeln angebracht werden.

Die Erläuterungstafeln sind aus pulverbeschichtetem Aluminium und kosten in der Herstellung pro Stück 310 Euro. Ab Mitte November werden die ersten 24 Tafeln in einer Pilotphase in der linken Altstadt, am Mönchsberg, auf dem ehemaligen Stadtwerkeareal und für den Wilhelm-Kaufmann-Steg montiert. Im nächsten Schritt werden Zusatztafeln im Andräviertel und in Schallmoos angebracht. Jährlich sollen ab 2016 rund 40 weitere Schilder platziert und weiterführende Informationen im Internet angeboten werden, nachdem die Biographien der namengebenden Personen aufbereitet und bei Bedarf im Fachbeirat abgestimmt wurden.

Hintergrund – Salzburger Straßennamen in Zahlen
• insgesamt gibt es 1.144 Namen von Straßen und Verkehrsflächen
• 515 (45,1%) mit nicht personenbezogen Namen (Orte, Flurnamen, Tiere, Blumen o.a.)
• 65 (5,7%) nach Personengruppen benannte Straßen
• 529 (46,2%) nach Männern benannte Straßen
• 25 (3%) nach Frauen benannte Straßen

Hintergrund – Straßennamen als Orientierung und Identifikationsfaktor
Straßennamen dienen einer routinehaften Orientierung, die als Stadtplan in den Köpfen durch den Alltag lenkt, und sie sind ein Identifikationsfaktor. Insbesondere personale Straßennamen fungieren auch als kulturgeschichtliche Quellen, wenn sie Auskunft über Personenverehrung ihrer Entstehungs- bzw. Umbenennungszeit geben.

Straßenbenennungen in unterschiedlichen Zeitepochen sind also Teil unserer Geschichte, auch wenn diese aufgrund des heutigen Forschungsstandes und unserer demokratischen Wertehaltung im Einzelfall nur schwer oder gar nicht mehr verständlich sind. Die moderne Forschung empfiehlt daher den Weg der historischen Kontextualisierung „problematischer“ Lebensläufe und der Sichtbarmachung und öffentlichen Diskussion der historischen Begleitumstände.

Die Erläuterungstafeln in Salzburg sollen aber auch die Erinnerung an Menschen aktivieren, die Besonderes und Positives für die Stadt geleistet haben. Die weiterführenden Texte auf der Website der Stadt Salzburg bieten neben ausführlichen biographischen Infos auch das Datum und den historischen Kontext der Straßenbenennung.

 

 

 

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