Fachkräftemangel: Schramböck will
 neue Zielgruppen zur Lehre motivieren

 

erstellt am
11. 10. 18
13:00 MEZ

Opposition protestiert gegen Abschaffung der Lehre für AsylwerberInnen
Wien (pk) Für die Attraktivierung der Lehre als bestes Mittel gegen den Fachkräftemangel in Österreich wirbt Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Ihr zufolge plant die Regierung daher mit mehreren Maßnahmen neue Zielgruppen für eine Lehrausbildung zu gewinnen, wie sie am 10. Oktober im Wirtschaftsausschuss des Nationalrats sagte. So sollte auch von MaturantInnen die Lehre häufiger für eine Berufskarriere genutzt werden, derzeit würden nicht einmal 3% von ihnen einen Meistertitel anstreben. Außerdem will Schramböck die Mobilität von Lehrlingen fördern und mit einer Digitalisierungsoffensive die Kompetenzen in diesem Bereich stärken. In der Unterredung mit den Abgeordneten auch auf die Situation von AsylwerberInnen in Lehrausbildung angesprochen, hielt die Ministerin an der Regierungslinie fest. Asyl für Fachkräftezuzug heranzuziehen, sei der falsche Weg, hier brauche es ein "Erwachsenwerden" Österreichs und der Europäischen Union, richtete sie SPÖ, NEOS und Liste Pilz aus.

Thematisiert wurden in der Aussprache mit der Ministerin unter anderem auch das geplante Standortentwicklungsgesetz, eine Reform des Internationalen Währungsfonds sowie die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich und weltweit.

Opposition bricht Lanze für AsylwerberInnen in Lehrausbildung
Unisono appellierten die Abgeordneten Josef Schellhorn (NEOS), Bruno Rossmann (PILZ) und Nurten Yilmaz (SPÖ) an Ministerin Schramböck, die angekündigte Abschaffung der Lehrmöglichkeit für Asylwerbende zurückzuziehen. Ein junger Asylwerber, der vorhabe "der beste afghanische Koch in Österreich zu werden", dürfe nicht um diese Option gebracht werden, drängte Schellhorn darauf, dieses "Mosaiksteinchen" zur Lösung des Fachkräftemangels nicht wegzunehmen. Als "desaströs" für die Integrationsarbeit bezeichnete Rossmann das Regierungsvorhaben, zumal österreichische Firmen in die Ausbildung der jungen AsylwerberInnen investiert hätten. Schramböck hielt entgegen, 10.000 Asylberechtigte unter 20 Jahren und ebenso viele junge Menschen in überbetrieblicher Lehrausbildung (ÜBA) stünden 12.000 freien Lehrstellen gegenüber, weswegen sie den Fokus auf die Vermittlung dieser Personen lege. Rückendeckung erhielt sie dabei von Gabriel Obernosterer (ÖVP), der gerade von Asylberechtigten im Osten Österreichs erwartet, offene Lehrstellen auch in westlichen Bundesländern anzunehmen.

Schramböck: Lehrausbildung muss breiter werden
Zur allgemeinen Förderung der Mobilität von Lehrlingen angesichts der regionalen Unterschiede beim Fachkräftebedarf würden 10 Mio. bereitgestellt, so Wirtschaftsministerin Schramböck. Als weitere Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel nannte sie verpflichtende Firmenpraktika von ÜBA-Lehrlingen und das Heranführen junger Frauen an für sie "atypische" Lehrausbildungen, vor allem im Technikgewerbe. Für diesen Ansatz zur Verbreiterung der Möglichkeiten für weibliche Lehrlinge stelle ihr Haus 5 Mio. an Förderungen zur Verfügung, jedoch brauche es auch eine Bewusstseinsbildung in den Familien.

Zur Lehre nach der Matura laufe aktuell ein Probemodell in Oberösterreich mit auf zwei Jahre verkürzter Ausbildungszeit. Immerhin übernehme das Arbeitsmarktservice bereits jetzt die Lohndifferenz zum Fachkräftegehalt, wenn Unternehmen Über-18-Jährige als Lehrlinge anstellen. Für die Positionierung Österreichs bei EU-weiten Talentepools will Schramböck die Betriebsansiedlungsagentur ABA zur Fachkräftesuche beiziehen, die Rot-Weiß-Rot-Karte für qualifizierte Drittstaatenangehörige soll entbürokratisiert werden. Generell sei es hoch an der Zeit, das Image der Lehre zu verbessern, machte sich Schramböck dafür stark, den Meistertitel auf eine Ebene mit Ingenieur und Bachelor zu heben.

Digitalisierung in der Bildung vorantreiben
An den Schulen arbeite sie mit Bildungsminister Heinz Faßmann an einer Stärkung digitaler Fähigkeiten, auf deren Mangel sich vielfach die Arbeitslosigkeit begründe, erklärte Schramböck in Richtung Eva-Maria Himmelbauer (ÖVP), die digitale Kompetenzen heutzutage als "Grundvoraussetzung" für alle Bereiche des Arbeitsmarkts sieht. Neben einer Verbesserung der Breitband-Infrastruktur geht es laut Schramböck bei der Digitalisierung im Schulbereich auch um die Unterstützung der Lehrkräfte und die Definition der pädagogisch geeigneten Online-Inhalte. Die 200 bestehenden Lehrberufe gelte es, auch in dieser Hinsicht rasch zu überarbeiten, denn "alle müssen digitale Inhalte haben".

Mit ihrem "Pakt für digitale Kompetenz/Fit4Internet" wolle sie aber auch ältere, weniger Internet-affine Zielgruppen erreichen. Der Plan sei, ab nächstem Jahr gemeinsam mit Wirtschaft und Verwaltung österreichweit entsprechende IT-Kurse anzubieten. Überdies sei angedacht, den "Talente-Check" für SchülerInnen an sämtlichen Schulen einzuführen, und zwar mit ausreichender Vorlaufzeit bis zum Schulabschluss. Einen Bildungsauftrag in Sachen Lehrausbildung nicht nur bei den Betrieben, sondern auch bei der Politik macht NEOS-Wirtschaftssprecher Schellhorn ebenfalls aus. Allerdings bemängelte er am heimischen Schulsystem, die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg erfolge zu früh, wodurch die Talente vieler junger Menschen unerkannt blieben und sie ungeachtet ihrer Eignung eine akademische Ausbildung anstreben.

Standortentwicklungsgesetz soll 2019 kommen
Der Kritik Bruno Rossmanns (PILZ) und der SPÖ-Mandatarinnen Cornelia Ecker und Doris Margreiter am geplanten Standortentwicklungsgesetz entgegnete Ministerin Schramböck, Rechtsexperten würden derzeit an gesetzeskonformen Regelungen arbeiten, mit dem Ziel, das Inkrafttreten des Gesetzes am 1.1.2019 zu ermöglichen. Wichtig sei ihr, so Schramböck, dass bei großen Bauprojekten von öffentlichem Interesse schnelle Entscheidungen erfolgen, selbst wenn diese negativ ausfielen. Konkret hatte Rossmann bemängelt, der im Entwurf zwecks Verfahrensbeschleunigung enthaltene "Genehmigungsautomatismus" sei keinesfalls rechtskonform, genauso wenig wie die bereits beschlossene Novelle zu den Umweltverträglichkeitsprüfverfahren, wie auch Margreiter konstatierte. Ecker monierte, das Gesetzesvorhaben mute an, "von der Industriellenvereinigung bestellt" zu sein.

Geeinte Position der EU im Welthandel
Zum von Rossmann angesprochenen "Handelskrieg zwischen den USA und dem Rest der Welt" meinte die Ministerin, die EU setze hier auf Deeskalation. Entscheidend sei, dass die EU-Mitgliedstaaten geschlossen auftreten, das Verhandlungsmandat bei den Gesprächen mit den USA liege bei der Europäischen Kommission. Für das Exportland Österreich sei wichtig, der durch die internationalen Unstimmigkeiten zurückgehenden Exportdynamik beizukommen. Positiv wertete Schramböck vor diesem Hintergrund den Abschluss neuer Handelsabkommen zwischen EU und Staaten wie Singapur sowie Japan. Abgesehen davon sei beim jüngsten informellen Ratstreffen der EU-HandelsministerInnen die Zukunft der Welthandelsorganisation WTO Thema gewesen, berichtete Schramböck weiter und bekannte sich zum Erhalt des Multilateralismus im Handel. Überlegenswert sei in diesem Zusammenhang die Aufgabe des Einstimmigkeitsprinzips bei Entscheidungen der WTO. Eine Reform der Welthandelsorganisation halte sie jedenfalls für notwendig.

Die Sorge von FPÖ-Abgeordnetem Walter Rauch, angesichts unterschiedlicher Zinsentwicklungen im europäischen Raum und in den Vereinigten Staaten könnte eine erneute Wirtschaftskrise drohen, entkräftete die Wirtschaftsministerin mit dem Hinweis, Österreich habe eine robuste Wirtschaft. Für nächstes Jahr werde eine Exportsteigerung von 3,7% erwartet. Dennoch ortet die Ministerin aufgrund des hohen Wirtschaftswachstums teilweise eine "Überhitzung". Das Wirtschaftsforschungsinstitut prognostiziere in Österreich nach einem kräftigen 3%igen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für 2018 im nächsten Jahr eine abflauende Konjunktur mit einem BIP-Zuwachs von nur noch 2%.

   

Anteil weiblicher Lehrlinge zwar konstant, aber noch zu gering
Auch die Entwicklung der Jugendbeschäftigung beschäftigte den Wirtschaftsausschuss. In ihrem Bericht zur Lage der Jugendbeschäftigung spricht die Ressortleiterin Margarete Schramböck von einer positiven Trendwende, warnt aber gleichzeitig vor einem drohenden Fachkräftemangel. Ein weiterer Themenblock war die Finanzierung von KMU und Start-ups, zu dem den Abgeordneten der Jahresbericht des ERP-Fonds (European Recovery Program) vorlag. Die NEOS wiederum forderten in einem Entschließungsantrag ein Maßnahmenpaket zur Mitarbeiterbeteiligung an Start-ups. Das Thema AUVA schließlich brachte die SPÖ mit einer Initiative betreffend Bestandsgarantie für die Unfallversicherungsanstalt zur Sprache. Die beiden Berichte wurden einstimmig zur Kenntnis genommen, die Oppositionsanträge wurden vertagt.

Jugendbeschäftigung zeigt positiven Trend
Eine positive Trendwende ortet der Bericht zur Situation der Jugendbeschäftigung (III-171 d.B.), wobei das Ministerium sowohl auf den Rückgang bei der Jugendarbeitslosigkeit als auch auf die Steigerung bei der Zahl der Lehrlinge im ersten Lehrjahr hinweist. Als Herausforderungen gelten aber nach wie vor der drohende Fachkräftemangel sowie die Arbeitsmarktintegration jener Jugendlichen, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen. Im Fokus stehen zudem Jugendliche mit Migrationshintergrund. Bei der Präsentation des Berichts im Ausschuss strich Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck positiv hervor, dass es in der Lehre im Vergleich mit anderen Ausbildungszweigen eine geringe Drop-Out-Quote und hohe Beschäftigungsquote 18 Monate nach Abschluss gebe. Außerdem sei die Lehre stark mit einer späteren beruflichen Selbstständigkeit verknüpft. Der Anteil weiblicher Lehrlinge sei zwar konstant, aber mit rund einem Drittel noch zu gering, unterstrich Schramböck. Nachholbedarf sah sie auch bei der Lehre nach der Matura, die im Vergleich mit Deutschland sehr geringe Quoten aufweise.

Die Themen der Ausschussdebatte drehten sich vor allem seitens der Opposition um die Attraktivierung des Lehrberufs. Wolfgang Knes (SPÖ) betonte, dass es dabei unter anderem um Aspekte wie Vereinbarkeit von Beruf und Unternehmensstandort sowie um die Bezahlung der Lehrlinge gehe. Reinhold Einwallner (SPÖ) sagte, dass Maßnahmen der Regierung, wie etwa der 12-Stunden-Tag, nicht zu einer Verbesserung der Lehre beitragen würden. Eine Kürzung der Mittel für Lehre mit Matura, wie sie Josef Schellhorn (NEOS) ortet, sei für ihn kein guter Schritt, die Lehre zu attraktivieren. Auf die Frage von Wolfgang Knes (SPÖ), was die Wirtschaftskammer zur Attraktivierung der Lehrlingsausbildung beitrage, antwortete Angelika Winzig (ÖVP), dass diese Informationsangebote in allen Bundesländern bereitstelle und SchülerInnen Potentialanalysen anbieten. Den Drei-Stufenplan zur Fachkräfteakquirierung hob Winzig positiv hervor und unterstrich die positive Bedeutung der dualen Ausbildung im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit.

Josef Schellhorn (NEOS) erkundigte sich bei Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck nach dem Reformbedarf des Polytechnischen Lehrgangs. Peter Haubner (ÖVP) betonte, dass es bei den Polytechnischen Lehrgängen zwar Unterschiede zwischen Stadt und Land gebe, aber auch qualitative Unterschiede zwischen den Polytechnischen Lehrgängen festzustellen seien. Daher müsse eine Reform ganzheitlich angegangen werden. Dem schloss sich auch Ministerin Schramböck an, die darauf verwies, dass sich Bildungsminister Heinz Faßmann derzeit das gesamte Schulsystem anschaue. Man werde sich auch den Berufsbildende Höhere Schulen und Berufsschulen widmen. In Richtung Bruno Rossmann (NEOS) sagte die Ministerin, dass ihr auch eine Berufsneuorientierung während eines bestehenden Arbeitsverhältnisses ein Anliegen sei.

ERP-Kredite nach wie vor wichtige Förderschiene für KMU
Der Jahresbericht des ERP-Fonds (146 d.B.) unterstreicht einmal mehr die Bedeutung der ERP-Kredite für die heimischen KMUs. Die Abgeordneten konnten dem Papier entnehmen, dass 2017 rund 592 Mio. für 1.366 Projekte vergeben wurden, wodurch der Fonds Investitionen in der Höhe von fast 900 Mio. unterstützte.

Kritik an der Ausschüttung der Fonds-Mittel kam von Bruno Rossmann (PILZ). Konkret seien vor dem Hintergrund des Klimawandels bei den Bewertungskriterien ökologische Aspekte zu wenig berücksichtigt. Wachstum allein dürfe heutzutage nicht der wichtigste Ansporn sein, betonte Rossmann. Außerdem sollen laut Bericht die Auszahlungen 2018 gleich verteilt werden wie die Jahre zuvor, kritisierte er und hielt es auch für falsch, dass es zu keiner Anpassung an aktuelle vor allem ökologische Aspekte komme. Dem hielt Wirtschaftsministerin Maragrete Schramböck entgegen, dass es vier Kriterien gebe, von denen eines Wachstum mit Beschäftigung kombiniere und ein weiteres Umweltrelevanz bewerte. Außerdem würden mit einem Innovations-Kriterium insbesondere neue Sektoren angesprochen und dadurch aktuelle Entwicklungen berücksichtigt. Auf Frage von Melanie Erasim (SPÖ), ob es künftig zu einer Aufstockung der Mittel des Fonds komme, verwies die Ministerin auf eine laufende Evaluierung.

Initiativen von NEOS zur Mitarbeiterbeteiligung und der SPÖ zur AUVA vertagt
Die NEOS steuerten zum Thema Unternehmensfinanzierung einen Entschließungsantrag (293/A(E)) bei, in dem sie ein Maßnahmenpaket betreffend Mitarbeiterbeteiligung bei Start-ups fordern. So soll bei der Leistungsvergütung eine Flexibilisierung ermöglicht werden, wodurch MitarbeiterInnen unter anderem Unternehmensanteile erhalten können. Dadurch würde ein motivierender Effekt auf die Belegschaft ausgeübt, da die beteiligten MitarbeiterInnen eine emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen hätten und an der "Geschichte des Unternehmens" teilhaben könnten, sagte Josef Schellhorn (NEOS) im Wirtschaftsausschuss. Außerdem sollten GmbH-GesellschafterInnen mit mehr als 1%iger Beteiligung nicht gegen ihren Willen für Sozialversicherungszwecke als ArbeitnehmerInnen behandelt werden. Wolfgang Klinger (FPÖ) betonte, dass es sich bei dem Anliegen um eine sozialversicherungsrechtliche Thematik handle. Er verwies darauf, dass im Finanzministerium eine Taskforce zum Einkommenssteuergesetz eingerichtet wurde und beantragte daher die Vertagung der NEOS-Initiative.

Die SPÖ brachte das Thema AUVA aufs Tapet und fordert in ihrer Initiative (231/A(E)) eine Bestandsgarantie seitens der Bundesregierung für die Unfallversicherungsanstalt. Durch angekündigte Einsparungen befürchtet Cornelia Ecker (SPÖ), dass wichtige Unterstützungsleistungen für Unternehmen, insbesondere KMU, gefährden würden. Sie sorgte sich im Wirtschaftsausschuss vor allem um den Zuschuss zur Entgeltfortzahlung. Zu einer Kürzung der Zuschüsse werde es nicht kommen, da die Zusammenlegung der Krankenkassen eine reine Verwaltungsreform darstelle, betonte Gabriel Obernosterer (ÖVP) und beantragte die Vertagung des Antrags.

 

 

 

Allgemeine Informationen:
https://www.parlament.gv.at
http://www.eu2018parl.at

 

 

 

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