Brandkatastrophe in Notre-Dame:
 Europas Dombauhütten helfen

 

erstellt am
16. 04. 19
13:00 MEZ

Stephansdombaumeister Zehetner: Wiener und andere Dombauhütten können Handwerker nach Paris entsenden, um Brandfolgen bewältigen zu helfen
Paris/Wien (kap) - Europas Dombauhütten werden mithelfen, um die Brandkatastrophe in der Pariser Kathedrale Notre-Dame zu bewältigen. Wie der Dombaumeister am Wiener Stephansdom und Vorsitzende der Europäische Vereinigung der Dombaumeister, Wolfgang Zehetner, am Dienstag im Gespräch mit "Kathpress" erklärte, sei für die Rekonstruktion und den Wiederaufbau der am Abend des 15. April von einem verheerenden Brand schwer in Mitleidenschaft gezogenen Pariser Kirche "Geld und Können" erforderlich. Hochqualifizierte Steinmetze und Bildhauer gebe es nicht im Übermaß. Nach Rücksprache mit Kollegen in Deutschland könne er sich gut vorstellen, dass die Dombauhütte in Wien und jener in Paris Fachleute zur Verfügung stellt. Es werde aber jedenfalls Jahre dauern, bis die Schäden behoben sind, so der Dombaumeister.

Nach den Worten Zehetners ist Notre Dame wie auch andere Großkirchen bestens vermessen und dokumentiert. D.h. man könne die Pariser Hauptkirche architektonisch gut rekonstruieren, auch wenn angesichts eines 800 Jahre alten Baus gelte: "Es wird nicht mehr das Gleiche sein." Wie lange der Wiederaufbau dauern wird, hänge nicht zuletzt vom politischen Willen ab - die gotische Kathedrale ist wie alle französischen Kirchen im Besitz des Staates. Dass Notre-Dame eine "Prestigesache" für Frankreich ist, wird nach Zehetners Einschätzung bei einem ambitionierten Wiederaufbau helfen. Doch auch beim 1945 abgebrannten Stephansdom habe es Jahrzehnte gedauert, bis die Folgen beseitigt waren, erinnerte der Dombaumeister.

Beim Stephansdom sei es äußerst unwahrscheinlich, dass ein ähnlich verheerendes Feuer ausbrechen könnte wie in Notre-Dame, bestätigte Zehetner eine Einschätzung, die der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, schon am Tag der Katastrophe in der ORF-ZIB2 geäußert hatte. In den Jahren 1949 und 1950 wurde der stählerne Dachstuhl mit einem Gesamtgewicht von rund 600 Tonnen anstelle der verbrannten, 500 Jahre alten Holzkonstruktion auf das Langhaus gesetzt, die Brandgefahr sei dadurch deutlich geringer. Zudem gebe es im Stephansdom eine Brandwarnanlage, zahlreiche Feuerlöscher und regelmäßige Übungen mit der Feuerwehr, um im Anlassfall gewappnet zu sein. Brennbare Materialien gebe es allerdings in jeder Kirche, Gefahr durch Feuer sei nie auszuschließen, wies Zehetner hin.

Gefahr z.B. durch Löt-Arbeiten
Auch Architekt Harald Gnilsen, der das Bauamt der Erzdiözese Wien leitet, bestätigte am 16. April gegenüber "Kathpress", dass Brandgefahr in Kirchen nie auszuschließen seien. Über die Brandursache in Notre-Dame wisse er noch nicht Bescheid, aber z.B. Löt-Arbeiten stellten angesichts des meist uralten, oft modernden Holzes in Dachstühlen und anderswo immer eine Gefahrenquelle dar. Gnilsen berichtete von einem Feuer, das erst am Tag nach erfolgten Arbeiten in einer Kirche ausgebrochen sei.

Effektiver Brandschutz ist nach den Worten des Baumamtsleiters eine Geldfrage und dennoch nie absolut gegeben. Ob eine Brandmeldeanlage - die es in Wiener Kirchen nicht flächendeckend gebe - bei einem lange nur glosenden Brandherd und allmählicher Hitzeentwicklung mit plötzlichem Aufflammen die Feuerwehr rechtzeitig an den Schauplatz bringen kann, sei fraglich. Laut Gnilsen ist es wichtig, bei feuergefährlichen Sanierungsarbeiten eine Brandwacht vorzusehen, "und auch die kostet Geld".

 

 

 

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