Stefka Georgieva

 

erstellt am
26. 06. 19
13:00 MEZ

Architektin im staatlichen Planungswesen in Bulgarien (1923-2004) von 27. Juni bis 27. September 2019 im Ausstellungszentrum im Ringturm
Wien (wst) - Die Ausstellung im Ringturm würdigt Bulgariens berühmteste Architektin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Stefka Georgieva. Sie gilt als die wichtigste Vertreterin ihres Faches im Bulgarien der 1960er bis 1980er Jahre.

Die vielfach ausgezeichnete Architektin - unter anderem erhielt sie 1981 den Gottfried-von-Herder- Preis der Universität Wien - hat die Form wichtiger Bauten ebenso wie die Entwicklung der Baukunst in Bulgarien nachhaltig geprägt. In Anerkennung ihres Talentes wurde sie 1973 zur Gruppenleiterin bei Glavprojekt und 1981 zur Abteilungsleiterin bei Sofprojekt ernannt, den zwei wichtigsten staatlichen Planungsbüros im kommunistisch geprägten Balkanstaat.

Ihr außergewöhnliches Material- und Detailgespür nahm sie aus ihrer zweijährigen Studienzeit bei Döllgast in München mit. Gepaart mit staatlich repräsentativem Formenvokabular, in dem sie
national-vernakulare Traditionen gekonnt zu verarbeiten wusste - ohne internationale Tendenzen wie den Brutalismus zu verleugnen - realisierte sie zahlreiche Bauten. Neben imposanten Hochbauten gestaltete sie auch viele Messen für den internationalen Auftritt Bulgariens.

Mit dem Beginn wirtschaftlicher Schwierigkeiten in Bulgarien Ende der 1970er Jahre orientierte sich Georgieva beruflich nach Afrika. Die von ihr für Nigeria erarbeiteten großen Stadtplanungen sowie Entwürfe für Sportzentren, Einkaufs- und Hotelanlagen blieben allerdings mit wenigen Ausnahmen aufgrund der äußerst instabilen politischen Verhältnisse des Landes nur Projekte.

Die aktuelle Schau im Ringturm porträtiert anhand realisierter Bauten das architektonische Lebenswerk dieser außergewöhnlichen Protagonistin hinter dem Eisernen Vorhang.

Die Zeit und ihr Stil: bulgarischer Brutalismus
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelangte Bulgarien in die sowjetische Einflusssphäre und wurde 1948 offiziell zu einer sozialistischen Volksrepublik erklärt. Das Land wurde einer rapiden Modernisierung, einschließlich Industrialisierung, unterzogen. Dazu zählten unter anderem Verstädterung, die Entwicklung öffentlicher Einrichtungen sowie Wiederaufbau und Neugestaltung nach dem Krieg. Die Kontinuität der modernistischen Entwicklung wurde in Bulgarien von der Einführung der ästhetischen Doktrin des Sozialistischen Realismus 1948 unterbrochen, doch nach dem politischen Tauwetter im Frühjahr 1956 - und besonders in den 1960er und 1970er Jahren - herrschte in diesem Land die Sprache des Nachkriegsmodernismus vor, die ihre führende Rolle auch in den nachfolgenden Jahrzehnten unter Beweis stellte.

Der innerbulgarische Diskurs behandelt sozialistische Architektur (1944-1989) im Allgemeinen als relativ geschlossenes System, das, abgesehen von Moskau als politischem Zentrum, von äußeren Einflüssen abgeschottet bleibt. Und das ist auch weitgehend der Fall. Dennoch gab es äußere Einflüsse nicht nur aus dem offiziellen ideologischen Zentrum, sondern auch aus vielen "kapitalistischen" Quellen aus Westeuropa, Amerika und Asien. Sie erreichten Bulgarien oft spät und wurden fast nie in ihrer reinen Form angewandt, trotzdem waren sie zweifellos präsent.

In Bulgarien wurde der Brutalismus von einer totalitären Regierung gefördert. Formell war es eine linke, sich als progressiv sozialistisch verstehende Regierung. Doch während der Brutalismus auf der ganzen Welt unter anderem als architektonisches Symbol eines Nachkriegswohlfahrtsstaates entstand, die egalitären Bauvorhaben sozialer Institutionen symbolisierte und eine unüberschaubare Anzahl von Sozialbauten und öffentlichen Großbauten hervorbrachte, gestaltete sich die Situation in der Volksrepublik Bulgarien ein wenig anders. Das Land war ein sozialistischer Staat und Brutalismus wurde für wichtige, hauptsächlich öffentliche Gebäude "verwendet". Er wurde als ein repräsentatives Werkzeug gebraucht. In Bulgarien wurde nicht die Ethik, sondern hauptsächlich die berüchtigte Ästhetik des Brutalismus kopiert. Der Stil wurde in der Regel entweder für hochrepräsentative Staatsgebäude oder für noble Wohnsiedlungen der kommunistischen Nomenklatura und ausgewählter Eliten eingesetzt.

In den 1960er Jahren wies eine Reihe von Gebäuden in Bulgarien einige der üblichen Merkmale des Brutalismus auf, einschließlich Sichtbeton und "ehrlicher" Materialien. Gleichzeitig, und wenig überraschend, blieb Brutalismus in seiner reinen Form weitgehend unerreichbar. Er wurde stark regionalisiert, kontextualisiert und in das "allgegenwärtige Einheimische" hineingeschmuggelt. Alle Ausnahmen wurden heftig kritisiert.

Wieso war "das Einheimische" so wichtig? Seit ihrer Selbstdefinition im 19. Jahrhundert lebt die bulgarische "nationale" Kultur in konstantem Konflikt zwischen ihren sogenannten "Wurzeln" und der universellen Kultur, mit der sie sich ständig vergleicht. Fortwährend versuchte sie eine lokale Version der globalen Einflüsse zu erfinden. Wenn in kulturellen Belangen Probleme oder Zweifel auftraten - auch innerhalb der bulgarischen sozialistischen Kultur und im Speziellen der Architektur - galt es stets, "das Einheimische zu finden", wie formelhaft wiederholt wurde.

Stefka Georgieva und der Staat
Stefka Georgieva ist eine der unbekanntesten Figuren, die dem kommunistischen Regime dienten - sie war eine offizielle Staatsarchitektin. Sie wirkte nicht nur als Leiterin einer Planungsgruppe am größten in Sofia ansässigen staatlichen Architektur­ und Stadtplanungsinstitut "Glavprojekt", sondern entwarf auch so herausragende repräsentative Gebäude wie die Staatsresidenz Bojana (Haus 2), die Villa "Magnolia" in Evksinograd, einige private Einfamilienhäuser für die bulgarische Elite der Kommunistischen Partei und die Apartmenthochhäuser für das Diplomatische Corps. Und doch - oder vielleicht gerade deshalb - schaffte sie es, in einem spezifischen "pro­westlichen" Stil mit absichtlich formalisierter und bisweilen unbekümmert zitierter einheimischer bulgarischer Architektur zu bauen. Obwohl ihre Bauten immer entweder als künstlerische Interpretation genau dieser
"einheimischen Tradition" diskutiert - damals die einzig mögliche Diskussion - oder als sinnloser, importierter Formalismus kritisiert wurden, zählen sie noch heute zu den stärksten Beispielen des architektonischen Brutalismus, wie er im sozialistischen Bulgarien praktiziert wurde.

Georgieva studierte zwischen 1942 und 1944 bei Hans Döllgast Architektur an der Technischen Hochschule München, bevor der Zweite Weltkrieg sie zur Rückkehr nach Bulgarien zwang. Sie schloss 1947 am neu gegründeten Staatspolytechnikum in Sofia als Architektin ab und begann im Jahr 1948 bei "Glavprojekt" zu arbeiten, wo sie relativ rasch in die gewaltigen Bauprojekte des sozialistischen Bulgarien und in die rapide Modernisierung des Landes involviert wurde. In den späten 1940er Jahren entwarf sie Kindergärten und Vorschulen und in den 1950er und 1960er Jahren Hotels für Bulgariens neue und international gefeierte Meeresbadeorte "Druzhba", "Gold-strand" und
"Sonnenstrand". Von Anfang an war sie Teil des Planungsteams der Urlaubsanlage "Sonnenstrand" unter der Leitung des Architekten Nikola Nikolov. Gemeinsam mit ihm erhielt sie 1960 den damals äußerst renommierten DimitrovskaoPreis. Von 1973 bis 1981 war Georgieva Leiterin eines Planungsteams bei Glavprojekt, ehe sie zu Sofprojekt wechselte, das zweite bedeutende staatliche Architekturo und Designinstitut in Sofia.

Trotz ihrer langen und produktiven Karriere als Architektin schuf Georgieva ihre fünf markantesten Bauten in nur 15 Jahren, von 1960 bis Mitte der 1970er Jahre:

  • Villa 3, Staatsresidenz Evksinograd - durch spätere umfangreiche Umbauten zur Villa"Magnolia" geworden (1960)
  • Tennishalle "Sofia" (1968)
  • Komplex von drei Wohnhochhäusern mit Appartements für den Bedarf des ausländischen Diplomatischen Korps (Sofia, 1973)
  • Hotelgruppe "Tscherno more/Fregata" (Badeort Sonnenstrand, 1972)
  • Staatsresidenz Bojana, Haus 2 (Sofia, 1974)

All diese Realisierungen können als strukturelle, räumliche und stilistische Experimente bezeichnet werden. Sie veranschaulichen - an der Grenze zum architektonischen Brutalismus - Georgievas unbedingte Ablehnung architektonischer Kompromisse. Dies gilt es, vor dem Hintergrund folgender Fakten zu berücksichtigen:

  • Stefka Georgieva absolvierte die Grundlagen ihres Architekturstudiums in München. Sie entwickelte eine ausgeprägte Haltung zu präzisen Details, logischer Formfindung und ästhetischer Konstruktion.
  • Sie erhielt relativ früh - mit erst 37 Jahren - den damals sehr wichtigen DimitrovskaoPreis. Durch ihre Arbeit war es ihr außerdem möglich, unkompliziert und häufig innerhalb, aber auch außerhalb, des Ostblocks zu reisen.
  • Georgieva war mit einem der besten bulgarischen Bauingenieure ihrer Zeit verheiratet - Levtscho Manuilov. Er war ihr engster Berater und angeblich der Spiritus Rector ihrer kühnsten Konstruktionsexperimente.


Georgieva entwickelte einige Leitprinzipien, die sie in ihren markantesten Bauten beherzigte:

  • modulares Design, basierend auf Rastern und wiederkehrenden Elementen
  • logische, ästhetische Konstruktion als Basis für logische Formfindung und zurückhaltende Dekoration
  • tektonische Interpretationen des bulgarischen Vernakularen
  • im Allgemeinen viel Sichtbeton und "ehrliche" Materialien


Insbesondere zwei Bauten markieren die Grenzen von Georgievas "goldener Periode":

Tennishalle "Sofia"
Die Tennishalle "Sofia" ist in Grundriss und Fassade modular angelegt. Sie wird durch acht identische freiliegende armierte Betonrahmen definiert, die eine Spannweite von 37 Metern und eine Höhe von 13 Metern erreichen. Ihre dreieckige Form ist multifunktional - sie interpretiert die Schrägdächer der traditionellen Architektur des Balkans, integriert das Gebäude so in den umliegenden Park und vermeidet dadurch unnötige Höhendominanz. Außerdem löst sie auf elegante Weise alle wichtigen bautechnischen Aufgaben dieser Art von Sporthallen.

Das Gebäude wirkt selbstverständlich sowohl in der funktionellen Organisation als auch in der architektonischen Sprache - ein typisches Ergebnis von Georgievas Fähigkeit, eine kluge Konstruktion als Formfindungswerkzeug einzusetzen.

Beide Paare der symmetrischen Fassaden werden durch die acht dreieckigen Rahmen aus freiliegendem Beton vordefiniert. Diese Frontfassaden reichen bis zum Boden und sind mit der expressiven Modularität sich wiederholender quadratischer Holzfensterrahmen dekoriert, die die Dreiecksform komplett ausfüllen. Beide Seitenfassaden werden durch eine gleichförmige vertikale Anordnung von Betonrahmen und einer zusätzlichen Metallkonstruktion dazwischen gebildet und von 22 Meter langen, nahtlosen selbsttragenden - aus Belgien importierten - Metallplatten überdacht.

Zwei klar kontrastierende Materialien, die den brutalistischen Charakter dieses Gebäudes ausmachen, sind der Sichtbeton der freiliegenden Konstruktion und die warme Farbe des Holzes, das sowohl für Fensterrahmen als auch für Innenverkleidungen, Täfelungen und Dekoration zum Einsatz kommt. Einen letzten regionalen Touch verleiht das Natursteintrockenmauerwerk als Fundament.

Die Tennishalle "Sofia" ist definitiv ein egalitäres Gebäude - offen, zugänglich, respektvoll seiner Umwelt gegenüber und mit einer klaren sozialen Aufgabe. Dies ist bei Georgievas Opus Magnum - Haus 2 der Staatsresidenz Bojana - nicht der Fall.

Die Residenz Bojana ist ein Staatskomplex mit speziellem Status und umfasst zwei Gebäude. In Bau 1, der ehemaligen Residenz des Staatsrates der Volksrepublik Bulgarien, befindet sich heute das nationale Historische Museum. Das zweite von Georgieva entworfene Gebäude wird - als Wohnkomplex mit Hotelfunktion sowie einigen zusätzlichen Wohn- und Nutzgebäuden - seit seiner Errichtung bis heute von der bulgarischen Regierung genutzt.

Die Residenz liegt in einem eindrucksvollen Park mit eingeschränktem Zugang. Ihr Konzept steht in einer Reihe von hochrepräsentativen Bauten des sozialistischen Regimes in Bulgarien, die die höchsten Lebensstandards und besten baulichen Errungenschaften demonstrieren sollten. Der Komplex ist nach den ungeschriebenen Regeln des totalitären Luxus gebaut, alle Gebäude befinden sich in exzellenter Lage. Das konstruktive Gebäudekonzept ist kompromisslos und alle verwendeten Materialien, Ausführungen und Details sind von höchstmöglicher Qualität. Die Residenz Bojana war als repräsentativer Bau und Symbol der Macht des Staates auch mit unverwechselbar "bulgarischem Charakter" ausgestattet, was jedoch subtil mit den Mitteln spätmodernistischer und brutalistischer Sprache erzielt wurde.

Georgieva entwarf ihren Bau auf einem quadratischen Raster als uoförmigen Komplex mit ausgeprägter Symmetrie und einem intimen Innenhof, was diskret an den Archetyp des Klostergartens und des Dorfmarktes sowie an andere nachhaltige Beispiele bulgarischer Stadtplanung des 19. Jahrhunderts erinnert. Dieser Ansatz wird mit einem Schrägdach mit ausgeprägten Auskragungen, heraustretenden Geschossen und "traditionellen" Materialien - weißem Putz, Holz und Steinverkleidungen - kombiniert. Die tragenden Teile sind teilweise sichtbar, doch ihr freiliegender Beton wird gemildert durch Schichten luxuriöser Materialien wie Kalkstein, Marmor, grünem Kupfer und braunem Aluminium.

Die Residenz Bojana ist sicherlich kein egalitäres Gebäude. Sie symbolisiert Machtunterschiede, ist exklusiv, selektiv, mit eingeschränktem Zugang und definitiv luxuriös - dennoch spiegelt sie brutalistische Ästhetik.

Summa summarum hat es Stefka Georgieva geschafft, eine neue Ästhetik einzuführen und sie mit zurückhaltender professioneller Ethik zu kombinieren. Dabei vermied sie seelenlose Kopien und einfachen Ersatz. Sie spielte das Spiel des bulgarischen Brutalismus, schuf sowohl elitäre als auch egalitäre Bauten und diente dem Staat mit Respekt. Sie machte sich fremde Einflüsse zu Eigen und zähmte diese mit Regionalismus. Georgieva entwarf stalinistische Kindergärten und Vorschulen, modernistische Hotels und mächtige, brutalistische Bauten, in ihrer Arbeit war sie versatil, zweideutig, funktional, monumental und großartig.

Stefka Georgieva zählt zu den unleugbaren visuellen Helden des bulgarischen Nachkriegsmodernismus.

 

 

 

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