"Red' ma uns des aus"

 

erstellt am
28. 10. 19
13:00 MEZ

Die Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zum Nationalfeiertag 2019
Wien (hofburg) - Guten Abend, meine Damen und Herren!

Wo auch immer Sie sich heute in unserem schönen Land befinden, ich hoffe, Sie konnten einen schönen Nationalfeiertag verbringen.

Der 26. Oktober ist eine gute Gelegenheit für uns alle, für uns alle, die wir das Glück haben, in Österreich zu leben, einmal kurz inne zu halten und daran zu denken, was uns als Österreich eigentlich ausmacht. Und was uns wichtig ist.

Eine unserer gemeinsamen Grundlagen hat sich im letzten Jahr besonders in Erinnerung gerufen:
Die österreichische Bundesverfassung.

Ich glaube, sie ist es wert, an einem Tag wie diesem einmal gewürdigt zu werden. Ihr Grundstein wurde in den frühen Jahren unserer Republik gelegt. Von Menschen, die recht unterschiedlicher politischer Auffassung waren.

Da waren einerseits die Sozialdemokraten Karl Renner und Otto Bauer sowie andererseits die Christlich-Sozialen Michael Mayr und Ignaz Seipel.

Und natürlich Hans Kelsen, der sehr bald zu einem der weltweit angesehensten Juristen werden sollte.

Sie haben sich an einen Tisch gesetzt, in einer Zeit, die wirtschaftlich dramatisch schwieriger war als heute. In der es tiefe Gräben zwischen den politischen Lagern gab. Sie haben trotz allem eine gemeinsame Grundlage für unsere Demokratie und unsere Republik geschaffen. Ein Regelwerk für unser Zusammenleben, das gerade in Zeiten unvorhersehbarer Ereignisse Sicherheit und Orientierung bietet.

Und das bis heute tragfähig ist. Und wie! Wir haben es alle erlebt.

Ein Gleiches gelang den Verhandlern 1929 als es um die Kompetenzen des Bundespräsidenten ging.

Sehen Sie, für mich repräsentiert die Entstehung der österreichischen Bundesverfassung etwas, was das „Österreichische“ im besten Sinne des Wortes ausmacht:

Nämlich, dass es zum Wohl aller ist, wenn man miteinander redet.

Wenn wir uns einer unserer österreichischen Grundtugenden besinnen, uns an einen Tisch setzen und sagen: Red‘ ma uns des aus.

Selbst wenn wir noch so unterschiedlicher Meinung sein mögen:

Wenn es uns gelingt, dem anderen vorurteilsfrei zuzuhören, uns vielleicht auch in ihn oder sie hineinzuversetzen und zu akzeptieren, dass die Welt nicht nur aus Schwarz oder Weiß besteht, dann können wir zu einer neuen Lösung kommen, die besser für alle ist.

Weil es eine gemeinsame Lösung ist.

Und sehr oft ist diese gemeinsame Lösung, wie im Fall unserer Bundesverfassung, auch eine elegante. Das Gemeinsame vor das Trennende stellen. Ich habe es schon oft gesagt und ich werde nicht müde werden, es weiter zu betonen:

Wir brauchen das. Wir brauchen das Aufeinander-Zugehen.

Wir brauchen das Verbinden vermeintlicher Gegensätze.

Auf diese Suche nach dem Gemeinsamen, wird es auch bei den derzeit laufenden Gesprächen zur Bildung einer Regierung ankommen.

Für vieles, was vor uns liegt, brauchen wir nicht nur das Gemeinsame in Österreich, sondern das Gemeinsame in Europa und der ganzen Welt. Denken wir zum Beispiel an den Klimaschutz.

Meine Damen und Herren,

verzichten wir öfter einmal auf das „Entweder / Oder“ und ersetzen wir es durch ein „Und“.

Sie werden sehen, es geht:

Wirtschaft und Klimaschutz. Freiheit und Verantwortung. Menschenrechte und Menschenpflichten.

Persönliches Fortkommen und eine Chance für Menschen, die unsere Unterstützung brauchen. Wir lieben die Tradition und sind aufgeschlossen für das Neue. Wir sind Österreicher und Europäer.

Im Gemeinsamen liegt oft die bessere Lösung. Dazu gehört auch der unschätzbare Beitrag, den Sie alle in unserem Land jeden Tag leisten.

Die Frauen und Männer, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Unternehmerinnen und Unternehmer, die Bäuerinnen und Bauern, die Pensionistinnen und Pensionisten, die Menschen, die sich noch in Ausbildung befinden, die Bürgerinnen und Bürger, die derzeit ohne Arbeit sind, die Kinder, Jugendlichen sowie ihre Eltern und Großeltern, all die ehrenamtlich und unentgeltlich Tätigen, die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Und alle Menschen, die heute am Feiertag arbeiten müssen.

Ich möchte mich ausdrücklich bei Ihnen allen bedanken. Im Namen der Republik. Im Namen von uns allen.

Meine Damen und Herren,

ein Tag wie dieser ist eine gute Gelegenheit für uns alle, die wir das Glück haben, in Österreich zu leben, einmal kurz inne zu halten und daran zu denken, was für ein großartiges Land wir geschaffen haben – gemeinsam.

Darauf können wir alle gemeinsam auch ein bisschen stolz sein.

Einen schönen Abend noch Ihnen allen. Und den ganz Jungen: Gute Nacht.

 

 

 

Allgemeine Informationen:
http://www.bundespraesident.at

 

 

 

 

 

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