Schönborn: Das Evangelium den Menschen »neu buchstabieren«  

erstellt am
22. 09. 03

Neue Offenheit der Menschen für Glaube und Religion bedeutet große Herausforderung für die Kirchen.
Wien (kath.net / PEW) - Als eine große Herausforderung für die christlichen Kirchen hat Kardinal Christoph Schönborn die von Theologen und Soziologen als "Megatrend Respiritualisierung" bezeichnete neue Offenheit der Menschen für Glaube und Religion bezeichnet. Für die Kirche gelte es nun, das Evangelium so "neu zu buchstabieren, dass die Menschen verstehen, worum es geht", schreibt Schönborn in einem Gastkommentar in der Freitagausgabe (19. 09.) der "Wiener Zeitung".

Der Kardinal verwies auf den "Mitteleuropäischen Katholikentag", der derzeit von acht europäischen Bischofskonferenzen unter dem Motto "Christus - Hoffnung Europas" gemeinsam getragen wird. Dieses Motto gelte von der Familie bis zur kontinentalen Union und beziehe sich auf die Hoffnung, "dass durch die Begegnung mit Christus das vielfach gebrochene und bedrohte Leben der Menschen wieder ganz wird".

Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich gerade in den großen Städten immer mehr Menschen als "gläubig" betrachten, wieder zu beten beginnen, ja am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, erinnert der Wiener Erzbischof. Das widerspreche allen Prognosen, wenngleich der neue Trend nicht von vornherein den großen christlichen Kirchen zugute komme. Vieles aus dem historischen Fundus der Menschheit - "bis hin zum krassesten Aberglauben" - habe plötzlich wieder Konjunktur. Doch die neue "Offenheit" für Transzendenz bringe auch "große Chancen", dass die Menschen "die befreiende und heilende Kraft der Botschaft des Evangeliums wieder entdecken".

Nach den Worten Schönborns steht die Kirche am Beginn des dritten Jahrtausends in einem "Transformationsprozess", der auch manche negative Begleiterscheinungen mit sich bringe. Dennoch sollte nicht übersehen werden, was das alltägliche Wirken der Kirche in Seelsorge, Religionsunterricht sowie im karitativen und kulturellen Bereich für die Gesellschaft bedeutet. Schönborn: "Es ist die Kirche, die auf unspektakuläre Weise den Wurzelgrund der Nächstenliebe und Solidarität hegt und pflegt, ohne den die Gesellschaft zum Kampf aller gegen alle verkommen würde". Die Demokratie lebe nämlich von Grundlagen, die sie "selbst nicht schaffen kann". Und die Tätigkeit der Kirchen trage wesentlich dazu bei, dass diese Grundlagen "stabil bleiben".

Die katholische Kirche in Österreich habe sich vor Jahrzehnten dafür entschieden, dass Bischöfe und Priester "dem tagespolitischen Streit fern bleiben sollen", unterstreicht Kardinal Schönborn. Umso mehr fühle sie sich verpflichtet, zu "Grundsatzfragen" Stellung zu nehmen, wenn sie die Rechte und die Würde des Menschen in Gefahr sieht. Und umso mehr seien auch die einzelnen Christen gefordert, sich im Alltag - auch im politischen Alltag - zu engagieren. Dieses Engagement erfolge "ohne Mandat der kirchlichen Verantwortungsträger", es müsse im Respekt vor der Tatsache geschehen, dass Christen in politischen Tagesfragen durchaus auch zu "unterschiedlichen Lösungen" kommen können. Zudem müsse es die Bereitschaft zur Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinaus geben, "wenn es um das Allgemeinwohl geht".
     
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