Thema Nationalratswahl – 16. November 2002

 Außenpolitk
 Petritsch : "Ja zu aktiver Neutralitätspolitik, nein zum Beitritt zu einem Militärbündnis"
Wien (sk) - Bei einem Vortrag zum Thema "Außenpolitik: Entwurf für die Zukunft" rief der Wiener SPÖ-Spitzenkandidat Wolfgang Petritsch, zu einer "engagierten und zukunftsorientierten Konzeption der österreichischen Außenpolitik" auf. In der Außen- und Sicherheitspolitik sei lange so getan worden, "als habe sich in der Welt nichts verändert". Dies gelte in keinem Bereich mehr als für die Sicherheitspolitik nach dem Ende des kalten Krieges. Als "symptomatisch" bezeichnete Petritsch die von NATO-Befürwortern jahrelang erfolglos betriebenen Bestrebungen, diesem Militärbündnis beizutreten, oder die beabsichtigte Anschaffung von Kampfflugzeugen: "Eine überholte Betonung des Militärischen bei gleichzeitiger Vernachlässigung friedenspolitischer Initiativen". Zudem garantiere eine NATO-Mitgliedschaft keinen Schutz vor den neuen Bedrohungen wie internationaler Terrorismus, atomaren, biologischen und chemischen Waffen oder etwa transnationaler organisierter Kriminalität.
Petritsch sagte weiter, durch eine NATO-Mitgliedschaft müsste Österreichs Verteidigungsbudget massiv erhöht werden. Dieses Geld wäre besser in Investitionen in den Katastrophenschutz, in internationale Einsätze sowie zur Verbesserung der Ausrüstung der Soldaten aufgehoben. Dies sei "keine sicherheitspolitische Trittbrettfahrerei", sondern eine an der veränderten Wirklichkeit und den österreichischen Interessen orientierte Haltung. Österreich müsse auf aktive Sicherheitspolitik setzen, die unter anderem auch Konfliktverhütung und verstärkte Beteiligung an internationalen Friedensoperationen mit einschließe. Neben einem intensiven Engagement in der Europäischen Union bieten auch UNO, OSZE sowie der Europarat wichtige Möglichkeiten, Frieden, Menschenrechte und mehr Gerechtigkeit zu erreichen.
Petritsch hob Österreichs aktive, richtig verstandene und systematisch umgesetzte Neutralitätspolitik hervor. Er nannte hier die humanitären Leistungen Österreichs der Jahre 1956, 1968 oder zu Beginn der 90er Jahre sowie die friedenserhaltenden Operationen der Vereinten Nationen, bei denen Österreich lange Jahre zu den Truppenstellern gehört habe: "Das österreichische Engagement in den Vereinten Nationen muss auch in Zukunft wieder Schwerpunkt einer aktiven österreichischen Außen- und Friedenspolitik werden."
Vorrangige Aufgabe der Europapolitik einer neuen Regierung müsste sein, so Petritsch weiter, nach dem Ansehens- und Vertrauensverlust der letzten drei Jahre wieder als vertrauenswürdiger und berechenbarer Partner zu agieren. Nur durch politische Professionalität und Seriosität könne Österreich den verloren gegangenen Einfluss wieder gewinnen und als gleichberechtigter Partner ernst genommen werden. Als Beispiele für diesen Vertrauensverlust nannte Petritsch die Tatsache, dass das heutige Österreich nicht im Präsidium des Konvents vertreten ist.
Zur Erweiterung sagte Petritsch, man müsse sich der Sorgen der österreichischen Bevölkerung in diesem Zusammenhang aktiv annehmen. Dazu gehören etwa die vorgesehenen Übergangsfristen für den Arbeitsmarkt, aber auch innerösterreichische Vorbereitungsmaßnahmen: Qualifizierungsoffensive, die Schaffung von Wachstumszonen im Grenzraum sowie ein Verkehrsinfrastrukturpaket. Grundsätzlich gelte es, die Vorteile der Erweiterung für Österreich gerecht zu verteilen und bei den Lasten ausgleichend zu wirken.
Mit den künftigen Mitgliedstaaten teile Österreich viele Anliegen wie Arbeitsmarktpolitik, Migrationsfragen oder die ländliche Entwicklung, daher müsse man die Erweiterung auch als Chance begreifen, neue Verbündete für die Durchsetzung eigener Interessen in Brüssel zu finden. Dazu bedürfe es aber "einer neuen, vertrauensvolleren Zusammenarbeit innerhalb der neuen Bundesregierung von und mit diesen Nachbarn", schloss Petritsch.