Chemische Industrie kämpft mit schleppender Konjunktur 
Exporte stützen das Geschäft - Hoffnungsmarkt Osteuropa
Wien - Die Konjunktur läuft für Österreichs chemische Industrie weiterhin gebremst. Zwar konnte im 1. Quartal die Talsohle durchschritten werden, die Erholung ging in der Folge aber nur zögerlich voran. Wertmäßig lag die Produktion im 1. Quartal um 2,8% unter dem Vorjahr. Im 2. Quartal wurde das Ergebnis 2001 um 3,3% übertroffen. Für das 1. Halbjahr konnte im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres insgesamt ein schwaches Umsatzplus von 0,3% erzielt werden.

Stagnierende Nachfrage
"In diesen Ergebnissen spiegelt sich die schlechte Lage der Weltwirtschaft wider", erklärte Fachverbandsobmann Dr. Wolfgang Frank anlässlich einer Pressekonferenz in Wien. Zudem verlaufe die wirtschaftliche Erholung regional uneinheitlich. Sie ist in der EU wesentlich schwächer ausgeprägt als in den USA.

Die leichte Belebung sei daher nicht auf eine nachhaltige Verbesserung der Nachfrage zurückzuführen, sondern eher auf den Lagerzyklus. Die jüngsten Konjunkturerhebungen des Fachverbandes weisen stagnierende bzw. sinkende Ergebnisse bei Auftragsstand, Inlands- und Exportabsatz auf. "Wir rechnen daher für das Gesamtjahr mit einer Produktion ähnlich wie im Vorjahr von rund 9,1 Milliarden Euro", so Frank.

Weitere Zuwächse im Export
Die mit einer Exportquote von rund 70 Prozent stark ausfuhrorientierte chemische Industrie konnte im Halbjahresvergleich zu 2001 einen Anstieg der Exporte von insgesamt plus 8,7% verzeichnen.

Wichtigster Abnehmer ist - trotz anhaltender Schwächephase der Konjunktur - Deutschland mit fast einem Viertel der Exporte. Erfreulich entwickelten sich die Exporte in die Vereinigten Staaten, die um mehr als die Hälfte anstiegen. Die USA sind damit auf Platz 2 der wichtigsten Exportmärkte vorgerückt. Die Nachfrage aus der EFTA, vor allem aus der Schweiz (+26%), und den mittel-/osteuropäischen Staaten stieg ebenfalls kräftig an.

So verzeichneten z. B. die Ausfuhren nach Polen einen Zuwachs von 15%, nach Rumänien 43%, Kroatien 18%, Bosnien/Herzegowina 46% und Jugoslawien 28%. Die Exporte in die EU-Länder hingegen stiegen aufgrund des enormen Preisdruckes wertmäßig nur um 2,5%, bei einer Steigerung der Menge um 10,1%. Von der guten Auslandsnachfrage profitierten vor allem die Sparten Pharmazeutika und Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel.

Der Inlandsmarkt zeigt sich hingegen weiterhin wenig aufnahmefähig. Betroffen waren insbesondere Branchen mit konsumnahen Produkten wie Waschmittel, Kosmetika und teilweise auch Lacke. Insgesamt ist der österreichische Markt wenig attraktiv. Die Importe stiegen lediglich um 0,8 Prozent.

Unterschiedliche Branchenentwicklung
Die einzelnen Sparten zeigten, wie meist, eine stark unterschiedliche Produktionsentwicklung. Pharmazeutika und Chemiefasern weisen ein zweistelliges Plus aus. Positiv entwickelten sich auch Seifen, Wasch- und Körperpflegemittel sowie die Industriegase. Dagegen musste der Chemikaliensektor starke Rückgänge hinnehmen, Anorganika dabei in sehr hohem Ausmaß aufgrund des Preisdrucks. Rückläufig war auch der Produktionswert bei Kunststoff- und Kautschukwaren sowie Rohkunststoffen.

Österreichs chemische Industrie sei aber gesund, für den Aufschwung gerüstet und wettbewerbsfähig, so Frank. Innerbetriebliche Rationalisierungsmaßnahmen der letzten Jahren sind nun abgeschlossen und werden wirksam. Für 2003 werde ein mäßiges Anziehen der Konjunktur erwartet. Der Fachverband rechnet mit einem Wachstum von rund 2 Prozent.

Wachstumsmarkt Osteuropa
Große Hoffnungen setzt Österreichs chemische Industrie auf die bevorstehende Osterweiterung. Die Märkte sind aufnahmefähig, wie der überproportionale Anstieg der Exporte zeigt. Die Prognose für das BIP-Wachstum für die Beitrittskanditatenländer mit Ausnahme von Polen liegt im Durchschnitt bei 3 Prozent und damit doppelt so hoch wie in Österreich. Zudem habe man durch die traditionell regen Handelsbeziehungen mit diesen Ländern einen Startvorteil, betonte Frank. So hat beispielsweise eine Vielzahl an Unternehmen der chemischen Industrie den Sitz ihrer Headquarters für Osteuropa in Österreich.

Der Fachverband pflegt intensive Kontakte mit den Schwesterverbänden in Osteuropa. Er stellt Informationen und Know-how zur Verfügung und berät die osteuropäischen Kollegen. Es konnten bereits große Fortschritte in der Angleichung des Chemikalienregimes an die EU-Standards erreicht werden. Nicht tarifarische Handelshemmnisse sind weitgehend verschwunden. Die chemikalienrechtlichen Bestimmungen konnten teilweise angeglichen werden.


Auch die alljährliche Konferenz des Fachverbandes zum Thema "Chemikalien sicher transportieren" erfreut sich zunehmender Beteiligung aus den Nachbarländern, zuletzt 280 Teilnehmer aus 19 Staaten.

Wettbewerbsfähigkeit gefährdet
Massive Auswirkungen auf Österreichs chemische Industrie und die nachgelagerten Anwender befürchtet der Fachverband der chemischen Industrie durch die zukünftige europäische Chemikalienpolitik. Die chemische Industrie unterstützt grundsätzlich die politischen Ziele der neuen Chemikalienpolitik. Sie sieht darin eine Chance, die Vielzahl an Regelungen für die Herstellung, Verwendung und Vermarktung von Chemikalien zu vereinheitlichen und so die sichere Anwendung von Chemikalien zu verbessern.

Die derzeit diskutierten Lösungsvorschläge geben jedoch Anlass zu großer Sorge. So sollen alle Stoffe spezifisch für jede Anwendung registriert und gegebenenfalls behördlich zugelassen werden. Diese bürokratische Lösung wird viele Jahre dauern und enorme Kosten mit sich bringen, der Nutzen ist fraglich. Der deutsche Chemieverband hat bei einigen Unternehmen die Kosten der geplanten Registrierungspflicht erhoben. Bei manchen Betrieben sind diese Kosten höher als der Jahresumsatz.

Der Fachverband hat einen Vorschlag erarbeitet, wie diese Registrierung einfach und wirkungsvoll unter Berücksichtigung eines Systems von nachvollziehbaren Anwendungskategorien durchgeführt werden kann. Basis des Datenregisters kann ein adaptiertes Sicherheitsdatenblatt sein, das schon bisher ein zentrales Instrument für die Information zur richtigen und sicheren Anwendung von Chemikalien ist.

Ohne einfaches Registrierungssystem erwartet der Fachverband eine deutliche Reduzierung des Chemikalienangebotes von bis zu 40 Prozent der Stoffe in der EU und damit eine Einschränkung der Wettbewerbsfähigkeit. Da der Markt aber die aus diesen Stoffen hergestellten Produkte benötigt, würden diese dann aus Drittländern importiert werden.

Stark betroffen von der neuen Chemikalienpolitik ist nicht nur die Schlüsselindustrie Chemie, sondern auch andere Wirtschaftszweige, wie Textil, Metall, Nahrungsmittel oder Papier. "Die chemische Industrie setzt sich vehement für die sichere Anwendung von Chemikalien ein. Ein machbares neues europäisches Chemikalien-Management, das eine höhere Sicherheit bietet, muss aber abgeschlankt gegenüber dem bestehenden sein", betonte Frank. Und es müssen unbedingt die Anforderungen und Möglichkeiten nachgeordneter Anwender, der so genannten Downstream User, miteinbezogen werden.