Am Neusiedler See wird seit Jahrhunderten geritten und Kutschengefahren. Auch heute gilt das Land am Steppensee
mit seinen 150km Reitwegen, zahlreichen

Foto: Neusiedler See Tourismus |
Wanderraststellen und Reitergutshöfen als Geheimtipp für Reiter. Daneben finden Reitbegeisterte auch
noch urige Handwerker, die Services rund ums Pferd anbieten. Während noch einige Hufschmiede und Wagner ihre
Dienste leisten, ist ein Handwerk nahezu ausgestorben, jenes des Sattlers. Und man muss schon in den östlichsten
Zipfel des Seewinkels, nach Andau, gelangen, um einen zu finden, der mit Nadel und Garn maßgeschneiderte
Pferdegeschirre anzufertigen weiß: den letzten Sattler vom Seewinkel.
Reitlehrer wollte Helmut Altmann immer schon werden und schon als Kind ist er mit jedem Pferdefuhrwerk mitgefahren,
das am elterlichen Haus in Tadten vorbeikam. Die Liebe zu den Pferden war einfach da, die Leidenschaft, Pferdegeschirr
in Handarbeit selbst anzufertigen ist so nebenher entstanden. Beim Vater, der sich als Schuster besonders auf handgenähte
Hausschlapfen verstand, hat er sich so manches abgeschaut: das Garnmachen mit Pech und Seife und den flinken Umgang
mit Nadel, Garn und Leder.
Mit Schusterblut zu Sattlerehren
Auf einem niederösterreichischen Gestüt, wo er sich als 15-Jähriger seine ersten Sporen
verdiente und nebenher die ersten Reitstunden nahm, machte er seine ersten Sattlerversuche – zunächst aus
purer Notwendigkeit. Denn wenn das Zaumzeug riss, war es naheliegend, dass der Schustersohn Nadel und Garn zur
Hand nahm. Dass er immer mehr Gefallen daran fand und Geschick darin entwickelte, lag wahrscheinlich am Schuster-Blut.
Und so begann er immer mehr, sich für die Sattlerei zu interessieren, Bücher darüber zu lesen, sich
umzuhören und zuzuschauen bei den Sattler-Meistern, um ihnen ihre Geheimnisse und so manches Werkzeug zu entlocken.
Der beste Meister war ihm der alte Dorfsattler von Andau, der ihm ein altes Sattlerrösslein – das Meisterstück
des Wagners - verkaufte, und ihm bei seinen ersten Handarbeiten, einem alten Ponygeschirr, auf die Finger schaute.
Funktionelles Geschmeide fürs Ross
Halfter, Zügel, Brustblätter, Schweifriemen, Ziergehänge und Deckgeschirr – die Handarbeiten
des Sattlers sind nicht nur von bester Qualität und passen dem Pferd wie angegossen. Mit liebevollen Detailverzierungen,
wie zum Beispiel eingeprägten Initialen, sind sie wahre Schmuckstücke an den Körpern der edlen Rösser,
mit denen diese noch stolzer über die Puszta schreiten. Derzeit werkt Helmut Altmann wieder an einem Ponygeschirr,
dieses Mal für sein eigenes Vierer-Gespann. An die zwanzig verschiedene Werkzeuge braucht der Hobby-Sattler:
vom Zuschnittmesser, dem Viertelmondmesser zum Anspitzen des Leders und der Lederschere, dem Prickrad, dem Lederhobel
bis zu den unterschiedlichsten Nadeln, von gespitzten bis gerundeten.
Erst nimmt er Maß am Pferd, damit das Geschirr genau passt. Nach einer zweitägigen Nachdenkphase, in
der der Meister sich genau überlegt, wie das Geschirr aussehen soll, geht es an die Handarbeit. Das passende
Leder wird ausgewählt, zugeschnitten und im hölzernen Sattlerross eingespannt.
Mit dem Prickrad ritzt der Sattler den Nahtverlauf in das Leder ein, und vernäht sodann mit einer abgerundeten
Nadel die Nähte. Lederenden spitzt er mit dem Viertelmondmesser an, damit sie ohne Druckstellen für das
Pferd verlaufen. Denn neben der unverwüstlichen Qualität ist es dem Pferdeliebhaber Helmut Altmann wichtig,
dass seine Geschirre nicht nur funktionelle Geschmeide sind, sondern dass vor allem dem Pferd keine unnötigen
Schmerzen durch Druck- oder Scheuerstellen entstehen.
Der Traum von Hunnen und Awaren-Sättel
Bis heute fertigt Helmut Altmann hauptsächlich Zaumzeuge für Ponys, aber auch Geschirre für
Großpferde und sogar Rinderhalfter. Hin und wieder sind auch ein paar exquisite und auf jeden Fall sehr strapazierfähige
Hundeleinen dabei. Für das Nähen von Sätteln bleibt Helmut Altmann neben Reitstall und Schank zu
wenig Zeit. Das hebt er sich für seine Pension auf, denn da will er sich einen Traum erfüllen: "Hunnen
und Awaren-Sättel nachbauen, denn diese Reitervölker waren in unserer Gegend und hatten einfache aber
enorm strapazierfähige Sättel aus Holz und Eisen, die mit viel Fell und Leder aufgepolstert wurden."
Informationen
Helmut Altmann
Neue Siedlung 35, 7163 Andau
Telefon: ++43 / (0)2176 / 3405 |