Kurzer Abriß der Kärntner Geschichte vom Frühmittelalter bis 1920
Von Friedrich W. Leitner *)
   

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1996 ein Name wird 1000 Jahre alt Österreich. Klischees und Wirklichkeiten, die im Zuge einer langen Tradition mit diesem Namen verbunden sind, wurden zum Thema einer großen Länderausstellung in Neuhofen an der Ybbs und in St. Pölten.

Vor 1000 Jahren wird der Name "Österreich" erstmals auf eine Region im niederösterreichischen Mostviertel bezogen. Der verträumte Ort Neuhofen an der Ybbs als Wiege eines Landes?

"Österreicher" lebten nicht immer in dieser Region: Römer, Kelten, Awaren, Slawen und Bajuwaren siedelten im heutigen Österreich. Im Hoch- und Spätmittelalter entstanden neue Einheiten: die Länder der Steirer, Tiroler, der Kärntner, der Salzburger, der Ober- und Niederösterreicher. Erst viel später wurden daraus "Österreicher".

Am 1. November 996 hat Kaiser Otto III. dem Bischof Gottschalk von Freising ein Stück Land (ca. 1000 Hektar) bei Neuhofen geschenkt. In einer Gegend, die "im Volksmund Ostarrichi heißt" (vgl. Urkunde von 996 im Bayerischen Staatsarchiv).

Dies ist die erste Nennung des Namens "Ostarrichi". Natürlich gab es das Land schon länger. Und es gab zu dieser Zeit schon wesentlich ältere Ländereinheiten auf dem Boden der heutigen Republik Österreich: so vor allem Kärnten.

Schon 20 Jahre zuvor, nämlich 976 hatte Kaiser Otto II. Karantanien mit den östlichen und südöstlichen Marken zu einem eigenen Herzogtum erhoben. Kärnten wurde somit das sechste selbständige Herzogtum im Deutschen Reich und zugleich auch das älteste unter den österreichischen Ländern.

Erlauben Sie mir, zum besseren Verständnis dieser Zeitstellung des Landes Kärnten, ein paar Daten anzureihen:
976 werden im Donauraum die Babenberger als Regionalherren erstmals genannt
1072 Gründung des Bistums Gurk
1122 stirbt das erste einheimische Herzogsgeschlecht aus - die Eppensteiner
1122-1269 wird das Herzogtum Kärnten von den rhein-fränkischen Spanheimern re-giert
um 1140 Baubeginn des Domes zu Gurk (um 1220 fertig)
1156 Erhebung Österreichs zum Herzogtum (180 Jahre nach Kärnten)
1180 die Steiermark wird Herzogtum (über 200 Jahre)
1192 kommt die Steiermark durch die "Georgenberger Handfeste" an das babenbergische Österreich
1335 wird Kärnten als habsburgischer Besitz mit Österreich vereinigt, d.s. 360 Jahre eigenständige Geschichte

Der österreichische Raum weist ältere Ländereinheiten auf, die jeweils ihr Zentrum im heutigen Kärnten hatten:

  • Keltische Königreich Noricum mit der politischen und wirtschaftlichen Metropole auf dem Magdalensberg
  • Römische Provinz Noricum mit der Provinzhauptstadt Virunum am Zollfeld
  • Aufsplittung erst während der sogenannten Völkerwanderungszeit
   

Die politische Geschichte Kärntens im 6. und 7. Jahrhundert zeigt ein recht unübersichtliches Bild. Der Vorstoß der Awaren und Slawen aus dem Osten mag vorübergehend für bewegtere Zeiten gesorgt haben, zumal wir gerade für diese Zeit wenig über die Beziehungen des Ostalpenraumes zum fränkischen Reich wissen. Das Eindringen der Langobarden in Oberitalien (568 n. Chr.) und die Einrichtung eines langobardischen Königreiches in diesem Raum unterbricht die politische Verbindung des Landes zum Süden. Obwohl nun dieses Restnoricum dem langobardischen Einflußbereich zugezählt werden darf und diese auch zur Sicherung ihres Grenzgebietes über die Karawanken und Karnischen Alpen gegriffen haben, blieb es doch im großen und ganzen in einer besonderen Isolation sich selbst überlassen. So erscheint die im ausgehenden 6. Jahrhundert einsetzende Einwanderung slawischer Stämme in das Kerngebiet des antiken Noricums als geradezu selbstverständlich, wollten sich diese an der oberen Drau ansiedelnden Alpenslawen doch auch der drückenden Oberherrschaft der Awaren entledigen. Das Vordringen dieser vorgeschobenen slawischen Volksstämme in die Täler der Drau, Mur und Save führte zur teilweisen oder vollkommenen Zerstörung der städtischen Siedlungen und unterband in deren Folge auch die kirchliche Verbindung der spätantiken Bischofsitze Virunum und Teurnia zum Patriarchat Aquileia.

Der befestigte Hauptort Oberkärntens, Teurnia, wird 591 letztmals genannt. Schon im 7. Jahrhundert bildete sich hier unter slawischer Führung ein neues staatliches Gebilde, in dem wir die Anfänge Karantaniens und somit auch des späteren Herzogtumes Kärnten erblicken dürten. Reste der einheimischen Keltoromanen behaupteten sich in kleineren Enklaven und überlieferten neben Kul-turgut auch geographisches Namengut. Vorrangig wäre hier die Siedlung Karnburg im Zollfeld zu erwähnen, denn die-ser Namensform liegt der spätere Landesname zugrunde. Um 700 ist erstmals der Volksname Carontani (Ravennatische Kosmographie) erwähnt, und die spätere Form Carantanum ist schon vor 800 belegt (Paulus Diaconus). An die Stelle des keltischen Namens Noricum tritt nun als neuer Landes-name Karan-tanien (aus vorkeltisch car = Fels oder keltisch carant = Freund, Verwandter, was einem "Land der Befreundeten" entsprechen würde). Ein weiteres Vordringen der Slawen nach Italien wurde von den Langobarden Friauls verwehrt, ebenso wie im Westen der Einbruch der Bajuwaren in die Brennerfurche und das Pustertal vorerst bis zur Lienzer Klause die slawische Einwanderung hemmte und schließlich einen weiteren Zuzug nach wechselvollen Kämpfen unmöglich machte. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts wurden die Karantanerslawen erstmals politisch wirklich frei und vermochten für kurze Zeit wenigstens ihrer staatlichen Entwicklung Rechnung zu tragen. Aber schon vor 743 bemühte sich der slawische Karantanenherzog Boruth um eine bairische Hilfe gegen die erneut andrängenden Awaren. Diese Hilfe wurde ihnen vom Bayernherzog Odilo (737-748) auch gewährt, allerdings bei gleichzeitiger Anerkennung der bairischen bzw. fränkischen Oberhoheit.

Im Zuge dieser Ereignisse gewann die neuerliche Christianisierung Karantaniens vorrangige Bedeutung; so wurde die Missionierung der Karantanerslawen zu einer wich-tigen Aufgabe der Salzburger Kirche und fand auch im Lande selbst von seiten der slawischen Fürsten nachhaltige Unterstützung. Boruths Sohn Cacatius und sein Neffe Cheitmar kamen als Geiseln nach Bayern, nicht zuletzt auch um dort getauft und im christlichen Sinn erzogen zu werden. Bischof Virgil von Salzburg entsandte vor/um 757 den Chorbischof Modestus zu den Alpenslawen, der nun in Karantanien zwei Hauptkirchen in Teurnia und in Maria Saal gründete. Diesen ersten Missionserfolgen folgte aber bald eine aufrührerische Gegenbewegung, die die weitere Mission vorerst wieder in Frage stellte. Ein Aufstand der heidnischen Karantanerslawen wurde 772 von Herzog Tassilo III. von Bayern erfolgreich niedergeschlagen und brachte erneut einen Wandel. Allerdings erfuhr die so wichtige Missionierung des Ostens durch die Salzburger Kirche erst nach den auf Tassilos Sturz (788) folgenden siegreichen Awarenkriegen neue Impulse durch die Schaffung eines Chorbistums in Maria Saal und wenig später durch die neue Diözesaneinteilung von 811, in der von Kaiser Karl dem Großen die Drau als Grenze zwischen den Metropolen Salzburg und Aquileia festgelegt wurde.

Die politische Neuordnung im Südosten zeigt nach der Gründung der karolingi-schen Ostmark (803) einerseits eine Unterordnung der einheimischen slawischen Fürsten Karanta-niens unter einen Präfekten, andererseits eine Aufgliede-rung der Gebiete durch die Einrichtung von Markgrafschaften und diesen unterstellten kleineren Grafschaften mit zum Teil einheimischen Stammesfürsten an der Spitze. Nach einem wenig erfolgreichen Aufstand des slawischen Fürsten Liudewit (819-823) in Unterpannonien wohl unter teilweiser Beteiligung der karantanischen Slawen kam es zu einer Umschichtung bei der Besetzung der führenden Position im Markengebiet. Die neue und starke Stellung des Frankenreiches in Karantanien fand ihren Ausdruck in einer großen inneren Verwaltungsreform: die einheimischen slawischen Stammesfürsten wurden in der Folge von bairisch-fränkischen Grafen abgelöst.

Die geopolitische Skizzierung jenes Bereiches, der Karantanien in seinem größten Umfang umreißt, greift weit über die Grenzen des heutigen Bundeslandes Kärnten hinaus. Im Osten stellte die Raab in Oberpannonien eine Markie-rungslinie dar, die kaum wesentlich überschritten worden sein dürfte. Ein genauer Grenzverlauf im Steppengebiet und im Gebiet des Plattensees läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Im Südosten greift dieses Großkarantanien über Unterpannonien hinaus bis in den Drau- und Savewinkel. Die Grenze gegen die Ostmark läßt den südöstlichen Teil Oberösterreichs und die Gegend von Pitten und Wiener Neustadt an Karantanien fallen. Im Süden darf das Gebiet zwischen Save und Neiring (Krain) dazugerechnet werden; südwestlich allerdings verläuft die Abgrenzung gegen Görz-Friaul kongruent mit der heutigen Landesgrenze, um im Westen schließlich noch das Lienzer Becken miteinzubeziehen. Die karolingische Neuordnung des Markengebietes hatte wesentliche politische Auswirkungen. Der bairischfränkische Grenzadel wurde zum starken Bindeglied mit dem Mutterland und brachte eine erste große Kolonisationswelle in das Kernland des alten Karantanien. Das großteils noch unbesiedelte Land wurde dem fränkischen Recht entsprechend als Königsgut eingezogen und von den karolingischen und später deutschen Königen an geistliche und weltliche Herren vergeben.
   

Die umfangreichen Rodungen der deutschen Kolonisten prägten die Kulturlandschaft ebenso wie die nun beginnende gemeinsame Durchsiedlung des karantanischen Kernlandes durch Slawen und Deutsche, wobei gegenseitigekulturelle Befruchtung und volksmäßige Überschichtung zu einem zeitbestimmenden, zwanglosen Prozeß für ein friedliches Nebeneinanderwohnen zweier verschiedener Volksgruppen führten. Mit dem politischen Mittelpunkt Karantaniens in Karnburg, der vermutlich einzigen ka-rolingischen Pfalz in Kärnten, hat sich auch ein seltenes Dokument karolingischer Kirchenbaukunst im österreichischen Raum erhalten. Die politische Bedeutung des Landes im Rahmen der karolingischen Ostpolitik wird in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts besonders durch die Tatsa-che unterstrichen, daß Ludwig der Deutsche seinen machtstrebigen Sohn Karlmann 856 mit der Verwaltung der östlichen Marken betraute. Dessen illegitimer Sohn Arnulf verlagerte das politische Schwergewicht nach Karantanien und Unterpannonien, deren Verwaltung er 876 übernommen hatte, und schuf sich damit nach Einbeziehung Bayerns (880) in seine engere Machtsphäre eine ideale Ausgangsbasis für seine reichspolitischen Pläne. Das "regnum Carentanum" bildet somit den Rückhalt für den Sturz seines Oheims, Karls III., und seine Inthronisation zum ostfränkischen König (887). Als Kaiser Arnulf "von Kärnten" ging er schließlich auch in die Geschichte ein. Auf Grund dieser frühen Förderung vermochte Karantanien auch nach dem Ende des osfränkischen Reiches seine politische Stärke zu präsentieren, ebenso wie es dann auch in der ottonischen und salischen Reichspolitik keine unbedeutende Rolle zugeteilt erhielt. In den letzten Jahrzehnten der karolingischen Herrschaft konnte sich der bairisch-karantanische Markgraf Liutpold (gest. 907), der selbst ein Verwandter der Mutter Kaiser Arnulfs von Kärnten war, in diesem Raum eine geradezu übermächtige Stellung aufbauen. Mit der Nachfolge seines Sohnes Arnulf von Bayern (907-937), der als "Bagoariorum et Carentanorum dux" apostrophiert wird, dokumentierte sich jene starke Verbindung mit Bayern. Zur Trennung von Bayern kam es im Jahre 976, nachdem sich Herzog Heinrich II. der Zänker gegen seinen Vetter, Kaiser Otto II., erhoben hatte. Karantanien wurde mit den östlichen und südöstlichen Marken als eigenes Herzogtum installiert und an den Liutpoldinger Heinrich (I.) dem Jüngeren verliehen. Kärnten wurde somit das sechste selbständige Herzogtum im Deutschen Reich und zugleich auch das älteste unter den österreichischen Ländern. Dieses Herzogtum Kärnten des ausgehenden 10. Jahrhunderts entsprach im wesentlichen im Umfang noch dem alten Karantanien: an das Kerngebiet schlossen sich die Karantanenmark (die spätere Steiermark), die Mark Pettau, die Mark an der Sann und die Windische Mark mit den Grenzlandschaften (die spätere Mark Krain) an. Die Marken Verona, Friaul und Istrien wurden durch die Person Herzog Heinrichs des Jüngeren mit dem Herzogtum Kärnten verbunden. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts erfahren wir näheres über die Grafschaftseinteilung Kärntens, der noch die karolingische Verwaltungsgliederung zugrunde liegt. Die Grafschaft Lurn (Oberkärnten) im Westen umschließt auch das Gebiet Ostti-rols, im Zentrum Kärntens liegt die Grafschaft Frie-sach und im Osten die Grafschaft Jaun (später Heunburg).

Nachdem Herzog Heinrich d. J. vorübergehend dem Salier Otto von Worms hatte weichen müssen, wurde Kärnten nach dessen Tode (989) wieder für kurze Zeit dem Herzogtum Bayern und damit einer Nebenlinie des Kaiserhauses unterstellt. Das nachfolgende salische Herzogshaus fand wenig Rückhalt und Unterstützung im Lande, und es ist nur zu verständlich, daß diese wechselnden Machtverhältnisse die Ausbildung einer starken herzoglichen Stellung verhindert und die innere Entwicklung Kärntens gehemmt haben. Die aufstrebenden Grenzmarken erfuhren eine besondere Förderung von seiten des Kaiserhauses durch Vergabe von Königsgut an einflußreiche adelige Geschlechter. So kam es in der bedeutendsten Mark, in der Karantanenmark an der Mur, zu einer beträchtlichen Machtkonzentration in den Händen der Grafen von Eppenstein. Mit der Verleihung der herzoglichen Gewalt an Markgraf Adalbero von Eppenstein durch Kaiser Heinrich II. 1012 zeigte sich bereits diese neue politische Entwicklung in Richtung einer zielbewußten Landespolltik. Aber erst mit Liutold von Eppenstein, der 1077 vom König Heinrich IV. mit dem Herzogtum Kärnten belehnt wurde, begann sich eine einheimische erbliche Herzogsdynastie ein-zurichten, die bis zum frühen Aussterben der Eppensteiner (1122) Bestand hatte.

Allerdings war inzwischen eine innere Zersplitterung der Machtbereiche in Kärnten eingetreten, gegen die auch die Eppensteiner nicht mehr wirksam ankämpfen konnten. Weite Gebiete Kärntens waren in den Besitz z. T. landfremder Herren gekommen, wobei hier vor allem die Bistümer Brixen (10. Jh.), Bamberg (1007), Salzburg und nicht zuletzt auch das 1072 gegründete salzburgische Suffraganbistum Gurk eine große Rolle spielten. Die alten karolingischen Grafschaften waren in andere Hände gekommen: die Grafschaft Lurn in Oberkärnten war den Grafen von Görz und den Grafen von Ortenburg zugefallen, in Unterkärnten hatten die Grafen von Heunburg die Grafschaft Jaun übernommen. Die vielen immunen Herrschaftsgebiete vor allem geistlicher Provenienz und der starke Landadel hatten zum Zerfall des alten Grafschaftsgefüges beigetragen und die Ausbildung eines eigenen Landesfürstentums vorerst verhindert. Das den Eppensteinern in der Herzogswürde nachfolgende rhein-fränkische Geschlecht der Spanheimer konnte sich auf keinen allzu reichen Besitz in Kärnten stützen. In der Reichspolitik knüpften sie an die kaisertreue Haltung ihrer Vorgänger an, vermochten aber zunächst in der Landespolltik selbst keine besonderen Akzente zu setzen. Erst Herzog Hermann (1161-1181) förderte zielbewußt und erfolgreich den Landesausbau und die Stärkung der herzoglichen Macht. Auf ihn geht die Anlage der Marktsiedlung St. Veit (der Kärntner Herzogsstadt) zurück, und auch die Gründung des älteren Klagenfurt darf ihm zugerechnet werden. Mit seinem Sohn Bernhard (1202-1256) folgte ihm ein noch bedeutenderer Fürst, der erste "princeps terrae", mit einer eigenen herzoglichen Kanzlei und den vier Hofämtern, die von den führenden Ministerialengeschlechtern bekleidet wurden. Münzrecht, Zollwesen und vor allem eine starke Städtepolitik wurden die Säulen seiner kraftvollen Landespolitik. Seine Pläne zur Sicherung der Handelswege über das bambergische Villach und die Karawankenpässe nach Triest scheiterten, führten aber andererseits zur Verlegung und Befestigung des Marktes Klagenfurt an die verkehrsgünstige Stelle der heutigen Altstadt. Bernhards Adriapolltik brachte ihn in Gegensatz zu Markgraf Heinrich von Istrien. Der Konflikt konnte angeblich auf einem glanzvollen Fürstentag in Friesach (1224), der einen Höhepunkt ritterlichen und höfischen Lebens darstellte, bereinigt werden. Mit seinen Söhnen Ulrich III. (gest. 1269) und Philipp (gest. 1279) erlosch das Geschlecht der Spanheimer in Kärnten; mit Ulrich, der seit 1248 auch Herr von Krain und der Windischen Mark war, wurde gleichzeitig auch die Reihe dieses letzten einheimischen Herzogsgeschlechtes beendet.

Mit dem Aussterben der Spanheimer stand dem Herzogtum Kärnten, dem ältesten und vielleicht wichtigsten deutschen Markengebiet, keine heimische Herzogsdynastie mehr vor, und es wurde wieder Nebenland außerkärntnischer Souveräne. Seit 1269 residierte kein Landesfürst mehr ständig in Kärnten: 1286 werden die Grafen von Görz-Tirol und 1335 die Habsburger mit Kärnten belehnt. Wenngleich nun im ausgehenden Hochmittelalter landfremde Landesfürsten, aber auch Adel und Kirche in besonderer Weise die politische Struktur des Landes formten, erhielt sich Kärnten in Verfassung, Verwaltung und Rechtsleben doch seine spezifische Eigenart. Dazu darf im besonderen jene einzigartige Rechtssituation der Kärntner Herzogseinsetzung gezählt werden. Die Wurzeln dieser für die deutsche Rechtsgeschichte einmaligen Ze-remonien bei der Einführung eines neuen Herzogsgeschlechtes in Kärnten werden in der slawisch-karantanischen Zeit zu suchen sein. Mögen schon in der Ausbildungsphase dieser Bräuche nationales Empfinden und religiöse Motive eine Rolle gespielt haben, so könnte sich später vor allem unter dem Eindruck ständig wechselnder außerkärntnischer Herzogsgeschlechter das nationale Moment in den Vordergrund geschoben haben. Die erste Schilderung dieser bäuerlich-demokratischen Zeremonien stammen vom steirischen Reimchronisten Ottokar (1308/09) und beziehen sich auf den Regierungsantritt Meinhards von Görz-Tirol 1286. Abt Johann von Viktring hat um 1342 eine ähnliche Darstellung gegeben. Der erste Akt der Einsetzung spielte sich am "Fürstenstein" in Karnburg ab. Der neue Herzog erschien in bäuerlichem Gewand vor einem freien Bauern (Edling), der auf der umgestülpten Basis einer antiken Säule saß und in slawischer Sprache Fragen über die Eignung des Fürsten als Landesherrn an dessen Gefolge richtete. Erst danach wurde dem Herzog der Fürstenstein, das Symbol des Landes, freigegeben und damit die Inthronisation vollzogen. Nach einem feierlichen Hochamt in Maria Saal fand der letzte Akt am "Herzogstuhl" (am Zollfeld, an der Bundesstraße 83) statt, der im Wesentlichen in der Eidleistung des Fürsten, der Bestätigung der Rechte und Freiheiten, der Huldigung des neuen Landesherrn und seiner Rechtsprechung bestand. Die Zerernonien am Fürstenstein wurden 1414 (Herzog Ernst der Eiserne) und jene am Herzogstuhl 1651 letztmals geübt.

Das ausgehende Mittelalter brachte in Kärnten eine starke Verankerung der ständischen Macht, zumal dem Lande ein politischer Mittelpunkt in Form einer landesfürstlichen Residenzstadt fehlte. Die Länderteilungen der Habsburger - Kärnten gehörte seit 1379 zur Leopoldinischen Linie, von 1411 bis 1493 zu Innerösterreich -, hemmten die Ausbildung einer zentralen landesherrlichen Gewalt ebenso wie der bescheidene Besitz der Habsburger im Lande. Erst Friedrich III. konnte in Oberkärnten die Ortenburgischen und Görzer Besitzungen für sich gewinnen.
   

Das 14. und 15. Jahrhundert hat Kärnten schwere Notzeiten beschert: Naturkatastrophen, fünf schwere Türkeneinfälle und schließlich das Übergreifen des Krieges Friedrichs Ill. mit den Ungarn. Aus dieser inneren Notlage heraus entwickelten die Kärntner Stände jene Initiative im Interesse des Landes, die zur Einrichtung einer ständischen Landeshauptstadt in Klagenfurt führte. Kaiser Maximilian I. hatte auf Bitten der Stände diesen das 1514 abgebrannte Klagenfurt überlassen mit der Bedingung, die Stadt als Festung neu aufzubauen. So wurde Klagenfurt nach dem Muster italienischer Stadtarchitektur mit neuzeitlichen Befestigungsanlagen versehen und als neue Landeshauptstadt Sitz der ständischen Regierung. Dem Ausbau folgte auch eine durchgreifende künstlerische Neugestaltung der Stadt, die uns mit dem Ende des 16. Jahr-hunderts bedeutende Zeugnisse manieristischer Kunstwerke überlieferte. Diesem Bild entsprach auch der wirtschaftliche und geistige Aufschwung des Landes. Als politisches Vermächtnis der Landstände darf die Sicherung der Landeseinheit hervorgehoben werden, die bei der habsburgischen Länderteilung 1521 bedroht war.

Konfessionell war Kärnten im 16. Jahrhundert fast durchwegs protestantisch. Die reli-giöse Gegenbewegung setzte am Ende des 16. Jh. auch in Kärnten mit größter Konsequenz ein und zwang Bürger und Bauern schon um 1600, die Adeligen um 1628 zur Rekatholisierung oder Auswanderung. Kein unbeträchtlicher Teil der Reformierten hatte es vorgezogen auszuwandern, wodurch vor allem der wirtschaftlichen Struktur des Landes schwere Rückschläge zugefügt wurden. Die wesentlichsten Auswirkungen dieser gegenreformatorischen Bemühungen waren im Niedergang des Edelmetallbergbaues, im Absinken des Adriahandels und in den auch in Kärnten spürbaren Belastungen des Dreißigjährigen Krieges zu sehen. Erst die merkantilistischen und physiokratischen Reformen des 18. Jahrhunderts führten wieder zu einem neuerlichen wirtschaftlichen Aufschwung im Lande. Die Freihafenerklärung Triests 1719 und vor allem der Ausbau der Loiblstraße 1728 stärkten das Kärntner Herzogtum ebenso wie die Erwerbung des bambergischen Besitzes unter Maria Theresia 1759 für Österreich. Die kirchlichen Reformen Kaiser Josefs II. brachten den 14.000 Geheimprotestanten, die im Lande geblieben waren und sich den Transmigrierungen nach Siebenbürgen erfolgreich entzogen hatten, 1781 das Toleranzpatent und damit endlich die volle Glaubensfreiheit. Eingreifender waren die Verwaltungsreformen für das Herzogtum. Die ständische Verwaltung wurde eingeschränkt, Kärnten direkt dem innerösterreichischen Gubernium in Graz unterstellt und somit seiner administrativen Selbständigkeit beraubt, die es erst 1849 wieder erlangt hat.

Die Franzosenkriege und die Besetzung von Landestellen 1797 und 1805/06 bildeten neuerlich ein retardierendes Moment in der Entwicklung des Landes. Trotz heldenhafter Verteidigung fiel 1809 ganz Oberkärnten an Frankreich und wurde zusammen mit dem Osttiroler Gebiet als eine der "lllyrischen Provinzen" dem Gubernium in Lalbach unterstellt. 1813 wieder befreit, wurde dieser Villacher Kreis mit dem bei Österreich verbliebenen Klagenfurter Kreis wieder vereinigt und diesmal einem habsburgischen Königreich Illyrien unterstellt. Das Revolutionsjahr 1848 ließ den ersten freigewählten Kärntner Landtag die Selbständigkeit und Landeseinheit Kärntens mit Erfolg fordern und schon 1849 wurde das alte Kronland Kärnten wieder hergestellt. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. stärkten das zeitgemäße Umstellen im Wirtschaftsleben und der Anschluß des Landes an das nationale Eisenbahnnetz die heimische Industrie und den Handel.

Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete auch zugleich das Ende für das alte Herzogtum Kärnten. War das Land auch dank der "Kärntner Freiwilligen Schützen" und der kampferprobten heimischen Regimenter vor einem Einfall fremder Truppen verschont geblieben, so brachte der Friede von Saint Germain doch Gebietsverluste für Kärnten: ohne Abstimmung kam das Kanaltal an Italien und das Mießtal mit Unterdrauburg und Seeland an das serbokroatisch-slowenische Königreich SHS (1919). Weitergreifende Gebletsforderungen auf den ganzen Südkärntner Raum konnten durch den Kärntner Abwehrkampf 1918-1919 und die darauf angeordnete Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 zurückgewiesen und so die Einheit des Landes erhalten werden. Eine mehr als tausend Jahre währende kulturelle und politische Schicksalsgemeinschaft der slawischen und deutschen Volkstelle im Lande hatte bei gegenseitiger Toleranz ein gemeinsames Kärntner Heimatbewußtsein entstehen lassen, welches allein den positiven Ausgang der Volksabstimmung für Kärnten und damit für Österreich als Sieg verbuchen konnte.
     
  Dr. Friedrich Wilhelm Leitner ist Direktor des Landesmuseums Kärnten und Kustos für Landesgeschichte und Numismatik
   

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