Fröhliche »Tschik-Weg-Kur« mit Gruselfilmen, Schweiß und Kopfarbeit
im Radonquellort Bad Zell. Von Gunther Dressnandt.
Shakespeare und der Tschik! Schon beim Begrüßungs-Cocktail in der alten, ehrwürdigen Bad
Zeller Kurvilla wird dem Entwöhnungswilligen schriftlich die ganze "Dramatik" der folgenden Tage
vor Augen geführt: "Aufhören oder Nichtrauchen - das ist hier

Radonkurort im oberösterreichischen Mühviertel: Bad Zell Foto: LVT OÖ |
die Frage!" Dieser "ausgeliehene" Spruch des großen englischen Dramatikers sticht anklagend
von der Wand herunter und wird nur noch von der Aussage des "Tschik-Weg" - Geheilten Heinrich übertroffen:
"Wenn Du jeden Tag die erste Zigarette nicht rauchst, bist Du schon Nichtraucher!"
Ja, so dramatisch geht es im oberösterreichischen Radonquellen-Kurort Bad Zell bei der "Tschik-Weg-Kur"
zu. Bestätigt ist, dass bisher noch jeder "Patient" mit einigen Lachfalten mehr heimkehrte und fast
70 Prozent von ihnen ihren nervösen elften Finger im idyllischen Mühlviertler Markt nahe Linz wegwarfen.
Sprücheklopfer Heinrich behauptete nach dem letzten Trainingstag sogar, nichts Geräuchertes mehr essen
zu können und beim Anblick von Rauchfangkehrern die Augen schließen zu müssen...
Tschik, Glimmstengl, Nikotinzuzzler, Zigaretten, Lungenstäbchen - die weißen Tabakröllchen fliegen
in Bad Zell aber nicht automatisch und ohne Schweiß beiseite. Dazu gehören harte Trainingseinheiten,
ausgearbeitet von einem fünfköpfigen Spezialistenteam, das nicht immer zimperlich mit den "Nikotinathleten"
umgeht. So lautet gleich am ersten Tag das Motto "Zuckerbrot und Peitsche".
Dem morgendlichen Nichtraucher-Cocktail und Nichtraucher-Liedchen folgt ein "Gruselvortrag" von Kurarzt
Dr. Gruber. Da flimmern Raucherlungen, Raucherbeine, Raucherbronchitis über den Bildschirm, untermalt von
oft brutalen Worten des Arztes. Wer dann noch an der Geißel Nikotin zweifelt, ist spätestens nach dem
Atemtraining, Bewegungstraining oder ersten Hustenanfällen beim Inhalieren (physikalische Betreuerin Theresia
Gusenbauer) mehr als nachdenklich, wenn nicht sogar entsetzt, geworden.
"Doch all den Schocks folgt immer wieder Fröhlichkeit", tröstet "Tschik Weg"-Positivabsolvent
Heinrich. Etwa beim Nichtraucher-Tanzabend im Nichtraucher-

Ingredienzen einer erfolgreichen "Tschik-weg Kur" in Bad Zell Foto: LVT OÖ |
Bauernhof, bei Wanderungen in der von Kleindenkmälern übersäten Hügellandschaft, bei urigen
Mostheurigen, beim Besuch des Bürgermeisters, des Bauernmuseums... Gästebetreuer Hans Hinterreiter hat
sich eine wirksame "Therapie" zurechtgelegt: "Die Gäste dürfen keine Zeit zum Grübeln
haben, die nikotingebräunten Finger und der Kopf dürfen nie ohne Beschäftigung sein und abends müssen
alle ins Bett fallen!"
Sehr viel Wert wird auf die neue Ernährung gelegt, denn ohne Tschik verändern sich auch die Essensgewohnheiten
und der Geschmackssinn. Diätspezialistin Melitta Feger: "Körper und Psyche sind in Aufruhr, da heißt
es, den Speisezettel neu festlegen. Viele lernen bei uns wieder das Genießen und sind froh, den ekeligen
Aufwachgeschmack loswerden zu können."
Mit Silvia Schober steht eine erfahrene Mentaltrainerin zur Verfügung. Sie muss dem "Patienten"
die Motivation entlocken, warum er sein weiteres Leben gesünder verbringen will und stellt anschließend
"Rezepte" aus. Dabei entdeckte die Kinesiologin als Hauptmotive: Gesundheit, Geld, Weltreisen, Vorbildfunktion
für Enkerln, Mundgeruch, Bergsteigen, Haut, Schwangerschaft. Zwei markige Sprüche von Dr. Gruber

Eine Riesentschik verfolgt Entwöhnungswillige auch beim Inhalieren und Atemtraining
Foto: LVT OÖ |
kehrt die "Kopftrainerin" hervor: "Wer raucht, bekommt sicher eine Lederhaut und kann sich Schönheitscremen
ersparen! Rauchen und die Pille passen nicht zusammen, das gilt als eine der größten Todsünden!"
Plötzlich sind sieben Tage ohne Glimmstängel um! Dafür schlürften Heinrich und Co. täglich
das Radonquellwasser vom Hedwigbründl, aßen Bioprodukte, reinigten Körper und Psyche vom blauen
Dunst und 70 Prozent von Ihnen kehren stolz mit ihrer Nichtraucherurkunde heim. Doch was nun - wieder daheim? "Unser
Betreuer-Quintett steht den Tschik-Weg-Kurgästen natürlich weiterhin mit Rat und Tat zur Seite, ein Anruf
genügt", so der urige Hans, "außerdem werden die Kursteilnehmer nach einem halben Jahr zu
einem Gedankenaustausch nach Bad Zell eingeladen".
Jetzt müssten Entwöhnungswillige nur noch ihren elften Finger ablegen, die Telefonnummer des Kurverbandes
wählen, buchen - und hoffen, nicht zu den 30 Prozent "Unheilbaren" zu gehören... Heinrich warf
erfolgreich seinen letzten Tschik bei der Anreise vor der Ortstafel über die Böschung hinunter. Der pfeifenrauchende
Schreiber dieser Zeilen bleibt vor solchen Willenskundgebungen gefeit - denn es heißt ja nicht "Tschibuk-Weg-Kur" |