Die Bierwanderung  

erstellt am
04. 06. 03

Und die Antwort darauf, warum das Mühlviertel Mühlviertel heißt.
Von Conrad Seidl.

Warum heißt das Mühlviertel Mühlviertel? Und wenn’s da Mühlen gibt, kann man dann in Kefermarkt auch Käfer kaufen? Und warum enden hier so viele Orte auf “-schlag“ – sind die Leute hier so gewalttätig, dass sie jedem mit Hieben drohen? Was Kinder so alles fragen können!
Mal der Reihe nach: Also das Mühlviertel heißt nicht Mühlviertel,


Gesellige Runde in einer gemütlichen Brauerei
Foto: Studio 4
weil hier so viele Mühlen sind oder weil hier der Fluss Mühl fließt – sondern weil es hier viele Hügel gibt. Bühel oder eben „Mihel“ wie man früher gesagt hat. Falsch, Papa. Hier steht doch eine Mühle. Ein ganzer Weg ist da, von Mühle zu Mühle. Kann man da die wissenschaftlichen Erklärungen hochhalten? Nicht, wenn man Kinder hat. Die wollen die Mühlen sehen.

Bitteschön, da steht sie: Herrenmühle heißt sie. Am Ortsende von Reichenthal liegt sie. Und ist etwas, was die Kinder noch nicht gesehen haben. Elf Generationen von Müllern haben hier gearbeitet, bis 1978. Haben Getreide zu Mehl vermahlen – und Bier ausgeschenkt. Aber das ist lange her, das Gasthaus ist seit einem Menschenleben trocken – der Mühlbach nicht, ab und zu wird das gewaltige Mühlrad noch für die Touristen in Betrieb genommen. Gehen wir also weiter, zehn Mühlen und knapp ebenso viele Gasthäuser liegen an dem Mühlenweg. Auch der Bierdurst wird gestillt werden. So ist es mir versprochen worden. Aber erst will der Wissensdurst der Kinder gestillt werden. Was ein Venezianergatter ist? Wie bitte? Na, da steht es doch: „Venezianergatter. Der Name dieser Art von Säge stammt vom Erfinder, Leonardo da Vinci, der im 15. Jahrhundert in Venedig die ersten Pläne für solche Sägen entworfen hat.“ Hätte auch der Papa nicht gewusst. Immerhin kann man sich vorstellen, dass die Herrenmühle ihren Namen daher hat, dass sie das Getreide für die Herren des nahen Schlosses Waldenfels gemahlt hat.

Und warum heißt dann die Hofmühle wohl Hofmühle? Weil sie für die Hofhaltung da war? Kinder, Kinder, das wird langsam anstrengend. Gut, dass entlang des 14 Kilometer langen Lehrpfades Schilder stehen: Auch die Hofmühle gehörte zum selben Schloss, mit dem Gründungsjahr 1638 ist sie sogar 74 Jahre älter als die Herrenmühle, entnehmen wir der Beschilderung. Gut, weiter. Der Weg ist ja gut ausgeschildert – und mit verführerischen Abstechern versehen. Immer wieder weisen die Schilder auf die Gaststätten abseits des Mühlenwegs hin. Für einen, der neben dem Wandern auch das Bier im Sinne hat, klingt der Hinweis auf das „Gasthaus Pils“ natürlich besonders verlockend. Also kurz abgezweigt aus dem Tal des Kettenbaches, an dem sich wie an einer Kette die


Bauer bei der Hopfenernte
Foto: TR Mühlviertel/Okolicsanyi
Mühlen auffädeln (ob er daher seinen Namen hat, haben die Kinder glücklicherweise nicht gefragt). Hinauf zum Gasthaus Pils. Jawohl: Hinauf in die Ortschaft Eibenstein. Listig hat uns die Wegbeschilderung verschwiegen, dass das Lokal den Zweitnamen „Zum hohen Stein“ hat. Immerhin: auf dem kurzen Aufstieg merken wir, das das mit den Hügeln, Büheln oder eben „Mihel“ als Namensgebern des Mühlviertels doch seine Berechtigung haben dürfte.

Und dann endlich ein Pils bestellt. Gibt es aber keines. Die Braukommune im nahen Freistadt hat nämlich 1998 die Produktion ihres Pilsbieres eingestellt. Der Biertrinker vernimmt es mit Wehmut: Hat nicht gerade dieses Pils einmal eine Auszeichnung als bestes Pils Österreichs erhalten? Hat es. Aber das Produkt, das als Ersatz angeboten wird, ist auch nicht von schlechten Eltern: „Midium“ heißt es und ist geschmacklich tatsächlich ein vollwertiger Ersatz: Schlank und hopfenbetont würde es bei den meisten Verkostungen als Pils durchgehen. Nur hat es ein bisschen weniger Alkohol, ein Tribut an die 0,5-Promille-Regelung, die auch den Brauern im Mühlviertel zu schaffen macht. Wer also Auto fahren muss, kann beruhigt auch zwei „Halbe“ (wie das hier vorherrschende Bier-Zapfmaß heißt) vom Freistädter Midium trinken, ohne gleich den Führerschein zu riskieren. Wer bloß wandern will, könnte noch mehr davon trinken – aber erstens wird dann auch im schönsten Biergarten den Kindern langweilig. Zweitens kommt man nicht recht weiter (allein am Reichenthaler Mühlenweg beträgt ja schon die reine Gehzeit dreieinhalb Stunden). Und drittens weiß man ja, dass bald wieder das nächste Bier wartet.

Denn das Mühlviertel hat eine Vielfalt an Brauereien und Bieren, die man sonst schwer auf so kleinem Raum finden kann. Wer gut zu Fuß ist, kann auch von Braustätte zu Braustätte wandern – auch wenn die nicht alle so nahe beieinander liegen wie die Mühlen rund um Reichenthal: Die Freistädter Braukommune und die


Zum besonderen Trunk und der besonderen Mühlviertler Bierreise gehört auch die besondere Flasche

Foto: Studio 4
Stiftsbrauerei Schlägl sind auch für rüstige Geher zwei Tagesmärsche voneinander entfernt, gemächlichere Wanderer rechnen drei Tage und entsprechend viele Rasten ein: Am besten gleich am Himmel. Zum „Mühlviertler Himmel“ wurde nämlich eine Gaststätte in Afiesl ausgebaut: Heute liegt das Hotel unmittelbar am Nordwaldkammweg, der entlang der österreichisch-tschechischen Grenze verläuft und sowohl Schlägl als auch Freistadt berührt. Die Biere aus beiden Brauereien gibt es im Hotel-Restaurant zu verkosten, manchmal auch ein paar mehr. Die Mühlviertler Brauereien haben sich nämlich dazu durchgerungen, ihre Vielfalt auch gemeinsam anzubieten: Da kann man im Afiesler Himmel Hofstettner Kübelbier auf derselben Menükarte finden, auf der der kreative Koch eine Freistädter Schwarzbiercreme anbietet - das obergärige Goldroggen aus dem rund um das Stift Schlägl angebauten Getreide steht friedlich neben dem Kupferbier aus dem Herzen der österreichischen Hopfenanbauregion bei Neufelden.

Wer die Hopfengärten durchwandert, die sich auf den Hügel zwischen Haslach und Neufelden ausbreiten, kann sich vorstellen, wie dieses Land einmal ausgesehen hat, bevor fleißige Bauern es (nicht zuletzt unter Anleitung der Chorherren aus Schlägl) gerodet haben. Plötzlich leuchtet auch ein, warum jeder zweite Flecken hier auf "-schlag“ endet: Hier ist Wald geschlägert worden, um der bäuerlichen Wirtschaft Platz zu machen, der wir unser Bier verdanken. Auf dem alten Gutshof von Hofstetten wird es immerhin seit dem Mittelalter gebraut, jener Zeit also, als hier Urwälder gerodet wurden. Die anderen Brauereien sind zwar teilweise ganz neu (wie jene von Neufelden, Weinberg und Clam), sie können sich aber jeweils auf viel ältere Vorläufer berufen. Bierbrauerei hat mit den Bauern begonnen, das ist historisch gesichert – auch wenn die klösterlichen, bürgerlichen und adeligen Wurzeln der Bierbrauerei gerade im Mühlviertel geographisch und zeitlich nicht weit auseinander liegen.

Die Kooperation von Brauereien und Wirten verschafft den durstigen Wanderern nicht nur eine beachtliche Auswahl an Bieren, sondern auch an passenden Speisen: Mehrere Dutzend Wirte haben das Mühlviertler Bierschnitzel auf die Karte gesetzt. Und wer sich die Zeit nimmt, die Karte durchzukosten, stößt auf ein Weißbier-Joghurt-Sorbet oder ein Blunz’n-Gröstl auf Bierkraut. Die Kinder dürfen unbesorgt mitessen. Selbst in den Biersuppen, wo das Bier eine mengenmäßig bedeutsame Zutat darstellt, findet sich kein Alkohol. Der ist verkocht, während ein wenig Biergeschmack im Essen bleibt, wenn es der Koch richtig anstellt.

Und die Köche hier stellen es richtig an. Denn sie wissen nicht nur, was sie hungrigen Wanderern schuldig sind; sondern auch, wie sie die Bierkultur hochhalten können. Die umfasst eine geschmackliche Vielfalt, die vom leicht-pilsigen Midium aus Freistadt über das obergärige und von den Radlern am Donauradweg geschätzte Burgbräu Clam bis hin zum schweren, süßlichen Schlägler Doppelblock reicht, der leider nur im Winter ausgeschenkt wird. Wer sich mit diesem Trunk stärkt, kann auch durch die verschneiten Auen wandern – nach Neufelden und weiter bis zur auf einer Anhöhe über St. Martin gelegenen Hofstettner Brauerei, wo das hefetrübe Kübelbier lockt. Wer die eine oder andere Etappe abkürzen will, kann sich immerhin in den Zug setzen. Die Mühlkreisbahn begleitet den Fluss, der Große Mühl heißt und uns wieder daran zweifeln lässt, was die wahre Bedeutung der Bezeichnung Mühlviertel ist.

Eine direkte Zugverbindung verlockt auch den, der in der Schlossbrauerei Weinberg gar zu gemütlich beim hausgebrauten Bier sitzt – mit dem Zug ist man schneller zurück in Freistadt und man könnte noch ein weiteres Bier in aller ruhe trinken, wenn da nicht die Kinder nachfragen würden: Schloss Weinberg liegt doch in der Gemeinde Kefermarkt – aber von Käfern ist weit und breit nichts zu sehen und vermarktet wird hier bestenfalls das kulturelle Erbe (in der Pfarrkirche steht ein weltberühmter Altar). Aber auch das Schloss Weinberg hat ja mit Wein heute nichts mehr zu tun, auch wenn schon 1375 in einer Urkunde von einem „Dorf zu dem Weinperg“ die Rede war. Zwei Jahrhunderte vorher hatte das Dorf „Chefermul“ geheißen, kann man auf dem Gemeindeamt erfragen, aber warum das so war, liegt noch im Dunkel der Geschichte. Wir fragen vielleicht wieder, wenn wir wiederkommen, das nächste Bier zu verkosten.
     
Geographische Lage:
Das Mühlviertel liegt im nördlichen Oberösterreich, zwischen Donau und Tschechischer Grenze/Böhmerwald.

Anreise:
Am schnellsten erreicht man Oberösterreich über die Westautobahn A 1 (Wien-Salzburg), über die Innkreis-Autobahn A 8 (Passau-Wels) und die Pyhrn-Autobahn A 9 (Linz-Unterweitersdorf). Autobahnen sind mautpflichtig.

Beste Reisezeit:
Frühjahr bis Herbst (Hopfenernte)

Bier-Reise-Angebote:
Das dreitägige Pauschalarrangement „Freistädter Bier-Romantik“ beinhaltet neben einer Fahrt mit der historischen Pferdeeisenbahn und einer Führung durch das Pferdeeisenbahn-Museum auch eine Romantikführung durch Freistadt sowie einen Ausflug nach Südböhmen. Dieses Angebot inklusive Halbpension mit Bierkulinarium und „Mühlviertler Bierschnitzel“ kann ab 130,81 Euro gebucht werden.

Die „Lustige Bier-Reise ins Donautal“ mit Brauereibesichtigung und Verkostung, Postkutschenfahrt, Wanderung auf Schmugglerpfaden, Besuch im „Brezerhaus“ und Forellenzirkus sowie einer Übernachtung inklusive Frühstück, Bier-Schmankerl-Menü und Bier-Frühschoppen ist ab 71,95 Euro zu buchen.

Information und Buchung
Tourismusregion Mühlviertel
Blütenstraße 8
A-4040 Linz
Telefon: ++43 / (0)732 / 735020
Telefax: ++43 / (0)732 / 712400
muehlviertel@oberoesterreich.at
http://www.tiscover.com/muehlviertel
     
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