Die Geschichte des Landes Tirol
von Werner Köfler

Geschichte des Landes TirolZeittafel

Der 19. September 1991 ist für die Geschichte Tirols ein Paukenschlag. Man fand "Ötzi": etwa 1,60 Meter groß, muskulös, zwischen 35 und 40 Jahre alt, vor 5121 bis 5342 Jahren am Hauslabjoch nahe der Similaunhütte bei Vent auf 3219 Meter Höhe gestorben. Phantastische Deutungen, er sei ein Schamane gewesen, ein Priester, ein Metallurge, ein Jäger, wichen im Laufe der Untersuchungen einer ebenso glaubwürdigen wie unromantischen Vorstellung, der Tote wird wohl in Zusammenhang mit der Nutzung hoch gelegener Almen als Weidefläche seinen letzten Ausflug unternommen haben. "Ötzi"
   
Der Gletschermann, für einen Aufstieg ins Gebirge perfekt bekleidet und ausgerüstet, befand sich in einer Region, die schon im vierten Jahrtausend vor Christi Geburt als Weideland genutzt wurde. Botaniker fanden aus jener Zeit auf den dortigen Almen Spuren von Pflanzen, die in der Umgebung bestimmter Tierexkremente gut gedeihen. Pfeil und Bogen dienten Hirten zum Schutz der Schafe und Ziegen vor Raubtier und zur Beschaffung von Proviant in Gestalt jagdbaren Wildes. Vielleicht hatte sich Ötzi von seiner Gruppe entfernt, um Kontakt mit der Talsiedlung aufzunehmen, und war bei der Rückkehr einem Kälteeinbruch zum Opfer gefallen. Getreidekörner, die er bei sich hatte, lassen den Schluss zu, dass seine Stammesgenossen im Tal schon Kenntnis vom Ackerbau besaßen.  
   
Wenn eingangs vom Beginn der Tiroler Geschichte geredet wurde, so ist dies natürlich eine fahrlässige Formulierung. Zurecht könnte uns jemand auf die Tischoferhöhle bei Kufstein führen und damit in die Zeit von etwa 30.000 vor Christi Geburt. Hier fand man die ältesten Spuren menschlicher Präsenz im alten Tirol. Aus einer vorübergehenden Wärmeperiode der letzten Eiszeit stammen jungpaläolithische Lanzenspitzen aus Knochen von Höhlenbären oder Höhlenlöwen. Tischoferhöhle
   
Nach dem Rückzug des Eises eroberten seit etwa 10.000 vor Christi Geburt zunächst Pflanzen und Tiere den gebirgigen Lebensraum, dann folgte vom Süden wie vom Norden her der Mensch. Feuersteinwerkzeugfunde auf einzelnen Südtiroler Pässen beweisen einen vorübergehenden Aufenthalt von Menschen in der Mittleren Steinzeit um etwa 6.000 vor Christi Geburt. Dann kommen Ötzi und in der späteren Jungsteinzeit die bisher ersten sicheren Siedlungsnachweise im Deutschtiroler Raum. Die sogenannten Mittelgebirge sind es vor allem, die die ersten Siedlungen beheimateten, die Steinkistengräber mit Hockerbestattungen auf der Gand bei Eppan waren mit etwa 2.000 vor Christi Geburt zu datieren, aus dieser Zeit stammen auch Streufunde aus der Innsbrucker Gegend. Mittlere Steinzeit, Spätere Jungsteinzeit
   
In der Bronzezeit (1800 bis 800 vor Christi Geburt) dringt der Mensch weiter ins Gebirge vor. Es waren die reichen Kupfervorkommen in Nord- und Osttirol, die eine rege bergmännische Tätigkeit bewirkten und in der Späten Bronzezeit zu einer Hochblüte des vorgeschichtlichen Kupferbergbaues führten. Reiche Grabbeigaben der Urnenfelderzeit (ca. 1250 bis 800 vor Christi Geburt) dokumentierten diese frühe wirtschaftliche Prosperität. Bronzezeit
   
Mit dem Aufkommen des neuen Werkstoffes Eisen in der Hallstattzeit (ca. 750 bis 400 vor Christi Geburt) verlor unser Alpenraum seine überregionale Bedeutung, wohl auch eine Klimaverschlechterung vereitelte den weiteren Betrieb der hoch gelegenen Kupferabbaustätten. Andererseits existierten nun in der Hallstattzeit bereits größere Ansiedlungen, vermehrt bezeugen zahlreiche Funde die Benutzung der Alpenpässe durch den Fernhandel. Über sie gingen Produkte aus der aufblühenden griechischen und etruskischen Welt in den Norden. Unser Raum war nun eingebunden in größere kulturelle Zusammenhänge, und zum ersten Mal erscheint Tirol in seiner schicksalhaften Bestimmung als Brücke zwischen Nord und Süd, als Verbindungsstück zweier Kulturräume. Diese Funktion sollte ab nun die Geschichte und Geschicke unseres Landes bestimmen – hin bis zur heutigen Transitproblematik. Hallstattzeit,

Brücke zwischen Nord und Süd
   
Tirol war aber nicht nur bestimmt, Brücke zu sein, sondern auch Bastion. Bollwerk im ideologischen Sinn, etwa als Behüter von Traditionen bis hin zum wörtlichen Sinn, zum militärischen, zu Andreas Hofer und zur geplanten Alpenfestung. Auch diese Bestimmung könnte man schon in der Frühgeschichte Tirols in Ansätzen entdecken wollen, wenn für die Kultur der La-Tène-Zeit in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt der Begriff "Kultur der alpinen Beständigkeit" geprägt wurde. Hier lebten ganz offensichtlich alte Formen weiter, während ringsherum die Kelten eine nahezu einheitliche Zivilisation verbreiteten. Bastion
   
Die Eroberung durch die Römer bedeutete dann eine Zäsur in der Entwicklung unserer Region, so wie 600 Jahre später die bajuwarische Einwanderung eine weitere Weichenstellung für die Zukunft des Landes werden sollte. Wenn schon von Zäsur und Weichenstellung die Rede ist: Meinhards II. Regierung war eine solche epochemachende, die Übertragung der Herrschaft 1363 an die Habsburger war eine, sie "bedeutete die Einbeziehung dieser Region in ein deutlich Ost-West-orientiertes Kraftfeld, das allmählich die ursprüngliche Nord-Süd-Orientierung Tirols in politischer Hinsicht überlagerte" (Josef Riedmann). Und am Ende der habsburgischen Jahrhunderte kam die schmerzliche Zäsur der Teilung des Landes. Römer
   
Wenn schon vor den Römern umstürzende Ereignisse das Land bewegten, wie etwa die keltischen Wanderungen (400–300 v. Chr.) oder die Kimbernzüge (113–102 v. Chr.), so war es doch der römische Sommerfeldzug des Jahres 15 vor Christi, der nun eine neue Epoche einleitete. Während Tiberius vom Westen her über den Bodenseeraum gegen Norden vordrang, marschierte der zweite Stiefsohn des Kaisers Augustus, Drusus, mit zwei Legionen durch das Etschtal den Eisack aufwärts über den Brenner in das Inntal und von dort in das bayerische Alpenvorland. Der Widerstand der Venosten, Isarken, Breonen und Genaunen war gering. Die folgenden Jahrzehnte brachten bleibende Verwaltungsstrukturen hervor. Der Hauptteil des späteren Tirol gehörte zur Provinz Raetia mit der Hauptstadt Augusta Vindelicorum (Augsburg). Das Gebiet östlich des Zillers, das Pustertal und Osttirol gehörten zur Provinz Noricum.  
   
Obwohl die Römer, mit Ausnahme der beiden einzigen Städte Trient und Aguntum (östl. Lienz), nur kleinere Orte längs der Straße anlegten und Soldaten und Bauern nicht in größerer Zahl ansiedelten, passte sich doch im Laufe der Zeit die Bevölkerung der Sprache und Kultur der Eroberer an. So entstanden Volk und Sprache der Rätoromanen, die sich in den Tälern der Dolomiten bis heute erhalten haben. Rätoromanen
   
Seit der Okkupation erfreute sich das Land durch Jahrhunderte des Friedens, einer blühenden Wirtschaft und Kultur. Nur die Einfälle der Alemannen nach Rätien am Anfang des 3. Jahrhunderts trübten vorübergehend die lange Friedenszeit.  
   
Auf Kaiser Claudius (41–54), der die eroberten Gebiete hinsichtlich Verwaltung, Infrastrukturen und militärischer Sicherheit glänzend organisierte, geht auch eine technische Großtat zurück, mit der man landläufig am meisten die Römerherrschaft assoziiert und die viele Jahrhunderte die Entwicklung des Landes prägte: "die Römerstraße". Er baute – sicher meist bereits vorhandenen Wegen folgend – zwei römische Reichsstraßen als Alpentransversalen, die Via Claudia Augusta Padana von Ostiglia am Po über Verona der Etsch entlang aufwärts über Maia (Mais bei Meran) durch den Vinschgau, über den Reschen, Landeck und den Fernpass in das Alpenvorland nach Augsburg; die Via Claudia Augusta Altinata von Altino bei Venedig über Feltre, Belluno, Pieve di Cadore, über den Sextener Kreuzberg durch das Pustertal, Sterzing, Brenner, Matrei, Veldidena und weiter über Teriolis (Zirl), den Seefelder Sattel und Scharnitz nach Norden. In den nächsten Jahrhunderten erfolgten weitere Straßen- und Straßenausbauten. Der römische Straßenbau war etwas so Grandioses, dass er wohl erst wieder mit den Autobahnen des 20. Jahrhunderts verglichen werden kann. Alpentransversale
   
Obwohl mit einer rücksichtslosen Okkupation begonnen, brachte die Römerherrschaft dem Land 500 Jahre Kunst und Wissenschaft, Wohnkultur, Handel und Verkehr und vor allem Frieden.  
   
Mit dem Zusammenbruch des römischen Reiches folgte eine neue Epoche, eine abermalige Weichenstellung in der Geschichte unseres Landes; die sogenannte bairische Landnahme. Im Laufe des 6. Jahrhunderts rückten die Bajuwaren ins Inntal ein und schoben sich weiter gegen das Lienzer Becken, dann auch gegen Bozen vor. Dort trafen sie auf die Slawen, hier auf die Langobarden und ihr Herzogtum in Trient. Ende des 7. Jahrhunderts erscheint ein bairischer Grenzgraf zu Bozen; im frühen 8. Jahrhundert ist auch das Meraner Becken in bairischer Hand. Nach der bairischen Einwanderung erfolgte eine verstärkte Kolonisation auch der Seitentäler, bisher eher dünn besiedelter Gebiete wie etwa das Ziller-, Ötz- und Pitztal, Passeier, Ulten und Samtal; allenthalben – bis in extreme Höhenlagen – machten Rodungen fruchtbares Land. Bairische Landnahme
 

 

Rätoromanische Namen hoch gelegener Almen, vor allem an Jochübergängen, beweisen freilich, dass spätestens in der Römerzeit mit ihrer ausgeprägten Almwirtschaft auch in den Hochgebirgstälern Dauersiedlungen bestanden. Die Flut von Funden aus der Römerzeit und Frühgeschichte lässt ebenso die Vorstellung eines sehr schütter besiedelten Landes vor der Baierneinwanderung zusehends schwinden.  
   
Allmählich verschmolz die – vielleicht mit Ausnahme des untersten Inntales – belassene romanisierte Bevölkerung mit den neuen Siedlern, größtenteils bis zum 12. Jahrhundert, im oberen Vinschgau und bei Nauders allerdings erst in der Neuzeit. Außer Bajuwaren kamen damals auch Alemannen ins Lechtal, Außerfern und Oberinntal. Zwischen Weißenbach und Lech lebt heute noch ihre Sprache als Mundart weiter.  
   
Das Herzogtum Bayern gliederte sich in Gaue und Grafschaften als Mittelstellen der staatlichen Verwaltung für Gerichtswesen, öffentliche Sicherheit und Wirtschaft. Zum Teil schon im 8. Jahrhundert erwähnt, sind ihre meist naturbedingten Grenzen teilweise heute noch in den modernen Verwaltungsbezirken erhalten. Herzogtum Bayern
   
Als durch die Verbindung Deutschlands mit Italien die Tiroler Nord-Süd-Tangenten erhöhte politische Bedeutung gewannen, sicherten sich die deutschen Kaiser deren Benutzung durch Verleihung der Grafschaften im Gebirge an die Bischöfe des Landes, die damals noch von ihnen ernannt wurden und daher abhängiger als weltliche Grafen waren. Dem Bischof von Trient übertrugen sie 1004 und 1007 die Grafschaften Trient, Bozen und Vinschgau, dem Bischof von Brixen 1027 und 1091 die Grafschaften im Inn-, Eisack- und Pustertal. Verleihung der Grafschaften im Gebirge
   
Diese Übertragung der Grafschaften an die Bischöfe förderte die Loslösung dieser Gebiete von den bestehenden politischen Einheiten, dem Herzogtum Bayern und der Mark Verona, und damit die Entstehung eines eigenen politischen Gebildes, im weiteren auch deshalb, weil die Bischöfe nolens volens maßgeblichen Adelsgeschlechtern zur Macht verhalfen: Die Oberhirten übten ihre Rechte ja nicht selbst aus, sondern betrauten hohe Adelige mit der weltlichen Schutzherrschaft, der " Vogtei" über die Kirchen.  
   
Es folgt nun eines der spannendsten Kapitel der Geschichte Tirols, denn es war nicht von vornherein klar, welche der Grafenfamilien, die an Etsch und Inn herrschten und die Vogtei über die Hochstifte Trient und Brixen ausübten, so die Grafen von Flavon, von Andechs, von Tirol, oder sonst Einfluss und Macht anstrebten, wie die mit den Welfen verwandten Grafen von Eppan, das Rennen machen würde. Nicht zuletzt durch das Aussterben anderer gleichrangiger Familien begünstigt, konnten sich die Grafen von Tirol durchsetzen. Albert III., der Letzte ihres Stammes (gest. 1253), gewann zur Vogtei über Trient auch jene von Brixen (1210) und brachte zielstrebig den Adel der Trienter, Brixner und Churer Bischöfe mit dessen Burgen auf seine Seite. In dieser Zeit prägte sich übrigens das Land vor allem im Süden zu einem der burgenreichsten im gesamten deutschen Sprachgebiet aus. Grafen von Tirol
   
Alberts Erbe wurde unter seine zwei Schwiegersöhne, Graf Meinhard von Görz und Graf Gebhard von Hirschberg, aufgeteilt, es schien zerbrochen. Da kam die Stunde Meinhards II., richtiger: die Epoche des bedeutendsten Politikers in der Geschichte Tirols. Der "Schmied des Landes Tirol" konnte zunächst den Hirschherger Anteil zurückerwerben, musste allerdings bei der Erbteilung das Pustertal 1271 seinem Bruder Albert überlassen. Mit Erbschaften, Verträgen und offener Gewalt verdrängte er die wetteifernden Adelsgeschlechter oder brachte sie, gleich den Bischöfen, in Abhängigkeit. Ganz in der Tendenz der Zeit schuf er ein geschlossenes, territorialstaatliches Gebilde. Er war sicher einer der modernsten Herrscher im damaligen Europa. Neue Verwaltungsstrukturen, hochgebildetes Beamtentum, internationale Beziehungen und Finanzgeschäfte, Förderung des aufstrebenden Bürgertums gegen Adel und Geistlichkeit, moderne Rechtsstaatlichkeit, Rechtsprechung und Kontrollsysteme und vieles andere mehr waren Leistungen, die zu Friedrichs IV. und Sigmunds des Münzreichen Zeiten erst wieder neu aufzubauen waren. Meinhard II., "Schmied des Landes Tirol",

modernster Herrscher im damaligen Europa
   
Schon 40 Jahre nach dem Tod Meinhards II., als die Tiroler Linie des Hauses Görz im Mannesstamm mit seinem Sohn Heinrich 1335 erlosch und an die Enkelin Margarethe Maultasch fiel, brachen die Auseinandersetzungen zwischen den Luxemburgern, Wittelsbachern und Habsburgern um dieses von ihm geschaffene Land aus. Luxemburger, Wittelsbacher und Habsburger
   
Der von beiden letzteren beabsichtigten Teilung widersetzten sich die Stände, und so wurde Johann von Luxemburg, der als Kind mit Margarethe vermählt worden war, Landesherr.  
   
Da er sich aber mit seiner Gattin und dem wieder mächtig gewordenen Adel überwarf, wurde er vertrieben, und Margarethe ehelichte den Wittelsbacher Ludwig von Brandenburg. Noch bevor er das Land betrat, musste er 1342 den Gotteshäusern und Edelleuten, Städten und Dörfern der Grafschaft Tirol das Recht der Steuerbewilligung und Mitwirkung bei der Gesetzgebung zugestehen. Diese und weitere Landesfreiheiten mussten in der Folge bei jedem Regierungsantritt bestätigt werden, bevor Stände und Bevölkerung die Erbhuldigung leisteten. Auch die Wittelsbacher vermochten das Land nicht für sich zu behalten, das Margarethe nach dem Tod ihres einzigen Sohnes 1363 mit Zustimmung der Stände an Herzog Rudolf von Österreich abtrat, der die Anerkennung ihrer zweiten Ehe beim Papst erwirkt hatte. Sieben Tage nach diesem denkwürdigen 26. Jänner 1363, da Margarethe nach Rat ihrer Landherren den Herzögen Rudolf, Albrecht und Leopold von Österreich als ihren nächsten Verwandten und Erben ihr Fürstentum, die Grafschaften Tirol und Görz, das Land an der Etsch und im Inntal mit der Burg zu Tirol und allem, was zum Land gehört als ewig, unwiderrufliche Gabe unter den Lebenden überließ und beurkundete, schrieb Herzog Rudolf stolz dem Dogen von Venedig: "Alle Wege von Deutschland nach Italien sind nun in unserer Gewalt". Das ist wohl die kürzeste wie prägnanteste Interpretation der Bedeutung unseres Landes in der "internationalen" Politik nicht nur des Mittelalters. Zugleich bedeutete 1363 Verlust der staatlichen Souveränität Tirols. Dank der habsburgischen Erbteilungen war das Land aber im 15. Jahrhundert und dann wieder von 1564 bis 1665 ein von einer fernen Zentrale unabhängig regiertes Land. Landesfreiheiten

Herzog Rudolf von Österreich
   
In den Jahrhunderten nach dem Erwerb Tirols durch Habsburg konnte der heimische Hochadel dank der laxen habsburgischen Regierung wieder Positionen fast wie vor Meinhard II. erringen. Justiz und Verwaltung fielen durch Verpfändungen in seine Hand.  
   
So wurde es die historische Leistung Friedrichs IV., genannt mit der leeren Tasche, nach jahrelangem Kampf gegen führende Tiroler Adelsgeschlechter ein zentral geleitetes, territorialstaatliches Gebilde zu schaffen, wie es Meinhard II. bei seinem Tod 1295 hinterlassen hatte. Friedrich IV.
   
Von den Nachbarn, seinem Bruder und dem Adel des Landes bekämpft, wegen seines Verhaltens auf dem Konstanzer Konzil vom Kaiser abgesetzt, konnte er sich letztendlich und mit Hilfe der unteren Stände, Bürger und Bauern, durchsetzen, das Land erhalten. Verbal schon seit Meinhard II. verankert, war es Friedrich IV., der nun und zum Dank an Bürger und Bauern ihr Mitspracherecht institutionalisierte. Neben den Abgesandten der Kirche und des Adels sitzen nun Vertreter der Städte und der bäuerlichen Gerichte im Landtag. Und diese Landtage griffen dann auch tatsächlich in die Politik ein. Als nach dem Tod Friedrichs IV. (1439) der Vormund seines Sohnes Sigmund, König Friedrich III., sein Mündel nicht zur vereinbarten Zeit in die Heimat entlassen wollte, übernahmen die vier Stände auf eigene Faust die Landesverwaltung (1444) und ebenso verhinderten sie ab 1487 den Ausverkauf des Landes durch den krank und senil gewordenen Sigmund und verwalteten das Land drei Jahre bis zur Übergabe an König Maximilian I. 1490. Sigmund der Münzreiche
   
Aber was war in dieser zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Tirol alles geschehen! Schon 30 Jahre nach der "Pensionierung" Sigmunds, unmittelbar nach dem Tod Kaiser Maximilians beschwörten die Tiroler Untertanen und Aktivisten des Bauernkriegsjahres 1525 die Zeit Sigmunds herbei, eine heile Welt, "in der sie noch Rechte hatten". Eine bisher noch nie da gewesene Welle der Nostalgie brach über das Land herein, das Bild eines versunkenen, glücklichen Zeitalters, ganz so, wie es die damaligen Zeitgenossen übertrieben gemalt hatten. Auf seinen Reisen durch Tirol in den Jahren 1483 und 1484 sah Felix Faber "das Land so silberreich, dass bei Sonnenschein Sand und Stein flimmern und dem Besucher ins Gesicht strahlen."  
   
Hernach aber war einer gekommen – so empfand man nicht ganz zu unrecht in den turbulenten Zwanzigerjahren des 16. Jahrhunderts – der das Land für seine hochgestochene Reichspolitik auspowerte, die Bergschätze an meistbietende "internationale Konzerne" verschacherte, die Steuerschraube drehte für Kriege, die das Land nichts angingen, und einer Jagdlust frönte, an der das Volk nicht partizipieren durfte, sondern im Gegenteil alle Folgen einer bis dahin unbekannten Hegegesetzgebung zu tragen hatte. Erzherzog Sigmund der Münzreiche, Kaiser Maximilian, "der letzte Ritter", Michael Gaismair, der Revolutionär. Emotionsgeladen wie nie zuvor strebte eines der spannendsten Kapitel der Tiroler Landesgeschichte dem Höhepunkt zu.  
   
Da war zunächst Sigmund mit seiner Liebenswürdigkeit, seiner Volksnähe, auch seiner Verschwendungssucht, die er mit vielen Fürstenhöfen des damaligen Europa teilte. Man verdrängt in der Tiroler Geschichtsschreibung nach wie vor aber sein Mäzenatentum, die Berufung junger Humanisten an seinen Hof, die später erst berühmt wurden; man nennt nur am Rande seine Bergordnung von 1449, die zum Modell aller späteren europäischen Bergwerksordnungen wurde, seine Bozner Marktordnung von 1460, seine Erhebung örtlicher Verbände von Eigenleuten in den Stand freier Untertanen 1476, sein durch all die künftigen Jahrhunderte gültiges Reglement von landesfürstlichem Rat, Regiment, Kammer und Kanzlei als zentrale Verwaltungseinrichtungen, auf die Maximilian aufbauen konnte.  
 

 

Sigmund, "der Herr des Talers", "der Münzreiche", überlebte in der Tiroler Geschichtsschreibung hauptsächlich mit seiner erstmaligen Prägung großer, den Goldgulden gleichwertiger Silbermünzen, ein Auftrag an seinen Finanzexperten, den Venezianer Antoni vom Ross, der die technischen Voraussetzungen schuf. "Glücklos in seinen seltenen Kriegen, zu vorsichtig, um in das neue europäische Mächtespiel einzugreifen, verschwenderisch in seinem luxuriösen Hofleben, leicht und abergläubisch, so bietet Sigmund den engagierten Historikern, die etwas Vorgefasstes beweisen wollen, kein besonders leuchtendes Fürstenideal und steht im Schatten des aufsteigenden Sternes Maximilian. Als Förderer der Künste, als selbstbewusster Kulturmensch, und vor allem als der Fürst, der die ersten Taler Europas prägen ließ, kann die Kulturgeschichte nicht an ihm vorübergehen. Er vertritt neben Herzog Karl dem Kühnen von Burgund die letzte Blüte des spätgotische Mittelalters." (Erich Egg)  
   
Im Jahre 1490 übertrug Erzherzog Sigmund gegen eine Summe von 50.000 Gulden und das "Recht, überall fischen und jagen zu dürfen", die Regierung an Maximilian, dem Sohn seines Cousins, des Kaisers Friedrich III. Damals waren erstmals seit 1379 alle Länder, die das Haus Österreich unter seine erbliche Herrschaft gebracht hatte, wieder in der Hand eines Regenten vereinigt. Kaiser Max, der die Geschichte von seiner wunderbaren Errettung aus der Martinswand in seinem "Ritter Theuerdank" selbst kolportierte, der Tirol einmal einen "rauen, groben Bauernrock genannt hat, der zwar wegen seiner Falten und Runzeln hässlich, aber doch warm und gut zu tragen" sei, plante sogar ein Kurfürstentum Tirol, seinem Sohn Philipp zugedacht. Die Zeit Maximilians, des 1519 gestorbenen "letzten Ritters", wird in allen Schulbüchern als ein Höhepunkt der Tiroler Landesgeschichte verklärt. Tatsache ist, unter ihm wurde Tirol durch die Aneignung der Unterinntaler Gerichte Rattenberg, Kitzbühel, Kufstein von Bayern (1504), des Pustertales und Lienzer Beckens aus dem Erbe der Grafen von Görz (1500), der Gebiete von Ampezzo und der Welschen Konfinen von Venedig (1516) im Osten und Süden erweitert. Der deutsch-italienische Durchzugshandel belebte wie kaum zuvor die Straßen und die großen Märkte von Hall und Bozen. Die wichtige strategische Lage des Landes, die neben Brücke eben auch Bastion bedeutete, mögen den Kaiser auch bewogen haben, ein großes Waffenlager für seine militärischen Pläne in Innsbruck zu schaffen, das Zeughaus. In engem Zusammenhang damit standen die großen Geschützgießereien und Plattnerwerkstätten in Innsbruck, die aber auch schon unter Erzherzog Sigmund gegründet und gefördert worden waren. So entstand in Tirol ein Rüstungszentrum, dem damals weltweit nichts Gleiches zur Seite stand. Maximilian
   
Der schon unter Maximilians Vorgängern aufblühende Erzbergbau, vor allem der Schwazer und Sterzinger Reviere, war nun auf dem Höhepunkt seiner Produktivität. Die Entstehung der habsburgerischen Weltmacht nach der Heirat Maximilians I. mit Maria von Burgund sowie die Aufgaben, die die Habsburger im Osten durch Erwerbung Böhmens und Ungarns (1526) später übernahmen, verschaffte Tirol eine gewisse "Herzstellung". Brücke und Bastion, das waren nun seit Maximilian ganz sichtbare Funktionen Tirols: Brücke zum habsburgischen Länderbesitz am Rhein und am Bodensee; als Felsenburg quer über den Nord-Südrand der Alpen versperrte es den Weg der vom Westen an drängenden französischen Macht und erwies sich immer wieder als letzte Rettung, wenn die beiderseits vorgelagerten Ebenen bereits überrannt waren. So hat schon Kaiser Maximilian aus dem Blickfeld habsburgerischer Reichspolitik her Tirol als das "Herz Deutschlands" bezeichnet und viel später, 1649, nannte es der von eben diesen Habsburgern eliminierte Kanzler Wilhelm Bienner "Die Zitadelle des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation." Erzbergbau

"Die Zitadelle des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation"
   
Diese Zitadelle hatte Maximilian also wesentlich vergrößert. Die Innsbrucker Verwaltungsbehörden für Tirol und die Vorlande baute er maßgeblich aus, die Rechtspflege hob er durch eine Polizei- und Halsgerichtsordnung. Mit dem sogenannten Landlibell schuf er auf Basis älterer Aufgebotsordnungen eine umfassende Wehrordnung, natürlich von den Landständen mitgetragen und mitbeschlossen. Die wichtigsten Bestimmungen, großteils bis 1918 in Geltung, waren: Das Tiroler Landesaufgebot hat nur innerhalb der Grenzen des Landes und nur zu seiner Verteidigung Kriegsdienst zu leisten. Nur mit Willen und Zustimmung der Landstände kann der Landesfürst einen Krieg beginnen, für den Tirol die Angriffsbasis bildet. Die Regelung des Aufgebots war folgendermaßen: Je nach Größe der Gefahr sollten 5.000, 10.000, 15.000, 20.000 Mann aufgeboten werden, und zwar hatten Adel und Prälaten 1.800, Städte und Gerichte 3.200 Mann Knechte – so hießen die Aufgebotenen – zu stellen. Nach diesem Schlüssel wurde dann auch die Grundsteuer veranlagt. Einerseits ein blühendes Land, mit reichsten Bodenschätzen, mit zentralen Funktionen einer neuen "Weltmacht", führten zunehmende Steuerlast, Aufnahme des römischen Rechts mit dem schriftlichen Verfahren, übermäßige Wildhege u.a. schon nach dem Tode des Kaisers zu Unruhen und unter dem Einfluss der demokratischen Schweiz und der kirchlichen Neuerer unter Führung des ehemals bischöflich-brixnerischen Sekretärs Michael Gaismair 1525 zur Beteiligung am Bauernkrieg. Zwar waren die Tiroler Bauern rechtlich und wirtschaftlich besser gestellt als in den meisten Nachbarländern. In der großen Mehrzahl waren sie persönlich frei, konnten das von ihnen bearbeitete Gut vererben und ihre Gemeindeangelegenheiten selbst verwalten; aber ihre politischen, wirtschaftlichen und kirchlichen Forderungen auf dem Landtag zu Meran, auf dem Adel und Klerus nicht vertreten waren, gingen weit über ihre Zeit hinaus. Sie wurden zunächst teilweise in die Landesordnung 1526 aufgenommen, aber schon in der von 1532 wieder beseitigt, die – 1573 erneuert und durch die Polizeiordnung ergänzt – durch drei Jahrhunderte in Geltung blieb. Der alte Glaube wurde wiederhergestellt, nachdem in Tirol vor allem das Täufertum brutal verfolgt worden war. Landlibell,

Michael Gaismair
   
Mit Erzherzog Ferdinand II. (1564–1595), dem Begründer der Amraser Kunstsammlung, erhielten Tirol und die Vorlande neuerdings eigene Landesherren bis 1665. Wieder kehrte höfisches Leben in Innsbruck ein, auch mit allem Prunk. Ferdinands Nachfolger, Maximilian der Deutschmeister (gest. 1618) und Erzherzog Leopold V. (gest. 1632) wie dessen Söhne Ferdinand Karl und Sigmund Franz setzten diese Tradition fort; zu ihr gehörten die dynastischen Verbindungen zu italienischen Höfen. Der Witwe Erzherzog Leopolds V., der Mediceerin Claudia, verdanken die Bozner Märkte, "das nützlichste Kleinod im Land", ihr einzigartiges Privileg. Erzherzog Ferdinand II.,

Bozner Märkte
   
1720 musste der Landtag die pragmatische Sanktion, die untrennbare Verbindung mit den übrigen österreichischen Ländern bestätigen. Absolutismus und Zentralismus drängten den Einfluss der Stände immer mehr zurück; im 18. Jahrhundert fanden nur mehr drei Volllandtage statt, die Landesfreiheiten wurden von Maria Theresia und Josef II. nicht mehr bestätigt. Absolutismus und Zentralismus
   
Das Zeitalter Napoleons brachte 1803 die Aufhebung der geistlichen Fürstentümer Brixen und Trient und deren völlige Einverleibung in Tirol, 1805 dessen Abtretung an Bayern. Dieses hob die Verfassung des Landes auf, teilte es in drei Kreise, führte erhöhte Steuern, kirchliche Neuerungen und Zwangsaushebung zum Truppendienst ein. Dagegen erhob sich das Volk 1809 und befreite dreimal das Land, erlag aber nach einem halben Jahr der Übermacht. Sein Anführer, der Sandwirt Andreas Hofer aus dem Passeier, wurde gleich Tausenden seiner Landsleute Blutzeuge der Freiheitsliebe und Treue zu Österreich. Das besiegte Land wurde in drei Teile zerrissen: der Süden, einschließlich Bozen, kam zum Königreich Italien, das Pustertal zu den illyrischen Provinzen Frankreichs, der Rest verblieb als Innkreis bei Bayern. Die Heimkehr nach Österreich (1814) war nicht frei von Enttäuschungen. Das vormärzliche System konnte und wollte die alte Landesverfassung nicht wiederherstellen, zu vieles, was die Bayern mit Gewalt eingeführt hatten, passte in das zentralistische Konzept Wiens. Zeitalter Napoleons,

Andreas Hofer
   
Auch das Revolutionsjahr 1848 verwirklichte zunächst nur die Großtat der Grundentlastung durch Ablösung der Grundzinse und Zehenten. Die zugesicherten politischen Reformen wurden erst 1860 und 1867 durchgeführt; die Vertreter der Bevölkerung erhielten das Gesetzgebungs- und Steuerbewilligungsrecht im Reichs- und Landtag, der Landesausschuss die Aufsicht über das Gemeindewesen, die soziale Fürsorge und die Landeskultur. Revolutionsjahr 1848
   
Schon im Vormärz war das Verkehrswesen des Landes seitens des Staates durch moderne Durchgangsstraßen gefördert worden, nun baute das Land auch Straßen in die einzelnen Täler. Einen weiteren Aufschwung des Verkehrs brachte die Eröffnung der Brennerbahn 1867 und der Arlbergbahn 1884. Sie ermöglichten den Ausbau der Industrie und des Fremdenverkehrs. Waren es zunächst begeisterte Alpinisten aus Adel, Intellektuellen – und Industriellenkreisen, die das Land und seine Schönheiten entdeckten, so waren es später die Alpenvereine mit ihrem Schutzhüttenbau und die Gemeinden selbst mit ihren "Verschönerungsvereinen", die Tirol gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zu einem aufstrebenden Fremdenverkehrsland machten. Wenn auch die Eisenbahn uralte Gewerbe und Verdienstmöglichkeiten allmählich eliminierte, vom Rädermacher bis zum Flößer und Schiffsbauer, so brachte sie, begleitet von verschiedenen Straßenbauten, insgesamt einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Industriealisierung vor allem des Inntales saugte zwar gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus den Landgemeinden der Seitentäler Bevölkerung ab, brachte aber doch für viele ein sehr viel höheres Einkommen als ihr Dasein als Knecht, Magd oder weichender Sohn. Verkehrswesen,

Fremdenverkehr
   
Inzwischen erwuchs, um zur großen Politik zurückzukehren, eine zunehmende Bedrohung aus dem Süden. Seit den Tagen Napoleons war der Gedanke nationaler Selbständigkeit in italienischen Teilen Tirols nicht mehr erloschen. Die Bewegung des italienischen Irredentismus erhob schon vor 1848, vor allem aber dann 1866 (Giuseppe Mazzini) Anspruch auf die Brennergrenze, sie sei als Wasserscheide des Alpenhauptkammes "eine natürliche Grenze" Italiens. Irredentismus
   
Umso mehr widerstrebten die Deutschtiroler den Ansprüchen ihrer italienischen Landsleute. Im Mai 1915 beanspruchte Italien offiziell den Süden Tirols. Abermals zogen, wie in den Jahren 1848, 1859 und 1866, Tiroler Freiwillige an die bedrohte Südgrenze. Der Zusammenbruch der österreichischen Armee brachte den Italienern das ihnen für den Kriegseintritt zugesagte Gebiet südlich des Alpenhauptkammes mit Ausnahme des Bezirkes Lienz. Im Frieden von Saint Germain wurde Tirol abermals dreigeteilt, seit Jahrhunderten Zusammengewachsenes auseinander gerissen und uralte Verkehrswege unterbunden. Mai 1915,

Saint Germain
 

 

Das vom amerikanischen Präsidenten Wilson in seinen 14 Punkten aufgestellte Forderungsprogramm des Selbstbestimmungsrechtes und der Abgrenzung Österreichs und Italiens nach klar erkennbaren nationalen Linien war außer Acht gelassen worden.  
   
Gebietsmäßig auf weniger als zwei Fünftel, in der Einwohnerzahl noch weniger als auf ein Drittel des alten Landes zusammengeschrumpft, ging Tirol den schweren Weg der Ersten Republik mit all ihren politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, wobei die Tausend-Mark-Sperre (1933) die wichtigste Säule der Tiroler Wirtschaft, den Fremdenverkehr, existenziell traf. Südtirol musste den noch schwereren Weg unter dem faschistischen Joch gehen, der in der Option kulminierte: Entweder Abwanderung oder Italiener werden. Erste Republik
   
Im Tirol der Zwischenkriegszeit herrschte eine Stimmung wie in ganz Österreich; innenpolitisch zerrissen, außenpolitisch bevormundet, von der Weltwirtschaftskrise schwer getroffen und die Lebensfähigkeit dieses nunmehrigen Kleinstaates anzweifelnd.  
   
Mit dem begeisterten Anschluss an Deutschland im März 1938 schien zunächst auch in Tirol eine strahlende Zukunft im Tausendjährigen Reich angebrochen zu sein. Dann kam alles ganz anders. Der Bezirk Lienz wurde von Tirol getrennt und dem Land Kärnten zugeschlagen. Tiroler kämpften und fielen an allen Fronten des Zweiten Weltkriegs; Widerstand, Judentum und Randschichten wurden ausgemärzt; die alliierten Bomber zerstörten – ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Nationalsozialismus
   
Mit der Kapitulationsurkunde vom 5. Mai 1945 war auch in Tirol der Krieg zu Ende. Einheiten der 7. US-Armee übernahmen die Befehlsgewalt. Ihr rasches Vorrücken vom Norden her hatte die strategische Planung des US-Oberkommandos überrollt, denn die Besetzung Österreichs hätten die in Italien stationierten Truppen der 5. US-Armee durchführen sollen. Die einmarschierenden Amerikaner waren daher mit den hierortigen Verhältnissen nicht vertraut. 5. Mai 1945
   
Erst 14 Tage später kam das für Tirol vorgesehene Verwaltungspersonal unter Oberleutnant Gordon J. Watts nach Innsbruck. Inzwischen hatten in größeren Gemeinden Vertreter der Widerstandsbewegung und unbelastete Parteipolitiker der Zwischenkriegszeit die Verwaltung übernommen, wie auch in Innsbruck, wo sich ein zehn- bis sechzehnköpfiger Ordnungsausschuss bildete, um eine halbwegs reibungslose Weiterführung der Amtsgeschäfte zu gewährleisten. Daraus entstand eine achtköpfige provisorische Landesregierung unter Landeshauptmann Dr. Karl Gruber. Sie berief zum 10. Juli eine provisorische Landesversammlung ein, eine Art ernannten Landtag mit 26 Mitgliedern (13 VP, 7 SP, 3 KP und 3 ÖWB -Österreichische Widerstandsbewegung), die sich zwar zu einem freien, demokratischen Österreich bekannte, aber mangels Kompetenzen kaum Aktivitäten entfalten konnte. provisorische Landesversammlung
   
War die Arbeit der Parteien von der amerikanischen Militärbehörde grundsätzlich untersagt worden, waren die aufgrund des Zonenabkommens vom 9. Juli 1945 nachrückenden Franzosen toleranter und erlaubten öffentliche Aktivitäten. Bald konnten alle Parteien ihre Infrastrukturen schaffen und mit der politischen Werbung beginnen, vorab die Kommunisten und Sozialisten.  
   
Die Landtagswahlen am 25. November, gekoppelt mit den Nationalratswahlen, brachten keine große Überraschung. Eigentlich nicht wirklich repräsentativ – alle ehemaligen Mitglieder der NSDAP waren zur Wahl nicht zugelassen, viele Soldaten waren noch in Kriegsgefangenschaft, die Zahl der Wahlberechtigten betrug somit nur etwas über 40 Prozent der Wohnbevölkerung – erhielten bei dieser ersten Wahl die VP (Volkspartei) 71,3 Prozent der Stimmen und 26 Mandate, die Sozialisten 26 Prozent und zehn Mandate, die Kommunisten gingen entgegen ihren Erwartungen mit 2,2 Prozent der Stimmen leer aus. Die Osttiroler, die schon im Sommer die Rückkehr zu Tirol gewünscht hatten, wählten zwar für den Tiroler Landtag, ihre Abgeordneten saßen aber noch – wenig akzeptiert – im Klagenfurter Landtag. Landtagswahlen
   
Eine rasche Rückgliederung erschwerten die Zonengrenzen, sie konnte erst im September 1947 nach Genehmigung der Alliierten erfolgen. In Lienz hatte sich eine Tragödie abgespielt aufgrund einer Vereinbarung besagter Alliierter mit der Sowjetunion, die schlicht und einfach ein kollektives Todesurteil bedeutete. Die an der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion kämpfenden Kosaken, ca. 25.000 Personen, hatten bei Lienz ihr Lager aufgeschlagen. Mit brutalster Gewalt lieferten sie die Briten Anfang Juni 1945 an die Sowjets aus. Ein grauenhaftes Schicksal, das natürlich die allermeisten Tiroler damals nicht mitbekamen.  
 

 

Wer die Zeit nach 45 erlebt hat, erinnert sich an Lebensmittelkarten, an Bombenschutt mit diesem eigenartigen Geruch, dann an Bagger und Wiederaufbau, an Schweizer Schulbücher und an "Ausspeisung" in der Schule.  
   
Apropos Lebensmittelkarten: In Innsbruck erhielt ein Normalverbraucher für den Monat Juli 1945 folgende Nahrungsmittel zugeteilt: 80 dag Fleisch, 20 dag Fett, 4 kg Brot, 25 dag Nährmittel, 25 dag Käse, 10 dag Kaffeeersatz, 25 dag Salz. Der Schwarzmarkt boomte, bei den Bauern wurden Schmuck und Perserteppiche gegen Lebensmittel eingetauscht. Lebensmittelkarten
   
Trotz der UNRA-Hilfe besserte sich die Situation kaum; in der zweiten Jahreshälfte 1946 demonstrierten – vor allem Frauen – vor dem Landhaus gegen die Hungersnot. Im April 1948 lief für Österreich endlich auch die amerikanische Marshall-Plan-Hilfe an, aber erst 1953 konnte die Bewirtschaftung, die auch für Textilien, Hausrat, Schuhe und Brennstoffe galt, aufgehoben werden. Marshall-Plan-Hilfe
   
Mit beispielloser Energie, ohne tatenlos auf fremde Hilfe zu warten oder einfach das Land zu verlassen, hatte die Bevölkerung aber inzwischen den Wiederaufbau selbst in die Hand genommen. Die Bombenangriffe hatten in Innsbruck die Hälfte aller Gebäude zerstört oder beschädigt. Matrei a. Br., Reith bei Seefeld und Wörgl waren ebenfalls am meisten zerbombt, 11.500 Wohnungen waren in Tirol ganz oder teilweise zerstört, 3.000 Innsbrucker suchten eine Wohnung. Dann kam die rigorose Beschlagnahmung durch die französische Besatzungsmacht, für die anfangs Unterkünfte für 8.000 Personen bereitgestellt werden mussten.  
   
Weitere nüchterne Zahlen für viel Leid und Elend: Ungefähr 15.000 Tiroler waren während der NS-Zeit an der Front, in Gefängnissen, Konzentrationslagern und durch Bomben ums Leben gekommen. Zehn Jahre nach Kriegsende meldete die offizielle Statistik des Landesinvalidenamtes noch fast 10.000 von der Fürsorge betreute Kriegsversehrte, 4.054 Witwen, 5.103 Waisen und 2.564 EItern von Gefallenen. Im August 1945 hatten die ersten Heimkehrertransporte begonnen, aus Italien und Norwegen, dann aus Frankreich. Am 1. Oktober 1945 waren 26.985 Tiroler Soldaten, davon 8.000 aus Russland noch nicht heimgekehrt. Landesinvalidenamt,

Heimkehrertransporte
   
Gemäß Zonenabkommen vom 9. Juli 1945 waren am seIben Tag die ersten marokkanischen Einheiten in Innsbruck einmarschiert. Zehn Tage später folgte der Oberkommandierende der französischen Truppen in Österreich, General Emile Béthouard. General Béthouard war ein Glücksfall für Tirol. Er begann dieses Land rasch zu lieben und gewährte stillschweigend vieles, was er als Chef der Besatzungsmacht gar nicht hätte tun dürfen. Es waren auch oder vor allem solche Zugeständnisse an die Tiroler, wie das Waffentragen der Schützen oder das Segel- und Sportfliegen am Innsbrucker Flughafen, die – vielleicht rudimentär – doch aber wesentlich eine positive Stimmung in der Bevölkerung hervorriefen. Emile Béthouard
   
Die laufende Reduzierung der Besatzungstruppen und die Liberalisierung der Landesverwaltung und lokalen Behörden ergaben ein zunehmend gutes Verhältnis zur Besatzungsmacht. Zugleich gewannen föderalistische Bestrebungen auch in Tirol an Boden und mit dem "Inneren Rückzug" der französischen Besatzung aus Verwaltung und Politik wurde die Wiener Zentrale spürbar. Genehmigungen aller Art, die bisher bei der Militärregierung vor Ort eingeholt worden waren, mussten jetzt umständlich und bürokratisch in Wien besorgt werden.  
   
Ende 1950 gab es nur noch diverse Kommando- und Versorgungseinheiten dieser Besatzung, drei Panzerkompagnien, zwei Pionierkompanien und zwei Alpenjägerbataillone, in Innsbruck, Rum, Hall, Schwaz, Kufstein, Kitzbühel, Seefeld und Imst stationiert. Bis Ende 1953 waren sie, wie die britische Besatzung in Osttirol, fast vollständig abgezogen, das militärische Oberkommando in Innsbruck wurde aufgelöst, nur in Wien verblieb bis zum Staatsvertrag ein bescheidenes Truppenkontingent.  
   
Noch ehe die Parteien – offiziell von der Besatzungsmacht anerkannt – ihre Tätigkeit aufnehmen konnten, hatten sich die Kammern als Interessensvertretungen neu konstituiert, zuerst die Kammer für Arbeiter und Angestellte anstelle der Deutschen Arbeitsfront, dann die Landwirtschaftskammer, die Handelskammern und der Österreichische Gewerkschaftsbund. Kammern
   
Waren die ersten Nachkriegsjahre noch geprägt von Ernährungssorgen, BrennstoffmangeI und Beseitigung der Kriegsschäden, begann mit dem Anlaufen der Marschall-Plan-Hilfe ab April 1948 und der Währungsreform ein merkbarer wirtschaftlicher Aufschwung. Zugleich wandelte sich Tirol von einer agrarischen in eine Industriegesellschaft mit hohem Dienstleistungssektor. Genährt durch Umfahrungsängste wegen großzügiger Schweizer Straßenbaupläne setzte Ende der Fünfzigerjahre ein wahrer Straßenbauboom ein. 1959 wurde die Timmelsjochstraße eröffnet und mit dem Bau der Brennerautobahn begonnen (1971 vollendet), 1967 die Felbertauernstraße fertig gestellt, von 1965 bis 1972 dauerte der Bau der Unterinntalautobahn, 1973 startete der Bau der Oberinntalautobahn, der Arlbergstraßentunnel konnte 1978 eröffnet werden.

Straßenbauboom
   
Entscheidende Bedeutung beim ökonomischen Aufschwung des Landes kommt dem Fremdenverkehr zu. Nach Verbesserung der Ernährungslage erreichten die Nächtigungszahlen 1950 mit 1,9 Millionen bereits Vorkriegsniveau. 1981 war die 40 Millionengrenze überschritten.  
   
Auf Anregung von Landeshauptmann Eduard Wallnöfer war in Mösern am 12./13. Oktober 1972 die Arbeitsgemeinschaft Alpenländer, die Arge-Alp, gegründet worden, um Fragen von grenzüberschreitendem Interesse gemeinsam zu klären und zu lösen. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit konnten mit Südtirol wieder viele gemeinsame Wege gegangen werden. Eduard Wallnöfer,

Arge-Alp
   
Seit dem EU-Beitritt Österreichs wächst die Hoffnung auf eine neue und doch so alte Einheit: Nord-Ost-Südtirol und Trentino. Die Dreierlandtage signalisieren bereits eine gelebte Europa-Region.  
  und Quelle: Tiroler Landesarchiv
A-6010 Innsbruck, Michael-Gaismair-Straße 1
++43 / (0)512 / 508-3500, 3502 oder 3503
++43 / (0)512 / 508-3505
E-Mail:
landesarchiv@tirol.gv.at
http://www.tirol.gv.at/themen/kultur/landesarchiv/index.shtml

     
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