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Der Genuss als Lebensziel Die Wiener Lokalszene von heute. Von Florian Holzer. |
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Die Pariser mögen die versierteren Liebhaber sein, die Londoner besser angezogen, die Römer mehr Ahnung vom süßen Leben haben. Eine Stadt, in der das Essen und Trinken so sehr im Mittelpunkt des täglichen Lebens steht wie in Wien, wird man aber wohl nur schwer finden. Soziale Kontakte jeder Art haben und hatten in Wien fast immer etwas mit Essen zu tun oder zumindest einen gewissen kulinarischen Aspekt. Und sogar die Politik blieb in Wien nicht ohne gastronomische Folgen, man denke nur an die vielen wesentlichen Bestandteile der Wiener Küche, die aus verbrüderten wie auch aus verfeindeten Ländern der Donaumonarchie nach Wien drangen: das berühmte Wiener Schnitzel aus Mailand, das unersetzliche Gulasch aus Ungarn, der angebetete Apfelstrudel aus der Türkei, nicht zu vergessen die Armee himmlischer "Mehlspeisen" aus Böhmen. Ja, man muss es sagen, es hat sogar des Kaiser Franz Josefs geliebter Tafelspitz - Krönung des Wiener Kultes um das gekochte Rindfleisch - seinen Ursprung im Italienischen. Typisch Wienerische Spezialitäten gibt in allen Preislagen, das Spektrum an Möglichkeiten, in Wien typisch
Am lebendigsten ist die klassische Wiener Küche zur Zeit aber in den "gutbürgerlichen" Gasthäusern,
die in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Comeback erfuhren: Im Sieveringer Restaurant Eckel zum Beispiel,
im wunderschönen Belle Epoque-Lokal "Zum schwarzen Kameel", beim "Schwarzen Adler", im
etwas versteckt gelegenen "Vickerl`s Lokal" oder im wieder eröffneten Gasthaus-Urgestein "Zum
Weißen Rauchfangkehrer" zelebriert man Wiener Gastlichkeit und Tradition mit allen Aspekten einer zeitgemäßen
Kulinarik: jahreszeitlich bezogen, mit Produkten aus der Region und einer gepflegten Weinkultur. Das Beisl - der Begriff kommt aus dem Jiddischen und bedeutet in etwa "kleines Und auch neue Beisln kamen wieder dazu, von jungen, ambitionierten Köchen übernommen, die sich hier
auf die Suche nach einer verfeinerten, modernisierten Wiener Küche machen, die ihren Wurzeln aber dennoch
treu bleibt: Der stimmungsvolle und stets gut gebuchte "Grünauer" ist da zu nennen, das Edel-Beisl
"Schnattl" beim Theater in der Josefstadt, der unvergleichliche "Meixner" in Favoriten oder
"Weibel`s Wirtshaus", in dem Patron Hans Weibel darüberhinaus eine schier unerschöpfliche Weinkarte
bereithält. Pioniere in Wien waren da etwa das legendäre "Bermuda-Dreieck", in dem während der frühen 80er-Jahre Szene-Bars
Vormittag findet hier das große Degustieren und Aussuchen statt - und die umgebende Lokalszene floriert
bis in die Nacht hinein. Der Naschmarkt und das benachbarte Freihausviertel zählen zur Zeit zu den lebendigsten
Vierteln der Stadt, eine Entwicklung, die sich bei den anderen schönen Märkten Wiens, etwa dem Brunnenmarkt,
dem Karmelitermarkt oder dem Rochusmarkt, auch langsam abzuzeichnen beginnt. Der Nobel-Caterer und Restaurantbesitzer Attila Dogudan zum Beispiel fasste mit seiner Brasserie "Aioli" die zur Zeit erfolgreichsten Konzepte des Mittelmeeres zusammen: Tapas aus Spanien, Antipasti aus Italien und Bistro-Klassiker aus Frankreich. Ein weiteres neues Lieblingslokal der Wiener Szene ist das "Novelli", wo die weitgereiste Irmgard Sitzwohl die mediterrane Klaviatur auf begeisternde Art und Weise beherrscht, im "Yohm" werden - von coolem Design umgeben - Asiens unterschiedliche Küchen miteinander zu einem spannenden Ganzen fusioniert, im "Daun Kinsky" kommt das Italienische in die Mischung noch mit dazu. Überhaupt ganz individuelle, moderne Wege beschreiten Wiens "Junge Wilde", und da in erster Linie
Christian Voithofer in seinem stark auf kontemporär gestylten "Chrinor", der wilde Oliver Hoffinger
in seiner kleinen "Kochwerkstatt" am Spittelberg oder Alexander Mayer im kühl designten "Theatercafé"
beim Naschmarkt. Und jede Woche kommen neue dazu, die Szene ist ständig in Bewegung, die Zeiten der gemütlichen
Beschaulichkeit sind vorbei.
So eröffnete eines der hippsten (und bereits zum Szene-Restaurant gewordenen) Lokale der Stadt namens "Vestibül"
im ehemaligen kaiserlichen Eingangstrakt des Burgtheaters; im altehrwürdigen Naturhistorischen Museum werden
jede Woche (Sommer ausgenommen) frugale Muschel-Happenings abgehalten, sogar der Lustpavillon des Schlosses Schönbrunn,
die Gloriette, verwandelte sich in den letzten Jahren zum Designer-Café. Als wesentlicher Treffpunkt von
Wiens Kultur-Schickeria zählt immer noch das coole "MAK-Café" im Museum angewandter Kunst.
Die angehenden Kulturschaffenden treffen einander aber lieber im Café "Kunsthalle". Eine heterogene
Mischung von beidem, gut gewürzt durch lustwandelnde Senioren und Touristen, findet sich schließlich
im über hundert Jahre alten "Palmenhaus" im Burggarten, unter dessen Stahl- und Glaskonstruktion
nach aufwendigen Renovierungen eine großzügige Brasserie Platz fand. Und seit neuestem trifft sich alles,
was "in" ist, im Museumsquartier in einem der Designer-, Ethno- oder Junggastronomielokale. Doch ganz so, wie es scheint, ging die Zeit auch an diesen Institutionen nicht vorbei: Immer mehr Heurige setzen nicht nur auf erstklassige Qualität beim Wein, sondern auch auf entsprechende Glaskultur und auf ein individuelles, vielleicht etwas leichteres Angebot am Buffet. Fritz Wieninger, Wiens junger Paradewinzer mit seinen weltweit gesuchten Top-Kreszenzen, ging sogar soweit, für den Heurigen seiner Familie einen Spitzenkoch zu engagieren. Und Hans Peter Göbel verpasste seinem Heurigenlokal nicht nur ein zeitgemäßes Designer-Outfit, sondern veranstaltet auch Degustationsmenüs und Spezialitätenwochen. Im Kaffeehaus können solche Veränderungen freilich nur sehr vorsichtig angegangen werden, ein Beharren auf der Tradition und der direkte Draht zur "guten, alten Zeit" sind hier immerhin ebensolche Faktoren wie tadelloser Kaffee, ein gediegener Service und himmlische Mehlspeisen. Doch neue Ideen, die durchaus zur Tradition passen, sind im Entstehen: Im Café Schottenring und im Café Restaurant Residenz in Schönbrunn zum Beispiel kann man in einem "Apfelstrudel-Seminar" lernen, den hauchdünnen Teig richtig zu ziehen, zu füllen und zu rollen, oder in einem "Kaffee-Seminar" die Hintergründe des braunen Elexiers erfahren. Und ein Wiener "Institut für Kaffee-Experten-Ausbildung" bietet sogar einen Kurs zum "Kaffee-Sommelier" an. Wer jetzt zur Ansicht gelangt, dass es angesichts all dieser bereits existierenden und der stets neu dazukommenden Genüsse doch wirklich keinen Grund mehr zum "Raunzen", der typisch Wienerischen, eher halbherzig vorgebrachten Unmutsbezeugung, gibt, der irrt. Denn irgendwann einmal ist der Bauch doch schon ziemlich voll, das Angebot aber noch so groß.: Wenn das kein Grund zum Raunzen ist!
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